Unerwartete Probleme verzögern die Inbetriebnahme - Hightech-Stahl zeigt Schwächen Neue Kohlekraftwerke machen Stromkonzernen Schwierigkeiten

Nach dem Aus für die ältesten deutschen Atomreaktoren macht den deutschen Stromkonzernen nun ausgerechnet die neueste Generation von Steinkohlekraftwerken Ärger. Beim Prototyp der als besonders effizient und schadstoffarm geltenden neuen Baureihe, dem Evonik-Kraftwerk in Duisburg-Walsum, musste bereits zum zweiten Mal die Inbetriebnahme auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

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Neue Kohlekraftwerke machen Stromkonzernen Schwierigkeiten

Essen (dapd). Nach dem Aus für die ältesten deutschen Atomreaktoren macht den deutschen Stromkonzernen nun ausgerechnet die neueste Generation von Steinkohlekraftwerken Ärger. Beim Prototyp der als besonders effizient und schadstoffarm geltenden neuen Baureihe, dem Evonik-Kraftwerk in Duisburg-Walsum, musste bereits zum zweiten Mal die Inbetriebnahme auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Der Grund dafür sind massive Probleme mit dem im Heizkessel verwendeten neuartigen Hightech-Stahl T24.

Eine Evonik-Sprecherin sagte der Nachrichtenagentur dapd am Montag, trotz umfangreicher Nachbesserungsarbeiten im Jahr 2010 seien bei einem Erprobungsbetrieb des neuen Kraftwerkblocks im April erneut an rund 500 Schweißnähten Undichtigkeiten festgestellt worden. Die Schwierigkeiten beträfen ausschließlich Komponenten mit T24.

Das Problem: Der neuartige Hochleistungsstahl ist nach Angaben von Kraftwerksbauer Hitachi Power Europe in neun von zehn Kohlekraftwerken verwendet worden, die in absehbarer Zeit in Deutschland in Betrieb gehen sollen. Die Kohlemeiler sollten zusammen etwa 10,5 Gigawatt Leistung bereitstellen und damit die Grundlast der abzuschaltenden acht Atomkraftwerke ersetzen. Ähnliche Mängel wie in Walsum wurden bereits in zwei weiteren Kraftwerken entdeckt.

Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur, Stephan Kohler, wird vom "Spiegel" mit den Worten zitiert: "Das ist für die betroffenen Energiekonzerne eine echte Katastrophe."

Hitachi-Sprecher Helge Schulz räumte Schwierigkeiten ein, zeigte sich aber "vorsichtig optimistisch", dass diese Probleme dank der inzwischen erzielten Erfahrungen bei den übrigen Anlagen vermieden werden könnten.

Ausgelöst worden seien die Probleme offenbar durch die Beizung des Kessels - ein übliches Reinigungsverfahren, das aber wohl die Schweißnähte des Hightech-Stahls massiv schwächte und zu Undichtigkeiten führte, wie er sagte. Beim RWE-Braunkohlekraftwerk in Neurath habe man auf diese Beizung verzichtet und der Probebetrieb verlaufe bislang erfolgreich. Das bestätigte auch ein RWE-Sprecher.

Die Bundesnetzagentur verfolgt nach eigenen Angaben das Geschehen aufmerksam. Man sei im Kontakt mit den Unternehmen, hieß es bei der Behörde. Auf die aktuelle Stromversorgungssituation hätten die T24-Probleme aber keinen Einfluss.

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rechnet unterdessen mit Zusatzkosten von rund 55 Milliarden Euro infolge des beschleunigten Atomausstiegs. "Die Lücke der Stromerzeugung in Deutschland wird von bestehenden Kohle- und Gaskraftwerken gefüllt", sagte IW-Direktor Michael Hüther. Dafür sei es notwendig, bestehende Kraftwerke für Stein- und Braunkohle sowie Gas auszubauen oder zu modernisieren. Gegebenenfalls müssten sogar neue gebaut werden.

Die energiepolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Ingrid Nestle, kritisierte den Bau neuer Kohlekraftwerke als "vorprogrammierte Fehlinvestitionen".

dapd