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Umfrage unter Messeverantwortlichen Nach Absagen wegen Corona: Wie sehen Messeformate der Zukunft aus?

Das Corona-Krisenjahr 2020 und auch der Beginn des Jahres stehen ganz im Zeichen abgesagter Messen und Veranstaltungen. Gerade wurde bekannt: Die Internationale Handwerksmesse wird zum zweiten Mal in Folge nicht stattfinden können. Verantwortliche verschiedener Messegesellschaften berichten, wie für sie Messen und Messerformate der Zukunft aussehen.

Dieter Dohr, Vorsitzender der Geschäftsführung der Gesellschaft für Handwerksmessen mbH
Messen und deren jeweilige Formate hängen meines Erachtens in Zukunft sehr stark von der Branche und den entsprechenden Produkten ab. Wir als Veranstalter von Handwerksmessen bieten Plattformen für Erzeugnisse, die von Meistern ihres Faches produziert werden: Ob Backerzeugnisse, Brillenfassungen, Bodenbeläge, Schmuck, Möbel, Sanitäreinrichtung oder Delikatessen. Unsere Aussteller sind Hersteller für alle Sinne und bieten Produkte zum Anfassen, Riechen, Schmecken und Fühlen.

Rein digital wird der Großteil dessen zumindest in naher Zukunft nicht transportierbar sein. Daher wird das Liveerlebnis das Herzstück unserer Messen bleiben, gleichwohl es flankiert wird durch digitale Erweiterungen. Im März 2021 bieten wir erstmals eine solche Erweiterung für die internationale Backbranche an: Die iba.Connecting Experts ermöglicht internationales Netzwerken und Neukontakte im März als Grundlage für persönliche Geschäftsbeziehungen sowie Produkte zum Probieren und Erleben im Oktober live auf der iba in München. Die Krise sehen wir damit als Chance, Menschen künftig noch vielschichtiger zusammenzubringen.

Stefan Lohnert, Geschäftsführer der Messe Stuttgart
Das Wirtschaftsförderungsinstrument "Messe" wird die Corona-Pandemie zweifellos überleben, auch wenn es für die nahe Zukunft keine Rückkehr zu gewohnten Verhältnissen geben wird. Messen sind die Voraussetzung für den gelungenen Neubeginn der Wirtschaft, speziell der Handwerksbranchen, und für deren Durchstarten unabdingbar. Klar ist, dass sich die Trends zu " digitalen Ergänzungen" von Präsenz-Messen Corona-bedingt verstärken werden. Zum Beispiel mit Blick auf die Anreisemöglichkeiten der Aussteller und Besucher, die allein aufgrund der amtlichen Vorgaben mittelfristig nicht im bisherigen Umfang angeboten werden können.

Messen müssen schon deswegen digitaler und hybrider werden. Dafür werden wir neue Formate wie virtuelle Studio- und Streaming-Angebote entwickeln und in unser Portfolio aufnehmen. Der Anspruch einer Messe wird aber weiter die Präsenzveranstaltung bleiben. Der "Markenkern" von Messen besteht im "face-to-face"-Marketing, im fachlichen Austausch und direkten Treffen am Stand. Die persönliche Begegnung und das haptische Erfahren werden nicht durch digitale Kanäle zu ersetzen sein. Gerade unsere Handwerksmessen zeichnen sich durch treue Fachbesucher aus, die sich schon jetzt auf die Neuheiten beispielsweise der nächsten "südback" oder Süffa freuen.

Wolfgang Marzin, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Frankfurt
Leitmessen am Standort Deutschland sind ein Ausdruck für die Stärke des Wirtschaftsstandortes. Durch ihre Vielfalt bieten sie gerade dem deutschen Handwerk mit seinen kleinen und mittelständischen Unternehmen exzellente Vertriebs- und Vernetzungsplattformen. Auf der anderen Seite ist das Leistungsportfolio des hochqualifizierten deutschen Handwerks ein weltbekanntes und geschätztes Gütesiegel, das für hervorragende Verarbeitung, einzigartige Ideen und hohe Zuverlässigkeit steht und damit von großem Interesse für internationale Unternehmen ist. Für nachhaltige Geschäftsbeziehungen und die enormen wirtschaftlichen Umsätze, die auf unseren internationalen Fachmessen generiert werden, ist deshalb der persönliche Austausch innerhalb der Branchen wesentlich.

Auch wenn durch die aktuellen Rahmenbedingungen die Digitalisierung im Veranstaltungsbereich einen kräftigen Schub bekommen hat, ist das Bedürfnis nach persönlichen Begegnungen ungebrochen. Die Messe Frankfurt nutzt digitale Formate, um ihre physischen Veranstaltungen zu ergänzen und auf die nächste Stufe zu heben. Mit komplementären Ergänzungsformaten, digital oder/und hybrid, bringen wir so zusätzliche und ganz unterschiedliche Mehrwerte auf unsere Messen und zwar vor, während und nach den Veranstaltungen. Damit können wir beispielsweise Reichweiten und Vernetzung für unsere Aussteller ganzjährig erhöhen und den Wirkungsgrad ihrer Investitionen steigern.

Gerald Böse, Vorsitzender der Geschäftsführung der Koelnmesse
Messen werden ein anderes Gesicht haben als wir es seit Jahrzehnten kennen. Weil die Digitalisierung das Spielfeld deutlich erweitert: Internationale Reichweite jenseits der Messezeiten und über den Standort hinaus, digitale Aufmerksamkeit innerhalb der Branchen und Communitys, Kundenpflege und Neukontakte im Netz sind die Benchmarks, denen sich die Veranstaltungen in Zukunft stellen müssen.

Wir leben in einer spannenden Zeit des Umbruchs. Die Pandemie hat diese Entwicklung zur nächsten Messe-Generation nicht verursacht, sie wird sie aber exponentiell beschleunigen. Aber: Messen bleiben Anlässe der Begegnung, und der Mensch als soziales Wesen wird immer den direkten Austausch suchen. So werden die Messen in Zukunft das Beste beider Welten bieten: digitale Plattformen, die Präsenz, Interaktion und Nachverfolgbarkeit gewährleisten, bilden zusammen mit dem Live-Geschehen vor Ort eine unschlagbare Kombination, deren Wirkungskreis in der Tat eine neue Dimension erreicht.

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