Landtechnik Offroad weiterfahren, wo alle anderen stehen bleiben

Line Traction gilt als weltweit bester Offroad-Antrieb. Für seine Entwicklung wurde Landmaschinenmechanikermeister Werner Müller auf der Agritechnica mit einer Goldmedaille ausgezeichnet.

Demonstration des Antriebssystems Line Traction
Vertrauen in die eigene Technik ­beweist Landmaschinenmechanikermeister Werner Müller, wenn er das von ihm entwickelte Allrad-Antriebssystem Line Traction demonstriert. - © Müller Landmaschinen

Eine Rampe mit zwei Fahr­rinnen windet sich extrem steil nach oben. 44 Grad, fast 100 Prozent Steigung, enger Kurvenradius. Kein Fahrzeug der Welt würde diesen Parcours meistern. Mit einer Ausnahme: Ein Terratrac des schweizerischen Spezialfahrzeugherstellers Aebi, ausgestattet mit einem neuen Antriebssystem. Line Traction gilt als weltweit bester Off­road-Antrieb, entwickelt von Werner Müller aus Bonndorf im Schwarzwald.

Mitte November wurde der Landmaschinenmechanikermeister dafür auf der internationalen Fachmesse Agritechnica mit dem Innovation Award in Gold ausgezeichnet. Ge­meinsam mit seinem Sohn Johannes, der zusammen mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) die Software für die Steuerung beigesteuert hat, und Kooperationspartner Aebi nahm Müller in Hannover den Preis entgegen, um den sich Unter­­nehmen mit 251 Neuheiten beworben hatten.

Offroad ohne Differenzial

"Das Line Traction-Antriebssystem verbessert nicht nur die Traktion und vermindert Schäden an der Grasnarbe, sondern erhöht auch die Sicherheit bei Wendemanövern in Hanglagen", begründet die Jury der Landwirtschaftsmesse ihre Entscheidung. Die Idee hinter Müllers Innovation: ein Allradantrieb, der ohne Differenzial auskommt. "Wir schalten die Nachteile des Differenzials aus, damit bleibt das Fahrzeug jederzeit lenkbar und beweglich", erklärt der Er­finder, dessen Antrieb sowohl in Verbrenner- als auch in Elektrofahrzeugen eingesetzt werden kann.

Bislang nutzen geländegängige Hangmäher oder Traktoren Differenzialgetriebe, um auf schwerem Offroad-Gelände genug Kraft über die Räder auf den Boden zu bringen. Dabei verhindern mechanische Sperren und Differenziale das Durchdrehen einzelner Räder, verursachen jedoch Verspannungen im Antriebsstrang und erhöhen den Reifenverschleiß. Die Bedienung der Differenzialsperren verlangt hohe Aufmerksamkeit vom Fahrer und führt bei langen Arbeitseinsätzen zu Ermüdung und Produktivitätseinbußen.

Hanggeräteträger mit Line Traction im Einsatz
Wendemanöver in Hanglagen sind mit Line Traction kein Problem, denn das Fahrzeug bleibt jederzeit lenkbar. - © Müller Landmaschinen

Werner Müller tüftelt schon seit zwei Jahrzehnten an einer Lösung dieser Probleme. Zunächst setzte er auf einen hydraulischen Antrieb der Räder, musste diese Idee nach Tests mit ersten Prototypen aber wieder verwerfen. Zu schwer, zu teuer und eine schlechte Energiebilanz. Mehr Effizienz versprach eine mechanische Lösung. Dabei rotiert jede zur Radnabe führende Welle mit gleicher Drehzahl. Die für die Kurvenfahrt erforderliche Differenz erzeugt ein Planetengetriebe, das sich über einen internen Hydraulikkreislauf so steuern lässt, dass die Drehzahl jedes Rades in Echtzeit an den jeweiligen Lenkwinkel und die Geschwindigkeit angepasst werden kann.

Terratrac außergewöhnlich manövrierfähig

Seit 2022 steht ein umgerüsteter Hanggeräteträger Terratrac 281 von Aebi als Testfahrzeug zur Verfügung. Und beweist nicht nur auf der Rampe für Demonstrationszwecke seine außergewöhnliche Manövrierfähigkeit, sondern auch offroad in den Steillagen der Schweiz oder des Schwarzwaldes.

Stefan Herr, Leiter der Forschungsgruppe Antriebstechnik am KIT-Institut Mobile Arbeitsmaschinen bestätigt das: "Das Versuchsfahrzeug fährt dort weiter, wo andere stehen bleiben. Flächen, die bisher nicht nutzbar waren oder von Hand bewirtschaftet werden mussten, lassen sich nun maschinell bearbeiten." Einsatzszenarien seien etwa das Mähen von steilen Hängen an Autobahntrassen oder von Wiesen in Bergregionen. Werner Müller sieht Landwirte und Kommunen als Zielgruppe für Fahrzeuge mit Line Traction-Antrieb.

Zur Messe reges Interesse für Line Traction

Zur Agritechnica sei das System auf sehr großes Interesse gestoßen. "Da tun sich ganz neue Bereiche auf, etwa bei Rüben- und Kartoffelvollerntemaschinen oder im Pflanzenschutz für Kaffeeplantagen", sagt Werner Müller, der in Bonndorf zusammen mit Sohn Daniel und Tochter Maria Dix die Müller Landmaschinen GmbH führt, während sich Sohn Johannes als Maschinenbauingenieur um das Engineering kümmert. Die 35 Mit­arbeiter betreuen Kunden aus Land- und Forstwirtschaft sowie Kommunen im Umkreis von rund 80 Kilometern.

Neben dem Alltagsgeschäft gehört die Entwicklung von Antriebstechnik zum Selbstverständnis des Handwerksbetriebes. Mit der Auszeichnung für die Entwicklung von Line Traction trägt dieser Einsatz Früchte. Verbunden ist der Award allerdings mit einer Maßgabe: Bis zur nächsten Agritechnica im Herbst 2027 muss Aebi Line Traction in die Serienproduktion überführen. Werner Müller glaubt fest daran: "Die schaffen das."