Der Arbeitsmarkt startet ein Sommermärchen: Im Juni waren 3,16 Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos – der niedrigste Stand seit 16 Jahren.
Niedrigste Arbeitslosenzahl seit 16 Jahren
Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) ist ein überraschend deutlicher Rückgang um 123.000 gegenüber dem Vormonat. Experten hatten mit einer Abnahme von unter 100.000 gerrechnet. Die Arbeitslosenquote reduzierte sich um 0,3 Prozentpunkte auf 7,5 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr ging die Zahl der Arbeitslosen um 528.000 zurück.
Die Nachfrage der Unternehmen nach Mitarbeitern sei unverändert hoch, erklärte BA-Chef Frank-Jürgen Weise. Als Gründe nannte er neben der guten konjunkturellen Entwicklung mit einer starken Frühjahrsbelebung auch eine verbesserte Beratung und Vermittlung von Arbeitslosen durch die Arbeitsagenturen.
Fast die Hälfte des Rückgangs verzeichnen mit minus 57.000 die neuen Länder. Dort sind nun 1,086 Millionen ohne Arbeit. Allerdings ist die Arbeitslosenquote mit 12,7 Prozent im Osten weiter doppelt so hoch wie im Westen mit 6,2 Prozent – hier sank die Zahl der Arbeitslosen um 66.000 auf 2,074 Millionen.
Weise: "Werden die Drei-Millionen-Grenze unterschreiten"
Einen niedrigeren Juni-Wert verzeichnete die Bundesagentur zuletzt 1992 mit 2,838 Millionen. Angesichts der positiven Entwicklung hält Weise eine Unterschreitung der Drei-Millionen-Grenze in diesem Jahr für möglich. "Rein rechnerisch könnten wir unter die Marke von drei Millionen Arbeitslosen kommen", betonte er. Angesichts der Gefahren für die Konjunktur durch Inflation, hohen Ölpreis und die Finanzkrise warnte er aber zugleich vor zu großer Euphorie. Neben den offiziell als arbeitssuchend registrierten Menschen müssten sich die Arbeitsagenturen auch um mit die krank gemeldeten oder in Weiterbildungsmaßnahmen befindlichen Arbeitslosen kümmern. Zusammen mit der "stillen Reserve" von Erwerbslosen, die sich bewusst nicht bei den Agenturen melden, betrage die Zahl der Arbeitslosen eigentlich rund fünf Millionen.
Eine Million offene Stellen
Seit 2006 entstanden laut Weise 1,4 Millionen zusätzliche sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze, davon "deutlich mehr als die Hälfte" als Vollzeitstellen. Laut einer Hochrechnung der BA lag die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im April bei 27,34 Millionen Menschen. Derzeit sind der Nürnberger Behörde zudem über eine Million offene Stellen bekannt, davon rund 84 Prozent auf dem ersten Arbeitsmarkt.
Laut Berechnung des der Bundesagentur angegliederten Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung stehen dem Arbeitsmarkt in diesem Jahr zugleich durch demografischen Wandel und durch Abwanderung rund 100.000 Menschen weniger zur Verfügung.
Erstmals seit Einführung von Hartz-IV fiel der Rückgang der Arbeitslosigkeit mit 65.000 bei den Empfängern dieser Grundsicherung stärker aus als der bei den Beziehern von Arbeitslosengeld I mit 58.000. Allerdings komme durchschnittlich nur jeder dritte ehemalige Hartz-IV-Empfänger tatsächlich in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis. 25 Prozent nähmen an Maßnahmen der Arbeitsagentur teil, der Rest melde sich komplett aus dem Bezug von Leistungen ab oder wandere aus, erläuterte BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt.
Bayern überholt Baden-Württemberg
Mit einer Quote von 3,8 Prozent verzeichnet Bayern erstmals seit November 2000 die niedrigste Quote unter allen Bundesländern vor dem langjährigen "Klassenprimus" Baden-Württemberg. In Folge der günstigen Entwicklung erwartet die BA in ihrem Haushalt in diesem Jahr nur noch ein Defizit von 0,7 Milliarden Euro. Kalkuliert worden war mit 2,5 Milliarden Euro. In einer mittelfristigen Finanzplanung bis 2012 rechnet die Behörde sogar mit einem Überschuss von rund elf Milliarden Euro. Ob daraus eine weitere Beitragsssatzreduzierung von derzeit 3,3 Prozentpunkte oder zusätzliche arbeitsmarktpolitische Maßnahmen finanziert werden sollten, sei Sache der Politik, betonte BA-Chef Weise.
Herbert Mackert/ddp
pc/ddp