Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Kaufbeuren im Allgäu zum Ziel von Vertriebenen aus dem Sudetenland, die in Neugablonz ihre Modeschmuckbranche wieder aufbauen. Ein Ortsbesuch.

Wenn Ferdinand Mikolasch an seine Kindheit denkt, dann erscheint sie ihm wie ein großes Abenteuer. Die Vertreibung aus dem behüteten Elternhaus im böhmischen Gablonz an der Neiße. Die Irrfahrt quer durch Deutschland mit Mutter, drei Geschwistern, Oma und zwei Tanten. Schließlich die Ankunft in Kaufbeuren, wo der Vater schon auf seine Familie wartete. Die gefährlichen Versteckspiele in den Ruinen einer ehemaligen Munitionsfabrik, aus denen in den folgenden Jahrzehnten ein Zentrum der Glas- und Schmuckindustrie erwachsen wird: Neugablonz, eine einzigartige Ansiedlung von Sudetendeutschen, die nach ihrer Vertreibung wieder an einem Ort zusammengefunden haben.
Die Tragik jener Zeit nach Ende des Zweiten Weltkriegs konnte Ferdinand Mikolasch als Sechsjähriger nicht verstehen. Heute weiß der 83-jährige Gürtler- und Werkzeugmachermeister um die Bedeutung von Neugablonz, jenem Stadtteil von Kaufbeuren, der von den zugewanderten Vertriebenen als eine Art Blaupause ihrer ehemaligen Heimat aufgebaut wurde. Nahe dem Zentrum zeugen Rüdiger-Brunnen und Herz-Jesu-Kirche von den sudetendeutschen Wurzeln der Siedlung. Aber mehr noch steht das Handwerk der Glasmacher, Gürtler und Werkzeugmacher für den Ruf von Neugablonz als Modeschmuck-Mekka. Ein Ruf, den sich die Handwerker in Gablonz, dem heutigen Jablonec in Tschechien, über Jahrhunderte hinweg erarbeitet hatten.
Glas- und Schmuckbranche im Verbund
Organisiert war die Glas- und Schmuckbranche im Isergebirge als Verbundindustrie. Jeder Betrieb spezialisiert auf Metall-, Kunststoff- oder Glasbearbeitung, aber alle gegenseitig voneinander abhängig. Handwerker und Verleger, die sich um den weltweiten Absatz kümmerten. "Dieses System konnte nach der Vertreibung nur überleben, weil es gelungen ist, die Fachleute mit ihrem Know-how wieder an einem Ort zu konzentrieren", erklärt Thomas Nölle, Geschäftsführer des Bundesverbandes Gablonzer Industrie.

Selbst ihre 1880 gegründete Kunstgewerbeschule haben die Vertriebenen in Neugablonz wiederbelebt. Obwohl die Staatliche Berufsfachschule für Glas und Schmuck schon lange nicht mehr als Nachwuchsschmiede für die einheimischen Betriebe zu sehen ist, so genießt sie doch eine hohe Anziehungskraft weit über das Allgäu hinaus. Bewerberinnen und Bewerber mit einer kreativen Ader kommen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, vereinzelt aus der ganzen Welt. Auf jeden der 38 Ausbildungsplätze pro Lehrjahr als Graveur (8), Glas- und Porzellanmaler (8), Goldschmied (16) oder Silberschmied (6) kommen im Schnitt drei Bewerber. Alle müssen eine Mappe mit künstlerischen Arbeiten vorlegen und einen Aufnahmetest bestehen.
"Die große Beliebtheit der Schule mag an unserer breitgefächerten Ausbildung mit einem sehr hohen Praxisanteil liegen", mutmaßt ihr künstlerischer Leiter Norman Weber. Die Berufsfachschüler könnten hier ohne ökonomischen Druck projektbezogen arbeiten. Anders als in der dualen Ausbildung werden die fachpraktischen Fähigkeiten ausschließlich in modern ausgestatteten Schulwerkstätten vermittelt. "Unsere Schüler entwickeln zwar wenig Routine in Einzelarbeiten, wie sie in einem Betrieb benötigt werden. Dafür können sie einen Konterscharnierarmreif oder Juwelenring von der Pike auf selbstständig fertigen", sagt Weber, einst selbst Absolvent der Schule und inzwischen preisdekorierter Gold- und Silberschmied. Die meisten der 23 Lehrkräfte der Schule haben einen Meisterbrief in der Tasche oder wie Norman Weber ein Studium an einer Kunstakademie absolviert.
Einblicke ins Glasperlenwickeln
Den Gablonzer Traditionen fühlt sich die Berufsfachschule weiterhin verbunden, bietet Kurse in Sondertechniken wie dem Glasperlenwickeln an. Das Kunsthandwerk, am elfflammigen böhmischen Feuer Glas zu schmelzen und um einen Metallstab zu wickeln, bekommen Besucher der Erlebnisausstellung der Gablonzer Industrie von einer Absolventin der Berufsfachschule vorgeführt. Das Schmuckatelier von Anne Menzel dient auch als Schauwerkstatt.
Neugablonz: Auferstanden aus den Ruinen einer Rüstungsfabrik
Die Entwicklung der Glas- und Schmuckindustrie in Neugablonz war eine Erfolgsgeschichte, musste aber auch Rückschläge verkraften. Ferdinand Mikolasch senior, der seinen Betrieb 1936 in Gablonz gegründet hatte, musste wie viele seiner sudetendeutschen Berufskollegen nach dem Krieg bei null anfangen. In den Ruinen der Dynamit AG bei Kaufbeuren begann er damit, aus Kupferblechabfällen einer Topffabrik oder leeren Konservendosen der amerikanischen Soldaten in reiner Handarbeit einfache Broschen herzustellen. Schnell wuchs sein Unternehmen auf 20 Mitarbeiter, ehe die Währungsreform 1948 den ersten Einschnitt für die mittellosen Betriebe brachte. Doch viele überstanden diese Zäsur, bald ging es wieder aufwärts.
Die Firma Mikolasch wuchs in den Folgejahren auf mehr als 100 Beschäftigte. "Wir schmücken die Frauen der Welt", lautete ein Werbespruch in den Blütejahren der Neugablonzer Bijouterie. Bei Mikolasch wurden in Spitzenzeiten pro Tag 3.000 Meter Schmuckketten galvanisiert. "Heute kann ich eine fertige Kette billiger einkaufen als das Rohmaterial", sagt Ferdinand Mikolasch, der 1973 mit seinem Bruder den Familienbetrieb übernahm und heute zusammen mit seiner Tochter Birgit Mikolasch-Joas führt. Unter der Marke Miko-Schmuck fertigen fünf Mitarbeiter Haarspangen, Ohrschmuck, Knöpfe, Trachtenschmuck und vieles mehr.

"Wir hätten viel früher auf den Verkauf schauen müssen", benennt Ferdinand Mikolasch eines der Probleme seiner Branche. Mit dem Niedergang des Verlagswesens in den 1980er-Jahren mussten sich die handwerklich geprägten Betriebe selbst um den internationalen Vertrieb kümmern.
Das Ende der Gürtler-Innung
Als Obermeister der Gürtler-Innung mit 60 Mitgliedsbetrieben musste Mikolasch zudem zusehen, wie innerhalb von zwei Jahrzehnten die Zahl der Lehrlinge von vollen Klassen pro Lehrjahr auf einen einzigen sank. "Schließlich musste ich schweren Herzens meine Unterschrift zur Auflösung der Innung geben", bedauert er das nachlassende Interesse am Beruf des Gürtlers, der heute den Metallbildnern zugeordnet ist.
Schwankungen in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung mussten die Gablonzer Schmuckhersteller früher schon verkraften. "Durch ihr Netzwerk konnten sie aber stets schnell darauf reagieren", betont Verbandsgeschäftsführer Nölle. Glasdrücker Peter Seibt kennt schwankende Umsätze aus eigener Erfahrung. Der gelernte Werkzeugmacher ist seit 2004 Inhaber der 1929 im böhmischen Gränzendorf von seinem Großvater gegründeten Friedrich Seibt Glaswarenfabrikation. Der Familienbetrieb stellt Glasknöpfe, Schmucksteine und Glasperlen für Oberbekleidung her, aber auch technische Gläser wie Abdecklinsen für LED-Leuchten. "Nach der Finanzkrise von 2008 musste ich erstmals Leute aus wirtschaftlichen Gründen entlassen", sagt Seibt, der heute drei Mitarbeiter und zwei Aushilfskräfte beschäftigt. Auch die Corona-Pandemie, als plötzlich keine Trachtenmode mehr gekauft wurde, kostete ihm ein Drittel seines Umsatzes. Aber Existenzangst hatte er deshalb nicht. Denn Peter Seibt kennt die Fähigkeit der Gablonzer Industrie, sich dem Wandel anzupassen.
Ohne bürokratische Hürden nach Neugablonz
Seit 1992 engagiert er sich im Bundesverband, der 55 Unternehmen mit rund 2.000 Mitarbeitern vertritt. Seit vier Jahren ist er Vorstandsvorsitzender. "In der öffentlichen Wahrnehmung existiert heute ein unvollständiges Bild von der Gablonzer Industrie, die viel mehr zu bieten hat als Modeschmuck. Denn die Betriebe haben mit Innovationen auf die sich verändernden Märkte reagiert", erklärt Seibt. Mitgliedsunternehmen des Verbandes beliefern die Autoindustrie und Hersteller von Sanitärarmaturen mit galvanisierten Kunststoffen in Metalloptik, stellen medizinische Gläser oder Reflektoren her. Aber sie haben auch ihre tradierten Techniken wie das Glasdrücken oder das Gürtlerhandwerk bewahrt.
Zu verdanken ist das einer Gruppe Sudetendeutscher um Erich Huschka, der als "Vater von Neugablonz" gilt, weil sie ab 1945 mit großer Beharrlichkeit gegen viele Widerstände ihre Landsleute nach Kaufbeuren ins Allgäu gelotst haben. "Zum Vorteil gereichte uns das damals fast vollständige Fehlen bürokratischer Hürden", soll der 1998 verstorbene Huschka einmal rückblickend gesagt haben.
In loser Folge porträtiert die Deutsche Handwerks Zeitung besondere Orte mit Handwerkstradition. Bisher erschienen: Uhrmacherstadt Glashütte, Hutmacherort Lindenberg im Allgäu, Geigenbau im Mittenwald, Leitermacherdorf Weißenborn, Bürstenregion Schönheide, Stützengrün und Steinberg, Genussregion Oberfranken, Korbmacherstadt Lichtenfels und Bootsbau in Lübeck.