Interview mit Generationenforscher Rüdiger Maas "Nicht lustig machen, sondern sich Zeit nehmen und es zeigen"

Warum ist die Generation Z, wie sie ist? Der Diplom-Psychologe und Generationenforscher Rüdiger Maas kennt Antworten – und sagt: Eigentlich sind die Wertevorstellungen über die Generationen hinweg recht ähnlich, sie werden nur unterschiedlich verstanden. Daraus können Chefs lernen.

Die zwischen 1995 und 2010 Geborenen sind Teil der sogenannten Generation Z. Generation Alpha sind die Geburtsjahrgänge ab 2010. - © Josie Elias - stock.adobe.com

Herr Maas, Arbeitgeber und Ausbilder beklagen, junge Leute seien weniger leistungsfähig und weniger loyal als ältere, nicht kritikfähig, dafür aber hätten sie übersteigerte Erwartungen an die Arbeitgeber und ein überzogenes Selbstbewusstsein. Sind das die gleichen Klagen wie schon bei den alten Griechen oder ist etwas dran?

Rüdiger Maas: Nein, die Statistik bestätigt das: Die Zahl der Krankmeldungen bei Jüngeren steigt, gleichzeitig nimmt die Zahl der Überstunden hier extrem ab, das ist Fakt. Aber es hat viel mit uns gesamtgesellschaftlich zu tun.

Wie meinen Sie das?

Heute wollen wir es alle bequemer haben, Jüngere wie Ältere. Früher war es normal, fünf Tage die Woche voll zu arbeiten, heute hören die meisten schon Freitagmittag auf oder haben sogar eine Vier-Tage-Woche. Dass die Jüngeren für sich das Gleiche beanspruchen wie Ältere, führt allerdings zu Sozialneid, weil die Älteren sich das erst haben erarbeiten müssen.

Andersherum sehen die Jüngeren, dass sie sich langfristige Ziele wie ein Haus oder ein teures Auto nie leisten werden können. Gleichzeitig sind sie materiell gesättigt. Sie haben Handys, Smart Watches, Ear Pods und Tablets, fast jeder hat schon mal eine Fernreise gemacht. Wir dürfen uns nicht wundern, dass sich das auf die Motivation zu arbeiten auswirkt.

Ihre Untersuchungen zeigen, dass alle Generationen ganz ähnliche Vorstellungen und Werte bezüglich des Arbeitslebens haben. Sie wünschen sich eine interessante Tätigkeit, Sicherheit und allen voran: ein angenehmes Arbeitsklima. Wenn aber alle das Gleiche wollen, warum kommt es zu Konflikten?

Weil nicht jeder das Gleiche unter den Begriffen versteht. Nehmen wir zum Beispiel das Thema "Arbeitsklima". Ein angenehmes Arbeitsklima gilt heute gesamtgesellschaftlich als eine Grundvoraussetzung für jede Arbeit. Für Ältere bedeutet aber "angenehme Arbeitsatmosphäre", dass nicht übereinander gelästert wird, dass ich die Informationen bekomme, die ich für meine Arbeit brauche und fair behandelt werde, dass ich mich auf die Kollegen verlassen kann.

Für Jüngere ist das alles selbstverständlich. Sie erwarten zusätzlich, dass man sie wahrnimmt, der Chef soll für sie immer erreichbar sein. Es ist also bei den Jüngeren eine eher egozentrische Sicht, bei den Älteren eher eine kollektivistische.

Woher kommt dieser egozentrische Ansatz?

Das hat mit Zahlen zu tun und mit Erziehung. Die Generation Z ist die kleinste Generation seit dem Zweiten Weltkrieg, sie kann die Generation der Boomer, die aktuell in Ruhestand geht, auf dem Arbeitsmarkt rein zahlenmäßig nicht ersetzen. Dann haben sie die Wahl zwischen 22.000 Studiengängen und 320 Ausbildungsberufen. Sie können sich also aussuchen, was sie machen. Dadurch steigt der Anspruch enorm. Sobald ihnen bei einem Arbeitgeber etwas nicht gefällt, wechseln sie. Das ist psychologisch gesehen ein völlig normales Verhalten.

Generationenforscher Rüdiger Maas
"Hohe Ansprüche an die Arbeitswelt sind ein psychologisch völlig ­normales Verhalten, wenn man sich den Arbeitgeber auswählen kann", sagt Generationenforscher Rüdiger Maas, Experte für Generation Z und Generation Alpha. - © Institut für Generationenforschung

Und die Erziehung?

Wir haben uns als Elterngeneration den Schuh angezogen, unsere Kinder ständig zu entertainen. Sie hatten nie die Chance, sich zu langweilen und dann aus sich heraus etwas zu erleben, ihre Umwelt zu gestalten. Sie haben also auch nicht gelernt, sich einfach durch Beobachten etwas abzuschauen, alles muss ihnen gezeigt werden.

In ihrem neuen Buch sprechen Sie von der "Generation arbeitsunfähig". Sie sagen, die Jugend zwinge uns, Arbeit und Gesellschaft neu zu denken. Was heißt das für Chefs und Ausbilder?

Sie müssen Führung viel ernster nehmen als früher, sich viel mehr der Leute annehmen, sie viel intensiver einarbeiten. Diese Generation will ernst genommen werden. Der Ausbilder ist wie ein Ersatz-Vater, auf den man sich jederzeit verlassen kann. Diese Generation wünscht sich, dass man relativ schnell die Punkte erkennt und fördert, in denen sie gut ist, anstatt auf ihren Schwächen herumzuhacken. Als Ausbilder würde ich deswegen in Steps vorangehen, Aufgaben in kleine Schritte unterteilen, damit sie aus den Erfolgserlebnissen immer mehr Resilienz aufbauen.

Handwerker müssen also an ihrer Kommunikation arbeiten?

Ja, das ist eine Riesenchance. Im Handwerk ist der Ton manchmal sehr offen bis ruppig. Für die Generation Z ist das befremdlich. Wenn neue Azubis zum Beispiel nicht wissen, wie man einen Schraubendreher hält, dann sollte man sich nicht darüber lustig machen, sondern sich Zeit nehmen und es ihnen zeigen.

Man sagt den Jüngeren nach, dass sie auf Kritik sehr empfindlich reagieren. Wie können Chefs oder Ausbilder das lösen?

Hier gilt das Gleiche: Sie müssen sich Zeit nehmen. Es geht nicht darum, nur zu loben. Der Chef kann durchaus sagen: "Du hast das schlecht gemacht." Aber er sollte es mit der Frage verbinden: "Wie könntest du das ändern?" Auf diese Weise zeige ich dem anderen, dass ich ihn ernst nehme, er hat die Möglichkeit, sich einzubringen.

Das fordert viel von Chefs, die zeitlich oft an ihre Grenzen stoßen – auch weil sie versuchen, junge Leute für das Handwerk zu begeistern, die keine oder nur eine schlechte Schulbildung haben. Ist das der richtige Weg?

Nein, ich halte das für Quatsch, das Handwerk ist kein Auffangbecken. Ein Familienbetrieb kann es sich nicht leisten, jeden zu nehmen. Er braucht jemanden, der zur Branche passt, der auch den Dienstleistungsgedanken des Handwerks erfüllt. Ich würde eine Stelle lieber unbesetzt lassen, als jemanden darauf zu setzen, der nicht ins Team passt. Das führt nur zu Irritation, Konflikten und mehr Aufwand bei der Führung. Wenn das Handwerk die Leute nimmt, die "keiner haben will", wertet sich das Handwerk ab!

Und wie würden Sie das Handwerk gegenüber der Jugend aufwerten?

Das Handwerk kann genau der Gegenpol sein, den wir in unserer verkopften Welt brauchen. Hier fertigt man etwas an, was physisch auch zu sehen ist. Ich kann etwas, was die wenigsten können und hebe mich damit aus der Masse der Studierenden heraus. Nicht ohne Grund gibt es im Handwerk weniger Fälle von Burn-out und psychischen Krankheiten. Auch lassen sich diese Berufe nicht durch KI ersetzen, anders als viele akademische Berufe. Und auch finanziell sind sie attraktiv. Wer sich als Elektriker selbstständig macht, kann allemal mehr verdienen als ein BWL-er, der irgendwo Abteilungsleiter wird.

Das ist es, was die jungen Leute hören müssen, und nicht die alten Geschichten des Chefs darüber, wie sehr er leidet, wie anstrengend der Beruf ist und dass "Lehrjahre keine Herrenjahre" sind. Das ist nur peinlich, damit redet man aneinander vorbei.