Vom Opel-Kadett-Schrauber zum Tesla-Roadster-Flüsterer: Conrad Buck und sein Team von Mars Orbiter geben seltenen E-Sportwagen neues Leben – und zeigen, wie nachhaltiger Service für Elektrofahrzeuge aussieht.

"Die Zukunftswerkstatt für E-Fahrzeuge", heißt es auf der Webseite von Mars Orbiter. Benannt ist das Unternehmen nach dem durchs All kreisenden Tesla Roadster, den Elon Musk 2018 mit einer SpaceX-Rakete gen Mars-Umlaufbahn schoss. Ein Tesla Roadster war es auch, der bei Conrad Buck die Faszination für E-Autos weckte. Der gebürtige Nordhesse, der sich mit Blick auf seine automobilen Wurzeln als "Petrolhead" bezeichnet, schraubte mit 18 an seinem ersten Opel Kadett. Doch seine Leidenschaft für Verbrenner verpuffte schlagartig, als er vor 16 Jahren zum ersten Mal in dem E-Sportwagen saß. So schnell, so leise!
Der Antrieb ist sein Antrieb
Der gelernte Radio- und Fernsehtechniker nutzte sein Wissen über Elektronik – gepaart mit jahrelanger Schrauber-Erfahrung und viel Tüftlergeist – für Reparaturen und technische Finten an seinem eigenen Roadster. Auch bei E-Rennen trat er mit dem E-Flitzer erfolgreich an. Sein Know-how sprach sich in der Tesla-Szene bald herum und war gefragt. Denn für die bis 2012 in Kleinserie produzierten Roadster war guter Service rar. So kam es 2019 zu Geschäftsidee und Gründung. "Der Antrieb ist mein Antrieb", sagt Conrad Buck. Heute arbeitet das fünfköpfige Team von Mars Orbiter im Gewerbegebiet Mittleres Fuldatal in einer in Holzbauweise errichteten Halle, mit Solaranlage auf dem Dach und Wärmepumpe im Keller. Nicht nur für die Autos, die Buck und sein Team dort warten und reparieren, gilt also: "Was Dreck macht, haben wir nicht."
"Die Autos sind toll, aber der Typ hat einen an der Waffel"
Roadster von Kunden aus ganz Europa stehen in der Werkstatt. Mit dem Tesla-Modell mache man rund zwei Drittel des Umsatzes, sagt Conrad Buck. Dabei ist ihm eins wichtig zu betonen: "Die Autos sind toll, aber der Typ hat einen an der Waffel." Dass er von Elon Musk nichts hält, bringt der Tesla-Fan auch auf Aufklebern zum Ausdruck, die auf verschiedenen Kisten in der Werkstatt kleben. Service bietet Mars Orbiter selbstverständlich auch für E-Fahrzeuge aller anderen Hersteller. "Es gibt Leute, die haben noch Garantie auf ihr Auto und lassen es lieber kostenpflichtig bei uns reparieren", so der Geschäftsführer.

Hochvolt-Warnaufsteller sind Standard
Karosserieschäden und Verschleiß sind wie in herkömmlichen Werkstätten Klassiker im Service bei den E-Experten. "Auch bei Elektroautos gehen die Bremsscheiben mal kaputt, weil sie vergammeln", weiß der 58-Jährige. Denn gebremst wird meist automatisch über den Elektromotor. Anders als bei Verbrennern spielen Themen wie Ölwechsel, Turbolader oder Abgasuntersuchung keine Rolle in der Malsfelder Werkstatt. Herzstück von E-Autos ist die Batterie. Die gelben Hochvolt-Warnaufsteller an den Fahrzeugen gehören neben isolierten Werkzeugen und Handschuhen zur Standardausrüstung der E-Werkstatt. Eine der spezialisierten Serviceleistungen ist die Reinigung der Ventile, die die Luftzufuhr zur Batterie regeln. Außerdem die Diagnose von Batterieproblemen. Beim Roadster liege die Ursache oft an Kontaktproblemen zwischen den einzelnen Batterieblöcken, sagt Buck. Durch einen Austausch defekter Drähte und verrosteter Nieten lasse sich die kostbare Batterie oft retten. Denn mangels Ersatzteilen wäre ein Ausfall sonst schnell das Todesurteil für den Wagen. Im Auftrag von Mars Orbiter hat eine Partnerfirma in Bremen daher eine Alternativbatterie entwickelt und gebaut, die künftig alten Roadstern neues Leben einhauchen soll.
Zuviel Skepsis und Gemecker
Conrad Buck bietet zudem Hochvolt-Schulungen für Fachkräfte aus Kfz-Werkstätten sowie für Rettungskräfte an, die beruflich mit E-Fahrzeugen zu tun haben. Bei Ausbau der E-Mobilität sieht der Melsunger in vielerlei Hinsicht Luft nach oben. Wo die größten Hürden liegen? Er tippt mit dem Zeigefinger an seinen glattrasierten Kopf: "Hier!", sagt er. In Deutschland werde Neuem zu oft mit Skepsis und Gemecker begegnet. Neben dem Ausbau der Ladeinfrastruktur sieht Buck auch die Einführung eines Tempolimits auf Autobahnen als einen Hebel, um Elektroautos attraktiver zu machen. "Wir fahren zu schnell."
Einen Verbrenner gibt es doch
Auch in der Kfz-Branche würde er sich mehr Interesse an E-Fahrzeugen wünschen. Nach seiner Wahrnehmung sind viele Werkstätten noch nicht ausreichend qualifiziert. "Jede Fahrradwerkstatt hat sich doch auch mit E-Bikes reingefuchst", sagt Buck. Er ist überzeugt, dass der E-Mobilität die Zukunft gehört. Komplett elektrifiziert ist die Flotte von Mars Orbiter allerdings noch nicht: Der Transporter ist ein Diesel – das E-Pendant wäre wegen der großen Batterie zu schwer. Manchmal kommt eben selbst eine Werkstatt für Elektroautos um Verbrennertechnik noch nicht herum.