Branche -

TV-Kritik: 3sat, Makro Mythos Fachkräftemangel: Wird er nur vorgeschoben?

Gerne wird der Fachkräftemangel als gravierendstes Problem des deutschen Mittelstands gesehen. Doch wie steht es wirklich um den Nachschub an qualifizierten Kräften? Das 3sat-Wirtschaftsmagazin Makro begab sich auf Spurensuche, nannte die Sendung bezeichnenderweise "Mythos Fachkräftemangel" - und zeigte eindrucksvoll und facettenreich auf, dass der Mangel zwar nicht flächendeckend, aber dennoch ein Problem ist, dessen Lösung Politik und Wirtschaft noch immer weitgehend verschlafen.

Auch wenn das Handwerk den Fachkräftemangel lautstark beklagt - ein Alleinstellungsmerkmal ist er nicht. Auch und vor allem in der Pflege und der IT fehlen zehntausende qualifizierte Arbeitskräfte. Und auch viele andere Branchen suchen händeringend nach gutem Personal. Oder vielleicht doch nicht? Ist alles vielleicht halb so schlimm? Mit dieser ein wenig provokanten, aber der Wahrheitsfindung umso dienlicheren Arbeitshypothese ging die Redaktion des 3sat-Wirtschaftsmagazins Makro das ebenso altbekannte wie vermeintlich auserzählte Thema an. Dadurch ergaben sich Einsichten, die man im Fernsehen bei komplexen Zusammenhängen nicht jeden Tag geboten bekommt.

In der Pflege beispielsweise sieht es wirklich schlecht aus. Dort sind die Arbeitgeber mittlerweile auf Zuwanderung angewiesen, um die offenen Stellen zu besetzen. 30.000 Fachkräfte fehlen in der Altenpflege bundesweit, ohne Kräfte vor allem aus dem osteuropäischen Raum geht es hier nicht mehr. Und auch wenn das bei der Einarbeitung, bei der Sprache oder beim Näherbringen der Gegebenheiten hierzulande einige Herausforderungen mit sich bringt, so bleibt am Ende oft keine Wahl.

"Der Mangel wird oft auch vorgeschoben"

Doch ist es überall so schlimm, und wie sieht es im Handwerk aus? Zwei Wissenschaftler, einer von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, die andere vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft, waren sich überraschend einig, dass es einen umfassenden, flächendeckenden Fachkräftemangel in Deutschland gar nicht gibt. In Branchen wie der Pflege und einigen Handwerksberufen, aber auch in der Speditionsbranche mit ihren zahlreichen Berufskraftfahrern allerdings liege so ein Mangel durchaus vor. Hauptgründe: Immer mehr Rentner, immer weniger Arbeitende, aber auch die fehlende Attraktivität der Jobs. Lösungsansätze: Mehr Zeit für die Personalsuche einplanen und besser auf die Bedürfnisse der Angestellten eingehen. Kurz: Die Zeiten des Arbeitgebermarkts sind zumindest in den genannten Branchen vorbei, jetzt sitzen die Mitarbeiter und Bewerber tendenziell am längeren Hebel.

Diese ersten Einsichten vertiefte Makro-Moderatorin Eva Schmidt geschickt im Studio-Interview. Und in das startete Arbeitsmarkt-Experte Stefan Sell, Professor an der Hochschule Koblenz, fulminant. "Es gibt keinen flächendeckenden Fachkräftemangel, und es ist auch oftmals so, dass Fachkräftemangel vorgeschoben wird, um eigenen Misserfolg bei der Personalsuche von außen zu erklären." Das saß, auch wenn Sell nachschob, dass es in den genannten Branchen eine Knappheit gebe, die wiederum mit zwei Dingen zusammenhänge: Der demografischen Entwicklung und die Attraktivität der Jobs. Und weil viele Frauen etwa in Teilzeit arbeiteten und Zuwanderer oft zu schlecht qualifiziert seien, führe all dies zu einer Zuspitzung der Situation, weil der Nachschub von außen fehlt.

Keine Reformen, Zuwanderung hilft nur bedingt

Das war ernüchternd, sowohl was die offenbar bislang nicht erfolgten politischen Reaktionen auf die seit Jahrzehnten vorausgesagte demografische Entwicklung, als auch die gegebenen Versprechen mancher Politiker zur heilenden Wirkung der Migration auf den Arbeitsmarkt angeht. Sell indes machte es direkt noch ein Stück komplexer. Es gebe natürlich auch stark regionale Arbeitsmärkte, von einer deutschlandweiten Zahl von fehlenden Fachkräften zu sprechen, sei deshalb geradezu unsinnig. Und Mobilitätshemmnisse führten dazu, dass eben nicht jeder Job an jedem Ort von jedem Bewerber überhaupt angenommen werden könnte.

Bei all den harten Realitäten: Eigentlich müsste der Mangel in den genannten Branchen zumindest einen für die Beschäftigten vorteilhaften Effekt haben, nämlich steigende Löhne. Doch auch diese Vorstellung machte Sell zunichte: Die Preise in der Pflege etwa seien staatlich vorgegeben, es gebe Budgets, und all das lasse den Betreibern bei der Lohnfindung überhaupt keine marktwirtschaftlichen Möglichkeiten. Es sei vielmehr die Schuld der Politik, auf diesen stark regulierten Märkten, auf denen die Knappheitssignale bei den Arbeitskräften nicht funktionierten, nicht schon rechtzeitig eingegriffen zu haben.

Abwanderung als Problem

Was ganz abseits staatlicher Regulierung noch zum Fachkräftemangel führen kann, zeigte indes ein Beispiel aus Dänemark. Dorthin zieht es vor allen Dingen viele Norddeutsche, unter anderem Christian Eisenkrämer, der in Dänemark hochwertige Ziegelsteine herstellt. Die lockere Art der Dänen habe den früheren Rudertrainer dazu bewogen, ins Nachbarland zu wechseln. Erich Mick, ehemaliger Fleischermeister, hat es in die gleiche Fabrik gezogen. Im Handwerk, sagt er, gebe es die Abwanderung nach Dänemark schon länger. Die Arbeitszeiten und die Bedingungen dort seien einfach besser. Und auch in der IT werben dänische Firmen offensiv um deutsche Fachkräfte.

Also alles schlecht? Nicht unbedingt, denn es gibt Lösungsansätze. Die Unternehmen sollten durch eine gezielte Ansprache der neuen Bedürfnisse der Beschäftigten etwas tun, auch bei der Bezahlung sei noch Luft nach oben, gerade im Handwerk, sagte Experte Sell im Studio und forderte wieder mehr Tarifbindung und eine bessere Lohnentwicklung. Das schließe die Ausbildungsvergütung mit ein, um es für junge Menschen überhaupt wieder attraktiver zu machen, in einen Ausbildungsberuf zu gehen. Zuletzt solle es ein Umlagesystem geben, in das Betriebe, die nicht ausbilden, einzahlen sollten, um die ausbildenden Betriebe nicht auf den Kosten sitzen zu lassen und ihnen hinterher noch die fertigen Gesellen abwerben zu können.

Viele Baustellen, die allerdings politischen Willen zur Lösung voraussetzen würden. Beim Gedanken an die dicken Bretter, die da zu bohren wären, dürfte allerdings den wenigsten Zuschauern die aktuelle Große Koalition als Lösungsbringer eingefallen sein. Apropos: An die Politik hatte Sell schließlich noch die Forderung, Umschulungen wie schon Ende der 1960er-Jahre besser zu fördern und so gerade junge Leute Mitte/Ende 20 in Mangelberufe zu lotsen. Wenn sich nichts tue, so das düstere Fazit, müssten in den nächsten Jahren einige Betriebe wegen des Fachkräftemangels aufgeben.

Neue Wege gehen

Einen Lichtblick lieferten schließlich noch Einblicke in die Ausbildung zum Anlagenmechaniker Sanitär, Heizung, Klima der Kölner Innung. Gerade weil das Image des Handwerks allgemein und des Berufs im Speziellen nicht gut ist, wurde dort ein modernes Ausbildungszentrum eingerichtet, inklusive Werbung in den Schulen und Extra-Unterricht zusätzlich zur Berufsschule. "Wir gehen schon ganz früh in die Schulen, um vorzustellen, dass man da schon ein bestimmtes Niveau im Handwerk mitbringen muss und nicht einfach der Löti auf der Baustelle ist", begründet Innungs-Obermeister Marc Schmitz den Schritt. Alte Ausbildungen reformieren, neue Inhalt schaffen. Das wäre doch ein guter Ansatz, um dem Fachkräftemangel zu begegnen - zumindest in den Branchen, in denen es ihn wirklich gibt.

>> Die komplette Sendung zum Nachschauen <<

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten