Die Stille vor der norwegischen Botschaft in Berlin-Tiergarten ist beklemmend. Regungslos stehen Familien, Paare und Jugendliche zusammen und schauen auf das Blumenmeer. Niemand spricht.
Norweger halten Schweigeminute vor Berliner Botschaft
Berlin (dapd-bln). Die Stille vor der norwegischen Botschaft in Berlin-Tiergarten ist beklemmend. Regungslos stehen Familien, Paare und Jugendliche zusammen und schauen auf das Blumenmeer. Niemand spricht. Dabei ist es erst kurz vor zwölf - die offizielle Schweigeminute in Skandinavien hat noch nicht begonnen. Das Glockengeläut einer nahe gelegenen Kirche wirkt dann fast erlösend: Eltern nehmen ihre Kinder in den Arm, Freunde halten sich an den Händen. Knapp 1.000 Kilometer vom Ort der Anschläge entfernt zeigen sich am Montagmittag in Berlin zahlreiche Menschen mit den Norwegern solidarisch.
Frederick Alexander Reiersen ist mit zwei Kommilitonen zur diplomatischen Vertretung gekommen. Der norwegische Student bangt um einen Bekannten, der im Camp auf Utöya war. "Ich bete immer noch, dass er lebt", sagt der 24-Jährige nach der Schweigeminute. "Auch, wenn ich fast nicht mehr daran glaube." Via Facebook und Twitter ist er mit Freunden aus Oslo in Kontakt. "Bisher weiß aber niemand, ob er gefunden wurde und im Krankenhaus ist."
Hass auf den Attentäter Anders Breivik empfinde er allerdings nicht. Vielmehr habe er gar kein Gefühl für "diesen Menschen" übrig. "Ich bin nur froh, dass es sich nur um einen Einzelnen und keine Terror-Organisation handelt."
Auch Malte Schneider vermisst seit dem Massaker auf Utöya einen Bekannten. "Ich habe immer wieder versucht, ihn zu erreichen - bisher keine Reaktion", sagt der 37-Jährige und reibt sich die Augen. "Ich werde die Bilder nicht los, wie sich alles abgespielt haben könnte."
Unter den Trauernden vor der Botschaft ist auch Anna-Sofie Hermansen aus dem norwegischen Bergen. Sie kniet mit ihrer Familie vor dem Meer aus Blumen, Teddybären und Kerzen. Ihre Kinder dürfen die mitgebrachten weißen Rosen ablegen und die Grablichter anzünden. "Ich denke, das ist wichtig für sie. Im letzten Sommer waren auch sie in einem Feriencamp." Von den Anschlägen habe die Familie am Freitagabend aus den Nachrichten erfahren. Schnell sei klar gewesen, sich mit dem Heimatland solidarisch zu zeigen. "Auch, wenn wir niemanden kennen, der betroffen ist, und die Urlaubsstimmung dadurch getrübt wird."
Auch im Foyer der diplomatischen Vertretung herrscht bedrückende Stimmung. Auf einem kleinen Tisch im "Felleshus" (Gemeinschaftshaus) liegt seit Samstag das Kondolenzbuch aus, daneben lassen zwei Lilien in der Vase die Köpfe hängen. "Es ist eine unfassbare Tat für so ein demokratisches Land", hat eine anonyme Verfasserin soeben in dem dicken und bereits zur Hälfte gefüllten Buch hinterlassen. Vier weitere Kondolierende stehen schon Schlange und warten darauf, ihre Solidarität zum Ausdruck zu bringen.
Der Däne Kristian Jensen beobachtet das Geschehen von einem Stuhl im Wartebereich der Nordischen Botschaften aus. Er ist mit seiner Frau hier, um einen Reisepass für die neugeborene Tochter zu beantragen. "Es ist schon komisch, an solch traurigen Tagen herzukommen, um seine Sachen zu erledigen. Aber das Leben geht eben weiter."
dapd
