Der neue ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger wagt den Befreiungsschlag. Mit dem Verkauf eines milliardenschweren Pakets von ThyssenKrupp-Aktien aus dem Firmenbesitz verschafft sich der Manager Spielraum für den Umbau des hoch verschuldeten Konzerns.
Neuer ThyssenKrupp-Chef wagt Befreiungsschlag
Essen (dapd). Der neue ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger wagt den Befreiungsschlag. Mit dem Verkauf eines milliardenschweren Pakets von ThyssenKrupp-Aktien aus dem Firmenbesitz verschafft sich der Manager Spielraum für den Umbau des hoch verschuldeten Konzerns. Auch im Skandal um das angebliche "Schienenkartell" von ThyssenKrupp, Voestalpine und anderen Stahlkonzernen soll der Manager bereits personelle Konsequenzen gezogen haben.
Die Ankündigung von ThyssenKrupp, zum Schuldenabbau fast zehn Prozent eigener Aktien zu verkaufen, ließ am Donnerstag zum Börsenauftakt den Kurs des größten deutschen Stahlproduzenten um etwa fünf Prozent einbrechen. Nach eigenen Angaben wird der Konzern fast 50 Millionen ThyssenKrupp-Aktien aus Eigenbesitz - rund 9,6 Prozent des Grundkapitals - an institutionelle Anleger verkaufen.
Nach dem aktuellen Kurs könnten dem Unternehmen damit 1,6 Milliarden Euro zufließen. Hiesinger will den Geldregen nach Konzernangaben vor allem zur Reduzierung des Schuldenbergs von zuletzt 6,5 Milliarden Euro verwenden.
Der Hintergrund der Aktion: Der Manager will ThyssenKrupp grundlegend umbauen und benötigt dafür dringend Kapital. Das Konzept sieht unter anderem die Trennung vom traditionsreichen Edelstahlgeschäft und den Verkauf großer Teile der Autozuliefersparte vor. Betroffen sind etwa 35.000 Arbeitsplätze.
Im Gegenzug will der Konzern in den nächsten Jahren mehrere Milliarden Euro in seine Technologiesparte und den Ausbau seiner Position in den Schwellenländern investieren. Dadurch soll nicht zuletzt die Abhängigkeit von der Stahlsparte verringert werden.
Allerdings hatte Hiesinger bei seinen Umbauplänen kürzlich einen Rückschlag erlitten, als der sicher geglaubte Verkauf großer Teile der Werftensparte Marine Systems an den arabischen Schiffsbauer Abu Dhabi Mar scheiterte. Das nun zum Verkauf stehende Aktienpaket hatte der Konzern bei drei Rückkaufprogrammen in den Jahren 2006 und 2008 erworben - zu Preisen die unterhalb der aktuellen Notierungen lagen.
Doch nicht nur beim Konzernumbau, auch im Fall des angeblichen "Schienenkartells", mit dem ThyssenKrupp und andere Stahlkonzerne nach Informationen des "Handelsblatts" vor allem die Deutsche Bahn um bis zu eine Milliarde Euro geschädigt haben sollen, griff Hiesinger offenbar durch. Der Wirtschaftszeitung zufolge musste der für die in die Affäre verwickelte Konzerntochter Gft Gleistechnik zuständige Bereichsvorstand gehen. Zwar seien dem Manager keine Verstrickungen in das Kartell der "Schienenfreunde" nachzuweisen, dennoch habe er die Verantwortung für den Fall übernehmen müssen, schrieb die Zeitung. Hiesinger habe hier ein Zeichen setzen wollen.
Der Konzern selbst bestätigte lediglich, dass der betroffene Manager seit 3. Juni nicht mehr im Unternehmen arbeite, wollte aber den Bericht des "Handelsblatts" im übrigen nicht kommentieren.
Das Stahlkartell "Schienenfreunde" soll mindestens zehn Jahre lang die Preise für Schienen in Deutschland bestimmt haben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Bochum wird gegen 30 Personen in zehn Unternehmen ermittelt.
dapd
