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Privat- und Geschäftskunden betroffen Negativzinsen: Inzwischen der Normalfall

Immer mehr Banken führen Negativzinsen oder Verwahrentgelte für Anlagen ein. Was dahintersteckt und ob es für Kunden Auswege gibt.

Konnte sich vor ein paar Jahren kaum jemand vorstellen, dass auf Einlagen zum Beispiel auf Tagesgeldkonten Negativzinsen berechnet werden, werden sie immer mehr zum Normalfall. Vor kurzem erst hat sie die ING eingeführt, bald darauf die DKB nachgezogen. Nach einer Erhebung des Verbraucherportals Biallo stellen mehr als 240 Kreditinstitute an Privatkunden und mehr als 300 Institute an Geschäftskunden Negativzinsen in Rechnung. Und das auf alle Formen der kurzfristigen Geldanlage wie Giro- oder Tages- und manchmal auch Festgeldkonten. Es gibt zwar zum Teil hohe Freibeträge von zum Beispiel 100.000 Euro, doch auch deren Tendenz zeige nach unten, so Biallo. Bei Privatkunden sind die Freibeträge zum Teil mit 10.000 Euro recht niedrig angesetzt, hat Biallo festgestellt.

Banken reichen Zinszahlungen weiter

Doch was steckt hinter diesen Zinskosten oder Verwahrentgelten? Die Banken rechtfertigen die Preiserhöhungen für ihre Kunden mit ihren Zinszahlungen an die Europäische Zentralbank (EZB). Denn die EZB berechne ihrerseits Entgelte auf die Einlagen der Kreditinstitute, die sogenannte Einlagefazilität. Diese bezeichnet die Möglichkeit für Geschäftsbanken, im Euroraum gerade nicht benötigtes Geld anzulegen. Hans Walter Peters, Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) beklagte in einem Statement zur Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds im Oktober, dass der Negativzins der EZB nach wie vor eine große Belastung für die Banken sei. Auf ein Jahr hochgerechnet zahlten die Geschäftsbanken im Euroraum zurzeit rund 10,5 Milliarden Euro Negativzins an die EZB. Das seien rund 3,5 Milliarden Euro mehr als vor einem Jahr, also bevor die EZB den Einlagesatz auf –0,5 Prozent gesenkt und den Freibetrag für die Überschussliquidität eingeführt hat.

Die Entscheidung der EZB vom 10. Dezember, das Pandemie-Notfallankaufprogramm auszuweiten, habe die Lage nicht entspannt, klagte Peters kürzlich. Durch den Anleihenankauf wachse die Menge nicht benötigten Geldes und damit auch die an die EZB zu zahlenden Negativzinsen. Peters: "Daher hätte die Ausweitung des Kaufprogramms zwingend verbunden sein müssen mit einer Erhöhung des Freibetrags für die Banken." Ob die Banken allerdings ihre Negativzinsen an ihre Kunden tatsächlich weitergeben müssen, bezweifelt Niels Nauhauser, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Die Gewinne gerade der Volksbanken und Sparkassen seien seit Jahren relativ konstant geblieben. Nach einem Bericht der Bundesbank hat sich die Ertragslage der Banken im bisherigen Verlauf der Negativzinsphase als stabil erwiesen. Gerade auch die gute Konjunktur, die die Risikovorsorge im Kreditgeschäft erleichtert hat, habe das Ergebnis der Banken verbessert. Die Konjunktur wiederum wurde durch die geldpolitischen Maßnahmen der EZB gestützt.

Banken in Zwickmühle

Hans-Peter Burghof beurteilt das Verhalten der Kreditinstitute weitaus nachsichtiger. Der Professor für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim sieht die Banken in der Zwickmühle zwischen Kostenweitergabe und Imageschaden auf der einen sowie Renditeminderung auf der anderen Seite. Kurzfristigen Anlageoptionen müssten, so Burghof, zum Marktzins zur Verfügung gestellt werden. Und dieser weise nun schon seit sehr langer Zeit eine geringe Höhe auf. Anderes ist für Banken auf die Dauer nicht vorstellbar, denn sie refinanzierten sich nun einmal am Kapitalmarkt. Die Kreditinstitute hätten sich lange dagegen gesträubt, Negativzinsen einzuführen, auch wegen des Reputationsverlusts.

Gleichzeitig habe trotzdem eine Rendite erwirtschaftet werden müssen. In der gegenwärtigen Situation mit dem Strukturwandel auf dem Bankensektor lasse sich das jedoch nicht länger durchhalten. Die Alternative sei, dass die deutschen Banken ihr Geschäftsmodell aufgeben, die Einlagen der Kunden anzunehmen und Kredite zur Verfügung zu stellen. Das stelle jedoch das deutsche Bankensystem grundsätzlich infrage, so Burghof.

"Der Zins ist nun einmal, wo er ist"

Die Negativzinsen würden nicht unbedingt jeden erwischen. Wer aber kurzfristige Anlagen braucht, werde ihnen nicht entkommen, fürchtet der Bankenexperte. Der Kapitalmarkt sei keine Wundertüte. Anlegern, denen etwas anderes versprochen worden ist, sollten sich fragen, ob das auf dem derzeitigen Markt überhaupt plausibel erscheint. "Der Zins ist nun einmal, wo er ist", sagt Burghof. Was bleibt dem Kunden also übrig, wenn seine Bank plötzlich Verwahrentgelte oder Negativzinsen berechnet? Niels Nauhauser rät zum Verhandeln. Unter Umständen ergeben sich daraus höhere Freibeträge. Am Ende bleibt immer noch die Möglichkeit, die Bank zu wechseln.

Unternehmensberater Jürgen Herzig empfiehlt für Firmenkunden eine weitere Strategie. So lange es noch Konten ohne Zinskosten oder mit hohen Freibeträgen gäbe, könne das Guthaben auch auf mehrere Konten bei verschiedenen Banken verteilt werden. Das Geld im Wege der Entnahme oder Ausschüttung auf Privatkonten zwischenzuparken, sofern diese von Negativzinsen verschont bleiben, sei ebenso denkbar, allerdings sollten sich die Kunden in diesem Fall eingehend steuerlich beraten lassen.

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