Bei den Lohas kann das Handwerk seine Stärken ausspielen. Viele Meister und Verbraucher handeln auch ohne Trend nach einem ethischen Weltbild
Neuer Lebensstil fordert Moral vom Markt
Ein neuer Begriff macht die Runde und stößt doch oft nur auf ungläubiges Kopfschütteln. Lohas? Nie gehört! Was verbirgt sich hinter diesem Begriff, der immer häufiger auftaucht und doch nur schwer zu fassen ist? Vereinfacht gesagt: Als Lohas (siehe Stichwort) bezeichnen sich Menschen, die durch gezielten Konsum einen bewussten und nachhaltigen Lebensstil verwirklichen, ohne auf etwas verzichten zu wollen. Lustvoll einkaufen, ohne schlechtes Gewissen, heißt die Devise. Oder anders: Qualität statt Discount. Das hört der Handwerksmeister gern.
Bei genauer Betrachtung entpuppen sich Lohas als ideale Zielgruppe für das Handwerk. Und das nicht nur in der Lebensmittelbranche, wo selbst die großen Handelsketten auf den Geschmack gekommen sind, dass sich mit Bioprodukten gute Geschäfte machen lassen. Lohas achten bei ihrem Konsumverhalten auf Aspekte wie Umweltverträglichkeit, Langlebigkeit, transparente Produktionsprozesse oder Gesundheitsverträglichkeit.
Marktforscher sehen in dem Trend, der in Amerika seinen Ursprung nahm, ein gehöriges Potenzial. In den USA wird die Zahl der Lohas bereits auf mehr als 60 Millionen geschätzt, quer durch alle Altersgruppen und sozialen Schichten. Den Umsatz bei ethisch korrekten Produkten und Dienstleistungen beziffern Ökonomen zwischen 200 und 300 Milliarden Dollar. Wie viele Lohas es in Deutschland gibt, weiß niemand. Die Trendforscher des Kelkheimer Zukunftsinstituts glauben, dass bereits ein Drittel der Bevölkerung zu der wachsenden Konsumentengruppe gehört.
Viele Handwerker haben die Entwicklung zum nachhaltigen, qualitätsbewussten Konsum längst aufgegriffen, ohne je von Lohas gehört zu haben. Und nicht alle Verbraucher folgen dem Werbespruch „Geiz ist geil“. Für viele Menschen ist es einfach selbstverständlich, sich ehtisch und ökologisch korrekt zu verhalten, selbst wenn das Familienbudget zum Beispiel bei der Investition in eine neue Heizung arg strapaziert wird.
Nachhaltig heizen
Trotzdem kam für Familie Gläser im sächsischen Venusberg nur eine nachhaltige Lösung in Frage. Getragen von einem christlichen Weltbild, entschieden sich die Gläsers bewusst für eine Pelletsheizung mit Brennwerttechnik, obwohl der hohe Anschaffungspreis im Alltag manche Entbehrungen fordert. Sogar die vier Kinder müssen zurückstecken. „Aber sie hadern nicht, sind sogar stolz auf unsere Entscheidung. Denn wir haben die erste derart umweltfreundliche Heizung im gesamten mittleren Erzgebirge“, sagt Mutter Dorothea. Installateurmeister Andreas Fuchß wünscht sich mehr solcher Kunden: „Ich war beeindruckt, wie stark sich Familie Gläser mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt hat. Leider spielt meist noch der Anschaffungspreis die zentrale Rolle.“ Nachhaltiger Konsum sieht für Meister Fuchß anders aus. Als Inhaber eines SHK-Betriebes würde er gern mehr umweltschonende Technik verbauen, die wie die Holzpelletsheizung der Gläsers auf einen nachwachsenden einheimischen Brennstoff setzt, dank Brennwerttechnik den Wirkungsgrad erhöht und die Feinstaubemissionen reduziert. Aber trotz Lohas-Bewegung diktiert gerade im Osten Deutschlands meist der Geldbeutel die Kaufentscheidung.
Transparent arbeiten
Tischlermeister Jan Beyer bekommt demnächst Besuch aus München. Dann wird der 38-Jährige die Gäste in seine Dresdener Werkstatt führen und ihnen zeigen, wie die Möbel für ihre Wohnung entstehen. „Ich lade gern Kunden ein, damit sie sehen, wie ich arbeite“, sagt der 37-Jährige, der für einige seiner Möbelstücke Präsentationsmappen anfertigt, die den Schaffensprozess dokumentieren. „Vom Baum im Wald, wie er gefällt und aufgesägt wird bis hin zur ökologischen Oberflächenbehandlung kann der Kunde die Entstehung seiner Möbel detailliert nachvollziehen“, erzählt der Tischlermeister, der schon als Vierjähriger am liebsten dem Betriebstischler in der Maschinenfabrik seines Großvaters in Roßwein über die Schulter geschaut hat. Als er später in einer PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks in der DDR) seinen Beruf erlernte, „da dachte ich, das kann doch nicht alles sein, was einen Tischler ausmacht“. Während einer dreieinhalbjährigen Wanderschaft durch Europa festigte sich der Wunsch, Holz in seiner Ursprünglichkeit zu verarbeiten – zu qualitativ hochwertigen, langlebigen Produkten mit ansprechendem Design. So entstehen Möbel als Unikate, geprägt von einer Formensprache, die den Vorgaben der Natur folgt.
Mit dem Begriff Lohas kann Beyer nicht viel anfangen, trotzdem ist ihm die Werthaltigkeit seiner Möbel oberstes Gebot. „Und wenn doch einmal etwas passiert, dann sollen die Möbel reparierbar sein.“ Deshalb verarbeitet Beyer ausschließlich Vollholz, meist aus heimischen Wäldern, wo er die Bäume manchmal sogar eigenhändig fällt. Handwerk in seiner Urform. Nur auf den Strom für die Maschinen möchte Beyer nicht verzichten. „Meine Möbel sind so schon teuer und ich kann nicht billiger leben“, sagt der Familienvater von drei Kindern.
1995 hat Jan Beyer seinen Betrieb, zu dem heute ein Geselle und ein Lehrling gehören, gegründet. Der Name der Tischlerei Artefact steht in der Archäologie für einen prähistorischen, von Menschenhand hergestellten Gegenstand. Das verrät viel von dem, wie Jan Beyer sein Handwerk versteht. „Spanplatten fasse ich nicht an, lieber sperre ich den Laden zu“, gibt sich der Meister prinzipientreu und gesteht gleichzeitig ein, dass es nicht immer leicht ist, in einem Landstrich, in dem die Taschen der Leute weniger prall gefüllt sind, seine hohen Ansprüche zu halten.
Wenn aber die Marktforscher Recht behalten, dass die Lohas-Bewegung tatsächlich mehr ist als nur ein kurzfristiger Modetrend, dann muss Handwerkern wie Jan Beyer oder Andreas Fuchß um die Zukunft nicht bange sein.