Nachhaltige Bäckerei Nicht verkaufte Waren: In die Überraschungstüte statt in den Müll

Die Bäckerei Scheitinger im bayerischen Dieterskirchen nutzt die App "Too good to go". Nicht verkauftes Brot, Semmeln und süße Teilchen landen in Überraschungstüten. In ihrer Region ist das bislang ein einzigartiges Angebot.

Theresa und Sebastian Scheitinger in ihrer Bäckerei
Theresa Scheitinger setzt ihre Leidenschaft für Nachhaltigkeit auch im Beruf um. Sie überzeugte ihren Vater Sebastian Scheitinger, die App "Too good to go" zu nutzen. - © Theresa Scheitinger

Jede Sekunde landen in Deutschland 348 Kilogramm genießbarer Lebensmittel im Müll. So viel wiegt zum Beispiel ein großes Klavier. Pro Jahr meldet das Statistische Bundesamt insgesamt elf Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle pro Jahr. Sie entstehen entlang der gesamten Versorgungskette – von der Produktion bis hin zu den privaten Haushalten.

Tüte für 4,50 Euro

Letztere verursachen mit 59 Prozent den größten Teil. Im Handel entstehen dagegen sieben Prozent der Abfälle. Theresa Scheitinger will, dass es noch weniger wird. Die gelernte Bürokauffrau arbeitet seit 2020 in der Bäckerei ihres Vaters Sebastian Scheitinger in Dieterskirchen (Landkreis Schwandorf) und ist für den Verkauf zuständig. Vor zwei Jahren kam sie auf die Idee, Brotsorten, die nicht verkauft werden konnten, über die App "Too good to go" (TGTG) anzubieten. Die Bäckerei zahlt 30 Euro Jahresbeitrag und packt am Ende des Arbeitstages mehrere Überraschungstüten mit Semmeln, Brot und süßen Teilchen ein. Interessenten können die Tüten für 4,50 Euro kaufen, davon gehen 1,09 Euro an die App-Betreiber.

Erfolgreicher Testlauf

"Ich interessiere mich für Nachhaltigkeit und versuche, privat so nachhaltig wie möglich zu leben", sagt die 23-Jährige. Die App kannte sie bereits vorher. "Aber bei uns auf dem Land gab es darin kein wirkliches Angebot", sagt sie. In den Städten sei TGTG bekannter.

Also beschloss sie, selbst voranzugehen und Bäckereiwaren in der App anzubieten. "Wir wussten nicht, wie es angenommen wird, also probierten wir es einfach aus", sagt Theresa Scheitinger. Zuerst wurde das Angebot über die sozialen Netzwerke der Bäckerei, wie Instagram und Facebook, angekündigt. "Und es wurde von Anfang an super angenommen", sagt Scheitinger. Jeden Tag stelle die Bäckerei zwei Tüten voller Überraschungsbrote zusammen, jede habe einen Warenwert von 13,50 Euro. Am Wochenende seien es vier Tüten. "Sie gehen immer weg", sagt sie. Auch ältere Kunden, die keine Apps oder Smartphone haben, können das Angebot nutzen: "Sie rufen einfach bei uns an", sagt Scheitinger. Ein weiterer Service ist es, die Tüten von der Produktionsstätte in Dieterskirchen auf Wunsch der Kunden auch in die Filialen nach Neunburg oder Oberviechtach zu bringen.

Geringer Aufwand

Wenn die Bäckerei morgens bereits um 4.30 Uhr öffnet, gibt es frische Ware. "Da stehen schon die ersten Arbeiter von der Nachtschicht vor der Tür", so Scheitinger. Abends werden die Tüten gefüllt. "Das Angebot läuft so nebenbei, kein großer Aufwand für uns", sagt sie. Und es sei besser, als Lebensmittel wegzuwerfen. Das Team der Bäckerei versucht seit langer Zeit, möglichst nachhaltig zu arbeiten. Es kauft Rohstoffe regional und spendet für soziale Projekte. "Wir verkaufen auch Ware vom Vortag zum halben Preis, verarbeiten Weißbrot zu Semmelbrösel und zu geschnittenen Semmeln", erklärt Theresa Scheitinger. Ein Teil des Mischbrots ohne Körner kann in einen neuen Teig gemischt werden. "Das macht das Brot sogar noch besser", sagt sie.

Brot für Fische und Hühner

Manche Kundinnen und Kunden fragen nach Brot für ihre Fische oder Hühner. Vor der Nutzung der App wurden nicht verkaufte Brote und Semmeln auch zu Tierfutter verarbeitet. Die Geschichte der Bäckerei Scheitinger lässt sich bis ins Jahr 1890 zurückverfolgen. Bis 1960 bewirtschaftete die Familie auch eigene Wiesen und Felder, betrieb eine Landwirtschaft und eine Gaststätte. Die Bäcker-Tradition der Familie tragen auch Theresa Scheitinger und ihr Vater weiter, zusammen mit insgesamt 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Dafür wurde die Bäckerei mit der Urkunde des "Deutschen Brotinstituts" ausgezeichnet. Zugleich nutzt sie mit der App die Möglichkeiten der modernen Zeit: "Für uns passt das mit der Nutzung der TGTG-App gut", sagt Scheitinger. In der Region kenne sie allerdings keine anderen Unternehmen, die ihre nicht verkauften Waren in die TGTG-App einstellen.