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Aufgelöste Berufsschulklassen belasten Ausbildung Niedergang aus Nachwuchsmangel

Viele Handwerker haben größte Probleme, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Demografie und der Trend zu akademischen Laufbahnen erschweren die Nachwuchssuche. Hinzu kommt: Immer mehr Fachklassen in den Berufsschulen werden zentralisiert. Azubis müssen deswegen immer weitere Wege zur Berufsschule zurücklegen. Azubitickets können die Kosten zwar etwas reduzieren - ein Ausweg aus dem Teufelskreis sind sie nicht.

Wenn Justus Gacek dieser Tage seine Gesellenprüfung im Klempnerhandwerk macht, dann ist das etwas ganz Besonderes. "Er ist der einzige Klempnerlehrling in ganz Sachsen in seinem Jahrgang“, stellt sein Chef Matthias Mühlhans fest. "Der Nachwuchs stirbt aus.“

Kleinere Firmen in seiner Umgebung fänden keine Übernehmer und machten zu, beobachtet der Geschäftsführer der Mühlhans Bauklempner-Sanitärbau-Heizungsbau GmbH in Dresden. Rund 600 Klempnerbetriebe gibt es heute in Sachsen. Vor zehn Jahren waren es noch über 800. Dabei gäbe es genug Arbeit für sie. "Ich könnte locker drei, vier Leute zusätzlich beschäftigen“, rechnet Mühlhans. Mangels Nachwuchskräften lehnt er stattdessen Aufträge ab.

Existenz von Betrieben und Berufsschulklassen gefährdet

Die sinkende Zahl an Azubis bedroht nicht nur die Existenz der Betriebe. Sie wirkt sich auch auf die Auslastung der Berufsschulen aus. Das Berufsschulzentrum für Technik in Dresden musste seine Klempnerklasse schon vor Jahren aufgeben. Seit Herbst 2012 pendeln Klempner-Azubis ab dem zweiten Lehrjahr nach Meiningen in Thüringen, rund 300 Kilometer und vier bis fünf Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln entfernt. "Das macht den Beruf zusätzlich unattraktiv“, sagt Silvia Toll, Geschäftsführerin der Innung Sanitär-, Heizungs-, Klimatechnik Dresden.

Demografischer Wandel und Akademisierungstrend haben überall die Schülerzahlen schrumpfen lassen – in Sachsen-Anhalt haben sich die Lehrlingszahlen im Handwerk seit 2008/9 sogar halbiert. Das Zusammenlegen von Fachklassen ist die logische Konsequenz, mit entsprechenden Folgen für die Azubis.

Die Wirtschaftskammern in Sachsen-Anhalt haben im vergangenen Jahr die Berufsschulstandorte im Land analysiert und herausgefunden, dass die pendelnden Berufsschüler im Schnitt 48 Kilometer zur Berufsschule zurücklegen, in einer Richtung. Für fast 20 Prozent gäbe es eine Fachklasse in geringerer Entfernung. Die dürfen sie aber nicht besuchen, weil ihr Herkunftslandkreis mit anderen Schulen kooperiert.

Überschreiten von Landkreis- und Ländergrenzen Problem

Das Überschreiten von Landkreis- und Ländergrenzen macht die Lage oft komplizierter. "Unsere Azubis müssen teilweise morgens um vier Uhr losfahren, um rechtzeitig zum Schulbeginn anzukommen. Zweimal die Woche!“, berichtet Inge Szoltysik-Sparrer. Die Vorsitzende des Bundesverbands der Maßschneider beklagt, dass manche Azubis dabei durch drei verschiedene Verkehrsverbundsysteme müssten. Die Fahrtkosten überstiegen die Vergütung. Die Maßschneider leiden seit Jahren darunter, dass ein Schulstandort nach dem anderen für sie gestrichen wird, gerade erst wieder Ravensburg.

Um den finanziellen Nachteil der zum Pendeln verurteilten Azubis auszugleichen, gibt es in Hessen und Thüringen vergünstigte Azubi-Tickets für den öffentlichen Nahverkehr. Nordrhein-Westfalen startet ab August damit, „und auch wir sind optimistisch, das realisieren zu können“, sagt Thomas Keindorf, Präsident der Handwerkskammer Halle. Die Handwerkskammer Dresden kämpft noch um die Einführung des Tickets in Sachsen.

Begeisterung vorhanden, Ausbildungsplätze weniger

Dass es solch begeisterte jungen Leute gibt, zeigen die Maßschneider. "Wir haben gar nicht weniger Bewerber“, sagt Szoltysik-Sparrer. Die niedrigeren Lehrlingszahlen im Gewerk erklärt sie mit der geringeren Ausbildungsbereitschaft. Viele der Maßschneider arbeiteten allein, viele in Teilzeit. Ihre Betriebe seien nicht auf Wachstum oder Übergabe ausgerichtet und sie könnten sich die Ausbildung zeitlich und finanziell nicht leisten. Eine vollschulische Ausbildung sei da ganz klar im Vorteil, sie werde über das BAföG finanziell gefördert. "Aber in zehn bis zwanzig Jahren wird das zu einer Gefahr für das Gewerk“, befürchtet Szoltysik-Sparrer.

Auch für das Klempner-Handwerk kann die Entwicklung zur Gefahr werden: 35 Prozent der Ausbildungsplätze blieben laut Berufsbildungsbericht 2018 zuletzt unbesetzt, das am zweitstärksten betroffene Gewerk gleich nach den Fachverkäufern im Lebensmittelhandwerk.

Konzepte, um Klempner-Beruf attraktiver zu machen

Der Zentralverband Sanitär Heizung Klima arbeitet an Konzepten, wie sich der Berufsschulunterricht sichern lässt, wenn immer weniger Azubis zusammenkommen: "Mit einer digitalen Fachklasse könnten wir wenigstens einen Schulort pro Land erhalten“, kalkuliert Michael Kober, Referent für Klempnertechnik beim ZVSHK.

Selbst eine Namensänderung steht im Raum. "Uns ist die Missverständlichkeit des Berufs ganz klar im Weg“, sagt Kober. Je nach Region heißt der "Klempner“ auch "Spengler“, "Flaschner“ oder "Blechner“. Eine Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung zeigt, dass das Image eines Berufes stark mit seinem Namen zusammenhängt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Vergütung: So lange Zimmerer und Dachdecker mehr verdienen als Klempner, die unter ähnlichen Bedingungen arbeiten, ist jungen Leuten schwer zu vermitteln, warum sie den schlechter bezahlten Beruf wählen sollen.

Matthias Mühlhans in Dresden hat hier schon einen Anfang gemacht: Er bezuschusst Fahrt- und Unterbringungskosten seiner Azubis. Alle zwei Monate 400 bis 500 Euro. Pro Lehrling.

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