Ab der kommenden Woche wird Berlin mit der Fashion Week wieder für ein paar Tage zur Stadt der Modetrends. Ein zentrales Thema dabei: "Green Fashion". Doch nicht nur zur Fashion Week ist Nachhaltigkeit bei der Bekleidung ein Trend. Bei den Maßschneidern steigt die Nachfrage.
Jana Tashina Wörrle

Es ist nur ein paar Monate her, als die deutschen Maßschneider gemeinsam mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerks zu einem Flashmob gegen die großen Hersteller von "Billigmode" aufgerufen haben. Anlässlich der Berliner Fashion Week im Sommer umrundeten an einem Nachmittag im Juni zahlreiche Frauen in einheitlicher Kleidung den Brunnen auf dem Alexanderplatz.
Genau an dem Ort, wo sich viele Anbieter von sehr günstiger Massenware ein großes Geschäft versprechen, wollte das Handwerk darauf aufmerksam machen, dass Mode auch anders aussehen kann: individuell, unter fairen Bedingungen hergestellt und aus Materialien, die Mensch und Umwelt nicht schaden.
Billigmode und Einheitslook hinterfragen
Zur Fashion Week ist die Aufmerksamkeit für das Thema Mode groß und auch ein paar Monate später steht Nachhaltigkeit in Sachen Bekleidung im Mittelpunkt. "Green Fashion" nennen die Veranstalter der Winter-Fashion-Week 2017 einen der Schwerpunkte der Modeschauen – und dieser ist seit vielen Jahren schon ein Teil der Fashion Week.
Zwar hat sich scheinbar der Trend zu Bio-Lebensmitteln, zu ökologischem Bauen und zu Fahrzeugen, die vermeintlich umweltfreundlicher sind als die, die noch vor einigen Jahrzehnten über die Straßen rollten, schneller durchgesetzt als das Bewusstsein, dass auch das, was wir an Kleidung am Körper tragen, nachhaltiger gestaltet sein könnte. Doch das Thema "Ökomode" kommt immer mehr aus seiner Nische. Nicht zuletzt, dass sich bekannte Designer heute auch gerne mit dem Thema in der Öffentlichkeit präsentieren, hat dazu beigetragen.
Für die Maßschneider ist Nachhaltigkeit dagegen kein Trend, den es jetzt immer stärker zu forcieren gilt, sondern Alltag. Nachhaltiges Arbeiten gehört in der Branche seit jeher zum Geschäft und unterscheidet die Betriebe so auch von den Firmen, die Massenware zu Billigpreisen auf den Markt bringen. Um dies zu beweisen, braucht es auch nicht immer einen Flashmob.
Maßschneider: Nachhaltigkeit ist gefragt
Derzeit erlebt die Branche einen Aufschwung – und das in zweierlei Hinweist: der Beruf selbst ist gefragter denn je und die individuelle Mode der Maßschneider erfreut sich regem Interesse. Das zeigt auch der Erfolg der TV-Sendung "Geschickt eingefädelt" , bei der Inge Szoltysik-Sparrer, die Bundesvorsitzenden des Verbands deutscher Maßschneider, als Jurymitglied dabei ist.
Ein Gespräch Inge Szoltysik-Sparrer über die Trends der Fashion Week und das Thema "Green Fashion":
DHZ: Veranstaltungen wie die Fashion Week gelten als Trendgeber für die großen Modelabels. Doch wie wichtig sind sie für Maßschneider?
Szoltysik-Sparrer: Die Fashion Week ist in erster Linie ein Treffen der Designer der großen Modeindustrie. Es geht dort um Trends, die meist sehr kurzlebig sind. Natürlich verfolgen auch wir Maßschneider derartige Veranstaltungen, aber grundsätzlich halten wir uns eher an Modeklassiker und Schnitte, Stoffe, Farben und Muster, die mehr als eine Saison getragen werden.
DHZ: Es geht also mehr darum den Kunden Basics für den Kleiderschrank anzubieten? Was sind die Gründe, warum heute jemand zum Maßschneider geht und sich ein Kleidungsstück anfertigen lässt?
Szoltysik-Sparrer: Der Großteil der Kleidungsstücke, die ein Maßschneider fertigt, ist Gesellschafts- und Businesskleidung. Wir nennen unser Herangehen "anlassorientiert", aber natürlich muss auch diese Mode alltagstauglich sein. Viele Kunden fragen, bevor sie ein Stück in Auftrag geben, was die aktuellen Trendfarben der Saison sind, die Schnitte sollen dann aber meist zeitlos sein. Wer sich Kleidungsstücke beim Maßschneider machen lässt, möchte sie lange tragen können. Das liegt auch daran, dass wir die Kleidung individuell an den Kunden anpassen, dass wir Materialien verwenden, die lange halten und natürlich kosten diese Stücke auch etwas mehr.
DHZ: Das klingt alles stark nach einem Stichwort, dass immer wieder im Zusammenhang mit der Fashion Week fällt. Dort heißt ein Schwerpunkt seit ein paar Jahren „Green Fashion“. Man kann das Ganze auch als "Nachhaltigkeit" übersetzen. Welche Rolle spielt nachhaltige Mode in der Branche der Maßschneider?
Szoltysik-Sparrer: Eine große Rolle, das haben wir ja auch mit der Aktion bei der letzten Fashion Week gezeigt. Es geht dabei aber nicht nur um "Ökomode", die aus umweltfreundlichen und schadstofffreien Materialien gefertigt ist, sondern auch um die Arbeitsbedingungen derjenigen, die die Kleidung herstellen und eben darum, dass die Kleidung von den Kunden lange getragen werden kann. Statt Billigmode, die schnell wieder aussortiert wird, und Einheitslook bieten wir individuelle Modelle, bei denen der Kunde den ganzen Produktionsprozess nachvollziehen kann, wenn er will.
DHZ: Was heißt das konkret?
Szoltysik-Sparrer: Ein Maßschneider kann sich bei der Herstellung der Kleidung quasi direkt über die Schulter schauen lassen, er kennt die Stoffzulieferer und in der Regel auch die Hersteller und kann Auskunft über die Herkunft der Stoffe geben. Wir arbeiten zum Beispiel auch nach dem Grundsatz nur Stoffe aus EU-Ländern zu verarbeiten. Eine sehr häufig gestellte Frage oder sogar Bitte von Kunden lautet: "Das kommt aber nicht aus Fernost, oder?"
DHZ: Welche Rolle spielen die Aspekte "Trendmode", "Nachhaltigkeit" und "Transparenz im Produktionsprozess" in der Ausbildung?
Szoltysik-Sparrer: Eine große Rolle – sowohl in der Gesellenausbildung, als verstärkt auch bei der Meisterausbildung. Trends muss man kennen, auch wenn man sie vielleicht nicht eins zu eins umsetzt. Was Nachhaltigkeit in unserem Beruf bedeutet, spiegelt ja den ganz normalen Arbeitsprozess wieder. Die Produktionskette vom Stoffhersteller bis zu uns müssen alle Mitarbeiter schon deshalb kennen, weil die Kunden immer öfter nachfragen. Viele haben angefangen zu hinterfragen, was sie für Kleidung tragen. Es ist den Leuten heute nicht mehr nur wichtig, was sie essen oder welches Auto sie fahren und welche Folgen das hat, sondern zunehmend auch, was sie mit ihrer Kleidung beeinflussen können.
DHZ: Das Maßschneiderhandwerk erfährt also eine steigende Nachfrage?
Szoltysik-Sparrer: Ja, im doppelten Sinn. Einerseits lassen wieder mehr Menschen individuelle Kleidung fertigen, andererseits haben auch wieder viele Jugendliche Interesse daran, eine Ausbildung im Maßschneiderhandwerk zu absolvieren. Einige der Azubis sehen das als Sprungbrett an, um danach ein Modedesignstudium zu beginnen und andere wollen direkt in diesem Beruf arbeiten. Viele unserer Betriebe bilden über den eigenen Bedarf aus, denn wir begrüßen, dass wieder mehr Schulabgänger erst einmal das Handwerk lernen wollen, bevor sie sich für ein eventuelles Studium entscheiden. Sie haben dann später auch ein ganz anderes Verständnis für Mode, wenn sie wissen, was nötig ist, um ein Kleidungsstück herzustellen.
Maßschneiderhandwerk in Zahlen
- Im Jahr 2015 gab es im Maßschneider-Handwerk 1974 klassische, inhabergeführte Meisterbetriebe.
- Davon beschäftigten 335 Betriebe mehr als fünf Mitarbeiter. Bei 1639 Betrieben wurden im Durchschnitt zwei Mitarbeiter beschäftigt.
- Meist arbeitet der Meister als Betriebsinhaber im Betrieb mit und hat in der Regel eine Gesellin und ein bis zwei Auszubildende.
- Der Gesamtumsatz im Maßschneider-Handwerk betrug 485 Millionen Euro.
- In den 452 Ausbildungsbetrieben wurden 921 Auszubildende ausgebildet. Davon waren 82 Azubis männlich, 839 weiblich.
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