Gold steht aktuell im Mittelpunkt. Das Edelmetall erreichte Anfang September mit mehr als 3.500 Dollar pro Unze ein neues Allzeithoch. Erstmals seit fast drei Jahrzehnten übersteigen die Goldreserven der Zentralbanken die Bestände an US-Staatsanleihen. Ein klares Zeichen für eine neue Realität.

Eine bemerkenswerte Trendwende zeichnet sich ab: Der renommierte Ökonom Mohamed El-Erian, Präsident des Queens’ College der Universität Cambridge, bestätigte jüngst, dass Zentralbanken erstmals seit 1996 mehr Gold als US-Staatsanleihen im Verhältnis ihrer Devisenreserven im Bestand haben. Diese Verschiebung ist kein Zufall, sondern eine bewusste Diversifizierungsstrategie, die durch geopolitische Veränderungen der vergangenen Jahre beschleunigt wurde.
Zahlen unterstreichen die Dimension dieses Wandels: Zentralbanken kauften 2024 über 1.000 Tonnen Gold. Das ist mehr als das Doppelte des langjährigen Durchschnitts von 473 Tonnen jährlich. Polen und die Türkei führten die Liste der Käufer an. Insgesamt stiegen die Goldreserven der Zentralbanken auf über 36.000 Tonnen. Mittlerweile sind die Zentralbanken die größten Nachfrager auf dem globalen Goldmarkt. Ihr Anteil stieg von zwei Prozent im Jahr 2010 auf 23 Prozent in 2024.
Warum Zentralbanken auf Edelmetall setzen
Diese Entwicklung zeigt nicht nur die Suche nach Diversifikation, sondern auch das schwindende Vertrauen in den US-Dollar. Ein Grund sind die wachsenden Zweifel an der Stabilität der US-Geldpolitik. Die Unabhängigkeit der US-Notenbank wird zunehmend infrage gestellt. Trump hat angekündigt, eine Ablösung von Fed-Chef Jerome Powell anzustreben, während er zugleich öffentlich Druck für Zinssenkungen macht. Das untermauert die Befürchtungen vieler Zentralbanken vor einer Politisierung der US-amerikanischen Geldpolitik. China etwa reduzierte seine US-Staatsanleihenbestände von 1,1 Billionen Dollar vor dem Ukraine-Krieg auf etwa 775 Milliarden Dollar, während es gleichzeitig massiv in Gold investierte.
Konsequenzen für Anleger
Für Anleger ergeben sich klare Konsequenzen. Goldman Sachs erwartet einen Anstieg des Goldpreises auf 4.000 US-Dollar bis 2026. Denn die fundamentalen Treiber sprechen für einen weiter steigenden Goldpreis. Die US-Staatsschuldenquote liegt bei 121 Prozent des BIP und dürfte unter der aktuellen Regierung weiter steigen. Gleichzeitig planen laut World Gold Council 43 Prozent der befragten Zentralbanken eine weitere Erhöhung ihrer Goldreserven. Einen so hohen Wert gab es seit acht Jahren nicht mehr.
Zudem hat sich das Edelmetall von der Zinsentwicklung entkoppelt. Früher geriet der Preis bei steigenden Zinsen unter Druck. Diesen Zusammenhang gibt es nicht mehr. Die Nachfrage der Zentralbanken bildet eine Untergrenze, die unabhängig von kurzfristigen Zinsbewegungen wirkt.
Investoren sollten jedoch die Besonderheiten von Gold im Blick behalten. Nach starken Zuflüssen sind zwischenzeitliche Rückschläge möglich. Gerade neue Höchststände führen oft zu kurzfristigen Schwankungen. Hinzu kommen Unterschiede in Liquidität und Kosten zwischen physischem Gold und börsengehandelten Produkten. Entscheidend ist daher, die passende Struktur zu wählen – sei es physisch hinterlegt, als ETF oder ETC – und Aspekte wie Verwahrung, Bonität der Gegenparteien und Währungsrisiken einzubeziehen.
Um auf die neue Realität zu reagieren, bietet sich etwa die behutsame Allokation von zehn bis 20 Prozent in Edelmetalle – beispielsweise kombiniert mit hochwertigen Unternehmensanleihen und dividendenstarken Aktien – an.
Zum Autor: Mirko Kohlbrecher ist Investmentstratege bei der Spiekermann & CO AG in Osnabrück.