Bildungssystem OECD-Bildungsbericht: Lob und Tadel für Deutschland

Anerkennung für das duale System: Die Arbeitslosigkeit ist in Deutschland auch wegen des Bildungssystems niedrig, bescheinigt die OECD in ihrem neuesten Bericht. Von ihrer Forderung nach mehr Studenten rückt die Organisation dennoch nicht ab – ein Fehler, meint Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer.

Zwar kommt das duale Bildungssystem im OECD-Bildungsbericht gut weg, mehr Studenten brauche Deutschland aber trotzdem, befindet die Organisation. - © Foto: Robert Kneschke, Fotolia

"Deut schland war während der Wirt schaftskrise bei der Eindämmung der Arbeitslosigkeit erfolgreicher als die meisten OECD-Länder", befindet die Organisation für wirt schaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) in ihrem jährlichen Bericht "Bildung auf einen Blick". Und das unter anderem aufgrund des dualen Ausbildungssystems, das zu den niedrigen Erwerbslosenquoten beitrage. Damit lobt die Organisation nach jahrelanger Kritik erstmals das Bildungssystem in Deut schland.

Denn Erwachsene mit Berufsab schluss weisen im Vergleich der 34 Länder überdurch schnittliche Be schäftigungsquoten auf, heißt es in dem Bericht. Gerade bei den jüngeren sei das auffällig: Während hierzulande 85 Prozent der 25- bis 34-Jährigen mit einem berufsbildenden Ab schluss des Sekundarbereichs II oder des postsekundären Bereichs (Gesellen) erwerbstätig sind, sind es im OECD-Durch schnitt nur 78 Prozent. Umgekehrt sind hierzulande nur 5,3 Prozent der jungen Erwachsenen mit einem entsprechenden Berufsab schluss erwerbslos – im Mittel der OECD Länder sind es 10,6 Prozent.

Wanka: Zwei gleichwertige Alternativen

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka nahm die Studie sogleich zum Anlass, die Arbeit der Bundesregierung zu loben. Die Ausgaben für Schüler und Studenten seien gestiegen und die Bundesrepublik habe insgesamt ein sehr hohes Bildungsniveau. "Deut schland bildet sich wie nie zuvor. Und das ist die beste Absicherung gegen Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel", sagte Wanka. "Der Erfolg unseres Bildungssystems resultiert auch daraus, dass den jungen Men schen mit Hoch schulausbildung und beruflicher Bildung zwei gleichwertige Alternativen zur Verfügung stehen." Beide böten optimale Möglichkeiten für die berufliche Zukunft.

Doch obwohl die OECD erstmals ausdrücklich das duale System in Deut schland als effektiv anerkennt, bleibt sie bei ihrer bekannten Forderung nach mehr Studenten. Zwar erwerben in Deut schland derzeit so viele junge Leute wie noch nie einen Ab schluss an Hoch- und Fach schulen oder einen Meister – also im tertiären Bereich. Dennoch wachse der Anteil an Hochgebildeten in der Bundesrepublik so langsam, wie in kaum einem anderen Land.  

Ausgaben für Bildung zu niedrig

"Die OECD sollte endlich anerkennen, dass hohe Akademikerquoten allein die Leistungsfähigkeit eines Landes nicht erhalten können", kommentierte Hans-Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deut schen Handwerks die OECD-Veröffentlichung gegenüber der Zeitung Die Welt. "Deut schlands Wirt schaft ist erfolgreich, gerade weil es seine Arbeitskräfte sowohl aus der beruflichen als auch aus der akademi schen Bildung gewinnt. Beide Systeme sind bei uns zu Recht als gleichwertig akzeptiert – das sollte endlich auch die OECD einsehen."

Ebenfalls weniger gut kommt die Bildungspolitik im Bericht weg. Zwar seien die Ausgaben für Bildung in den vergangenen Jahren gestiegen, lägen in Deut schland mit 5,1 Prozent des BIP aber immer noch unter dem OECD-Durch schnitt (6,1 Prozent). Außer bei der frühkindlichen Bildung investiere Deut schland in allen Bereichen vergleichsweise wenig.

Ergebnisse nicht überbewerten

Als problemati sch bezeichnet die Organisation zudem, dass Kinder schlecht ausgebildeter Eltern kaum eine Möglichkeit zum Aufstieg haben. Eher sei es der Fall, dass Kinder einen niedrigeren Bildungsab schluss als die Eltern erreichten. Die Bildungsmobilität sei so gering wie in kaum einem anderen Land. Hinzu kommt: Die Einkommen der gut und der schlecht qualifizierten entwickeln sich auseinander. Men schen ohne Berufsab schluss verdienen also immer weniger, während besser Qualifizierte immer mehr verdienen. Es bestehe daher die "Gefahr einer Aushöhlung der Mitte", so die OECD.

Heino Meyer, Leiter des OECD Berlin Centres, warnte daher davor, die guten Mittelwerte Deut schlands überzubewerten: "Deut schland erzielt bei vielen Indikatoren des diesjährigen Bildungsberichts gute Ergebnisse. Bei genauerem Studium der Daten stellt sich allerdings heraus, dass die schönen Durch schnittswerte nur die halbe Wahrheit erzählen". Aufstieg durch Bildung zu fördern, sei daher das wichtigste Ziel. sch