Wenn Mitarbeiter gut bezahlt werden, profitieren die Unternehmen von einer besseren Leistung. Doch trotzdem sei ein flächendeckender Mindestlohn kein Allheilmittel für einen stabilen Arbeitsmarkt, sagt Frank-Jürgen Weise, der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (BA). Im Interview gibt er eine Einschätzung zum Fachkräftemangel und möglichen Lösungen und wirft einen Blick auf die Herausforderungen für den Arbeitsmarkt 2013.

Viele sprechen vom Fachkräftemangel. Wäre eine bessere Bezahlung in den Berufen, in denen es einen Mangel gibt, ein Ausweg aus der Misere?
Frank-Jürgen Weise: Wir sprechen nicht von einem Fachkräftemangel, sondern von einem Fachkräftebedarf. Das ist ein Unterschied: Denn wir sehen flächendeckend in allen Branchen keinen Mangel, sondern in bestimmten Branchen und Regionen eindeutig einen Bedarf. In der Tendenz wird der aber steigen. Und daher wird man in Zukunft nur noch gute Leute bekommen, wenn man gut bezahlt. Die Bezahlung ist aber kein Allheilmittel: Die Fachkräfteengpässe haben ihre Ursache ja auch in der demografischen Entwicklung. Das heißt: Es gibt einfach zu wenig nachkommendes Potenzial.
Wäre es denn angemessen, die Beschäftigten in diesen Branchen besser zu bezahlen?
Weise: Ich war ja nun selber Unternehmer und habe die Erfahrung gemacht: Um wirklich gute Produkte und gute Dienstleistungen zu bringen, muss man in die Menschen investieren. Wir denken bei dem Stichwort Fachkräfte meistens an Ingenieure. Aber eine gute Fachverkäuferin, die freundlich, höflich, kompetent ihre Sachen erklärt, ist für einen Unternehmer auch sehr viel wert. Und da erwarte ich, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter weiterbilden, qualifizieren, ermutigen. Weil eines klar ist: Nur mit guten Leuten macht man gute Geschäfte.
Das scheint für viele aber nicht das Wichtigste zu sein.
Weise: Wir sehen verschiedene Entwicklungen. Es gibt Menschen, die nicht die persönliche Energie aufbringen, mehr aus sich zu machen. Da sehe ich übrigens uns in der Verpflichtung, den Hinweis zu geben: Es ist gut, etwas für sich zu tun, um in Arbeit zu bleiben. Also eine Fortbildung mit eigener Zeitinvestition. Andererseits muss auch das Unternehmen zusehen, dass es seine Mitarbeiter befähigt, in ihrem Beruf zu bleiben und muss das auch bezahlen.
Wer schlecht bezahlt wird, hat im Normalfall wenig Motivation, seine Freizeit für Fortbildung zu opfern. Wäre deshalb nicht mehr Wertschätzung von Mitarbeitern angebracht?
Weise: Absolut. Leider gibt es auch bei uns Mitarbeiter, die fühlen sich nicht gesehen, die fühlen sich nicht wertgeschätzt. Obwohl wir in Weiterbildung sehr viel investieren. Anerkennung ist für die meisten Menschen genauso wichtig wie die Bezahlung. Das dürfen Führungskräfte nie vergessen.
Was sagen Sie zu der Tendenz, dass es immer mehr berufstätige Aufstocker gibt? Sollte stattdessen nicht ein besserer Lohn bezahlt werden?
Weise: Wenn jemand nur Teilzeit arbeiten kann, weil er sich um Kinder oder Pflegebedürftige kümmern muss und sein Einkommen aufgestockt wird, halte ich das für vernünftig. Auch, wenn der Einzelne nicht die notwendige Produktivität aufbringt und deshalb kein vollständiges existenzsicherndes Einkommen bekommt, ist Aufstocken richtig. Lieber Arbeit und die aufgestockt, als keine Arbeit. Bedenklich ist die Praxis dort, wo Unternehmer bewusst einen niedrigen Lohn zahlen und einkalkulieren, dass die Allgemeinheit etwas drauf zahlt. In solchen Fällen müssen die Tarifparteien eingreifen. Wer arbeitet, sollte auch davon leben können.
Wäre da ein flächendeckender Mindestlohn eine Lösung?
Weise: Das ist eine Sache der Tarifparteien oder der Politik. Nur muss ich angesichts meines sozialen Auftrags natürlich sehen: Wenn Menschen für unsere Demokratie begeistert sein sollen, wenn sie sich engagieren sollen als Staatsbürger, dann muss es auch einen Rahmen geben, in dem keiner verloren geht. Nicht jeder kann Höchstleistung bringen. Aber wenn Menschen dazu bereit sind, gute Arbeit zu machen, muss das aus meiner Sicht anerkannt werden. Auf einen Mindestlohn werde ich mich nicht festlegen. Aber eines rate ich: Es gibt eine Mindestleistung, die man bringen muss, um Geld zu verdienen. Und dann muss es auch entsprechend Wertschätzung und finanzielle Anerkennung geben.
Mit welcher Entwicklung rechnen Sie 2013?
Weise: Wir bleiben bei der Einschätzung, dass der Arbeitsmarkt 2013 schwierig wird. Das Risiko, aus Arbeit entlassen zu werden, ist immer noch relativ gering und liegt auf dem Niveau der Vorjahre. Aber es wird schwieriger, aus Arbeitslosigkeit in Arbeit zu kommen. Und das war ja gerade der Erfolg der letzten Jahre, dass wir viele Menschen – wenngleich auch über verschiedene Qualität von Arbeit – in den Arbeitsmarkt bekommen haben. Der strukturelle Abbau von Arbeitslosigkeit wird wohl zum Stillstand kommen.
Machen Sie sich deshalb Sorgen?
Weise: Es könnte sein, dass die gute Entwicklung zum Stillstand kommt, aber im zweiten Halbjahr 2013 wieder Fahrt aufnimmt. Aber da muss man klar sagen: Diese Prognose geht davon aus, dass nicht erneut eine große Bank insolvent wird oder Länder aus der Währungsunion austreten. Wenn so etwas passiert, und das Risiko dafür ist nicht null, wäre das für den Arbeitsmarkt richtig schlecht.
Das Interview führte dapd-Korrespondentin Brigitte Caspary.