Selbstmotivation in Krisenzeiten „Nicht im Lamentieren hängen bleiben“

Die Corona-Krise kann frustrierend sein. Sich immer wieder neu zu motivieren, fällt nicht leicht. Im DHZ-Interview spricht der renommierte Motivationspsychologe Julius Kuhl über den richtigen Umgang mit Rückschlägen und mögliche Auswege, wenn der Kopf blockiert.

Max Frehner

Haben Unternehmer Schwierigkeiten sich nach den Rückschlägen der Corona-Krise selbst zu motivieren, sollten sie nach Bereichen suchen, in denen sie handlungsfähig sind. – © Fokussiert – stock.adobe.com

DHZ:Die Corona-Pandemie hat viele Unternehmer unerwartet und unverschuldet ausgebremst. Wie gelingt es, sich nach einem solchen Rückschlag wieder aufzuraffen?

Julius Kuhl: Mentale Turnübungen bringen nichts, wenn objektiv so viel wegbricht, dass jede Alternative verbaut ist. In der Regel gibt es aber einen Weg. Was mich schon wundert, sind Betroffene, die darüber klagen, wie hart sie die Krise trifft, dann aber im Lamentieren hängen bleiben.

DHZ: Das Rezept lautet also weniger zu jammern?

Kuhl: Es geht nicht darum, dass man sich mal beklagt. Ganz im Gegenteil – wer verdrängt und beschönigt, hat auch ein Problem. Aber jemand, der Konzepte umgesetzt und Luftfilter eingebaut hat, darf daraus keine Berechtigung ableiten, dass nichts mehr schief gehen darf. Das ist zwar emotional verständlich, aber nicht logisch. Wenn das Virus sich trotz aller Maßnahmen weiterverbreitet, dann hat es halt noch nicht gereicht.

DHZ: Was ist, wenn mir lösungsorientiertes Denken nicht mehr gelingen mag?

Kuhl: Wir nennen das Lageorientierung – man steckt also in der momentanen Lage und im Lamento fest. Das hat zur Folge: Die Systeme im Gehirn, in denen der gesamte Erfahrungsschatz liegt, sind verhangen und konstruktives Handeln ist blockiert. Das Gegenteil zu dieser Lageorientierung ist die Handlungsorientierung. Ich bin sehr erstaunt, auf wie viele konstruktive Ideen manche Leute trotz aller Widrigkeiten kommen. Diese Beispiele können sich Unternehmer vor Augen führen, wenn sie merken, dass sie selbst in einer Sackgasse stecken. Eine Möglichkeit kann ja auch ein vorübergehendes Engagement außerhalb des eigenen Metiers sein. Der Lösungsraum ist immens, wenn man da erst mal wieder drankommt.

DHZ: Gibt es Techniken, um die Systeme wieder zu aktivieren?

Kuhl: Um wieder handlungsfähig zu werden, müssen die eigenen Emotionen reguliert werden. Dabei kann es helfen, die Situation differenziert zu betrachten. Überlegen Sie sich, was der schlimmste denkbare Fall wäre, der Ihnen im Leben hätte zustoßen können oder noch zustoßen könnte – und stellen diesen gleich 100 Prozent. Halten Sie dann die jetzige Situation gegenüber. Auch die lösungsorientierte Beratung hat sich in entsprechenden Fällen bewährt. Allerdings gibt es in dieser Krise immer mehr Menschen, bei denen die Grenzen der Belastbarkeit überschritten sind. Wenn jemand in eine Depression rutscht oder Angstzustände erlebt, braucht er eine Therapie. Wenn kleine Übungen wie das autogene Training keine Erleichterung verschaffen, ist man gut beraten, psychotherapeutische Hilfe zu suchen. 

Professor Dr. Julius Kuhl vertrat bis 2015 den Lehrstuhl für Differentielle Psychologie und Persönlichkeits­forschung an der Universität Osnabrück. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Selbststeuerung und Affektregulation.