Kurz vor dem Benzin-Gipfel der Bundesregierung erhalten die Zweifel der deutschen Autofahrer an der Verträglichkeit des neuen Biosprits E10 neue Nahrung. Ein Experte sagte am Wochenende, die Autohersteller könnten die Folgen für die Motoren noch nicht genau abschätzen.

Nicht abschätzbare Folgen für die Motoren
Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) sagte, die Einführung von Biokraftstoffen diene dazu, "unsere Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren". Darüber gebe es einen Konsens über die Parteigrenzen hinweg. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) machte die Benzinhersteller für das Chaos bei der E10-Einführung verantwortlich. Die Mineralölwirtschaft müsse die "Informationsdefizite erläutern und die Aufklärung der Verbraucher wesentlich verbessern", forderte der Minister. "Die Verwirrung an der Zapfsäule muss ein Ende haben."
Motoren verschleißen schneller
Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Winfried Hermann (Grüne), forderte dagegen ein vorläufiges Aus für das Biosprit-Projekt. Es müsse zunächst geklärt werden, welche Motoren den Sprit wirklich vertrügen und worin der ökologische Nutzen bestehe. Der Leiter der Mechanikentwicklung bei BMW, Thomas Brüner, befürchtet, dass E10, bei dem herkömmlichem Benzin zehn Prozent Ethanol aus Getreide und Zuckerrüben beigemischt ist, dafür sorgen könnte, dass Motoren schneller verschleißen. Durch den hohen Ethanolanteil nehme die Wassermenge im Motor zu, es kondensiere und gelange ins Öl, das so dünner werde und schneller altere. Das bedeute wiederum kürzere Ölwechselintervalle zulasten des Kunden. Ob es so weit kommt oder der in Deutschland verkaufte E10-Sprit gut genug ist, wissen die Autobauer Brüner zufolge noch nicht. BMW will nun gemeinsam mit dem Konkurrenten Daimler Tests durchführen.
Der Energieexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv), Holger Krawinkel, hält die Verbraucherproteste gegen E10 für "völlig rational". Dem Autofahrer werde ein ökologisch fragwürdiger Kraftstoff mit geringerer Energiedichte aufgenötigt, der zu Mehrverbrauch führe und ohne jeden Garantieanspruch den Motor schädigen könne, worüber sich der Autofahrer aber selbst die nötigen Informationen beschaffen solle
Angst um das Auto
Erstmals kritisierte am Wochenende auch ein namhafter Vertreter der Autoindustrie die Umstände der Einführung von E10. Der frühere Europa-Chef von General Motors und heutige Chef des indischen Autokonzerns Tata, Carl-Peter Forster, sagte, dies sei "extrem ungeschickt" gemacht worden, "weil die Leute immer noch Angst haben, dass ihr Auto kaputt geht". Der Kraftstoff selber sei noch nicht problemfrei, sagte Forster, der auch Jaguar und Landrover leitet. Er greife wichtige Kunststoff-Bauteile im Motor an. Hinzu kämen "moralische Bedenken" auf der Seite der Verbraucher.
Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen erklärte am Sonntag, in Deutschland fehle umweltfreundlichen Antrieben die Lobby. Dafür scheine E10 ein Beispiel zu sein, "das zeigt, dass sich die Deutschen sehr schwertun, auf umweltfreundliche Fahrzeuge und Kraftstoffe umzuschwenken". Als Gründe nannte er die Steuerpolitik, die von Interessenverbänden geschürte Unsicherheit und die "wenig systematische" Wirtschafts- und Umweltpolitik in Deutschland.
dapd