Gemeinschaftsdiagnose Öl 50 Prozent teurer, Gas verdoppelt: Die neuen Zahlen

Die Gemeinschaftsdiagnose der führenden Institute zeichnet ein nüchternes Bild: Das Wachstum halbiert sich gegenüber der Herbstprognose, die Inflation steigt, die Erholung am Arbeitsmarkt verzögert sich. Welches Szenario die Forscher zugrunde legen – und wann es noch schlimmer kommen könnte.

Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef des Ifo-Instituts, bei der Vorstellung der Gemeinschaftsdiagnose: "Der Energiepreisschock wird die Erholung dämpfen, aber nicht vollständig zum Erliegen bringen." - © picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow

Kaum hat die deutsche Wirtschaft wieder etwas Tritt gefasst, erhält sie durch die Folgen des Iran-Krieges einen Dämpfer. Bisher bleibt es jedoch bei einer Abkühlung: "Der Energiepreisschock wird die Erholung dämpfen, aber nicht vollständig zum Erliegen bringen", sagte Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef des Ifo-Instituts, bei der Vorstellung der Gemeinschaftsdiagnose. Die expansive Finanzpolitik des Staates stütze derweil die Binnenwirtschaft.

Höhere Energiepreise kosten Wachstum

Insgesamt rechnen die Institute mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,6 Prozent für 2026 und 0,9 Prozent für 2027. Im Herbst waren sie noch von 1,3 bzw. 1,4 Prozent ausgegangen. Allein der Energiepreisschock wird nach Wollmershäusers Worten das Wachstum in diesem und im nächsten Jahr um 0,3 Prozentpunkte reduzieren. Er verwies darauf, dass die Ölpreise seit Januar um mehr als 50 Prozent gestiegen sind und sich der Gaspreis in Europa in etwa verdoppelt hat.

Deutlich höhere Inflation erwartet

Diese gestiegenen Preise für Öl und Gas werden nach Einschätzung der Institute auch andere Preise nach oben treiben. Schon im März lag die Inflation infolge des Krieges bei 2,7 Prozent (Februar: 1,9 Prozent). Für 2026 erwarten die Forscher eine durchschnittliche Inflationsrate von 2,8 Prozent (Herbstprognose: 2,0 Prozent) und für 2027 von 2,9 Prozent (zuvor 2,3 Prozent). Dabei unterstellen die Experten, dass die Europäische Zentralbank im Laufe dieses Jahres mit drei Zinserhöhungen auf den Preisdruck reagiert.

Viel hängt vom Schiffsverkehr ab

Wie Wollmershäuser weiter ausführte, legt die Prognose ein Basisszenario zugrunde. Dieses geht davon aus, dass der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus im zweiten Quartal 2026 wieder möglich sein wird und die Energiepreise ab dem Sommer sinken – ohne jedoch das Vorkriegsniveau zu erreichen. Sollten die Preise allerdings stärker steigen oder länger hoch bleiben, würde die Wirtschaft entsprechend schwächer wachsen. Noch gravierender könnten die Auswirkungen sein, falls es zu Lieferengpässen und Produktionsstillständen wegen fehlender Vorprodukte, etwa aus Asien, kommt.

Institute gegen Tankrabatt und ähnliche Maßnahmen

Noch halten sich die Auswirkungen des Iran-Krieges für Deutschland in Grenzen: "Bislang stufen wir die Krise als weniger gravierend ein als die Corona-Pandemie oder die Folgen des Ukraine-Krieges", so Wollmershäuser. Von staatlichen Maßnahmen zur Abfederung der Energiepreise, wie etwa einem Tankrabatt, raten die Institute ab, da diese Marktsignale außer Kraft setzen würden. Stattdessen sprechen sie sich für zielgerichtete soziale Ausgleichsmaßnahmen aus.

Erholung auf dem Arbeitsmarkt verzögert sich

Der Wachstumsdämpfer erreicht auch den Arbeitsmarkt: Die Arbeitslosenquote wird nach Einschätzung der Forscher im laufenden Jahr zunächst von 6,3 auf 6,4 Prozent steigen, bevor sie im kommenden Jahr auf 6,2 Prozent fällt. An der Gemeinschaftsdiagnose sind neben dem Ifo-Institut in München und dem Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) auch das IWH Halle und das DIW Berlin beteiligt.

Reformdruck steigt

Angesichts der verhaltenen Aussichten fordern die Wirtschaftsinstitute erneut eine entschlossene Wachstumspolitik. "Es geht darum, Wachstumsbremsen zu lösen", sagte Stefan Kooths, Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Dies gelte umso mehr, da die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter schrumpfe und der Druck auf die Sozialsysteme zunehme. Auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) pflichtete dem bei: "Es ist jetzt an der Zeit, sich auf mutige Reformen zu einigen."