Beim Inklusionsmusical "Grand Hotel Vegas“ haben Friseur-Schülerinnen die Darsteller ehrenamtlich gestylt. Ein Abend voller Hektik, Glamour und einmaliger Erfahrungen.
Alexandra Peschke
Eng sind die Gänge in den Katakomben des Hegel-Saals in der Stuttgarter Liederhalle, wo in wenigen Stunden Tänzer und Sänger mit und ohne Behinderung gemeinsam auf der Bühne stehen werden. Von oben hört man noch die letzten Proben, während hier schon geschäftiges Treiben herrscht: Lange Tische sind beladen mit Haarspraydosen und Make-up-Paletten. Davor bewegen sich – flechtend, toupierend und Lidstriche ziehend – 27 schwarz gekleidete Stylistinnen flink um die Darsteller aus sechs Stuttgarter Tanzschulen herum.
"Es ist unglaublich, die Mädels rödeln hier seit vier Stunden und haben immer noch ein Lächeln auf dem Gesicht“, freut sich Berufsschullehrerin Christine Burkard von der Gewerblichen Schule Waiblingen. Als sie die Anfrage der Patsy und Michael Hull Foundation über die Handwerkskammer erhielt, war sie sofort begeistert. "Unsere Schüler haben ganz spontan zugesagt, dieses großartige Inklusionsprojekt zu unterstützen. Wir suchen, immer wieder, solche kreativen, berufsbezogenen Angebote. Das Musical ist für die Schülerinnen eine tolle Chance, Inklusion live zu erleben und zu zeigen, was in ihnen steckt.“
Ein Strahlen auf den Gesichtern
Patsy Hull-Krogull huscht vorbei und bleibt für einen Moment vor der Maske stehen. Die Stiftung, die die einstige Tanzweltmeisterin 2003 mit ihrem Bruder gegründet hat, hat das Projekt ins Leben gerufen. In neun Städten führen örtliche Tanzschul-Truppen das Musical gemeinsam mit einem Stammensemble auf. "Es ist wunderbar, was die Mädchen leisten. Gehen Sie mal auf die Toilette, unsere Teilnehmer stehen vor dem Spiegel und strahlen. Die meisten wurden noch nie professionell hergerichtet! Es ist großartig, dass das so gut geklappt hat.“ Denn nicht in jeder Stadt steht der Truppe ein solches Styling-Team zur Verfügung. "Als ich gehört habe, ich könnte bei einem Musical die Maske machen, war meine Hand sofort oben“, erzählt Julia Brari. "Es ist schon besonders, hinter den Kulissen solch einer Produktion zu arbeiten, das ist ein richtig cooles Projekt.“
Laien werden zu Bühnen-Stars
"Bei welchem Lied machst du mit?“, fragt Chantal Kistner ihre Darstellerin. "Car Wash“, kommt es prompt von Tänzerin Jasmin – wenig später hat die 25-jährige halb hochgesteckte Kringellöckchen und kirschrote Lippen. Ist es anders, mit behinderten Menschen zu arbeiten? "Am Anfang ist man ein bisschen unsicher. Aber man merkt schnell, dass man einfach ganz normal sein kann – wie mit Jasmin“, erklärt die Auszubildende im zweiten Lehrjahr. Ob Jasmin mit ihrer Arbeit zufrieden ist? "Ich fühle mich wie ein Bühnen-Star!“ Trotzdem ist sie sehr aufgeregt: "Wir haben nur zweimal in der Tanzschule geprobt, hoffentlich klappt alles!“
20 Uhr, der Vorhang geht auf. Christine Burkard und ihre Kolleginnen sitzen gemeinsam mit den Azubis gespannt im Publikum. Die Show beginnt und taucht den Hegel-Saal in ein fulminant-glamouröses Spektakel mit professionellem Rollstuhltanz, großen Gruppen- und Themen-Choreographien und wunderbar selbstironischer Komik.
Und natürlich klappt auch bei "Car Wash“ alles wie am Schnürchen. Die angehenden Friseurinnen jubeln lauthals. "Ich hätte nie gedacht, dass es so gut wird. Hammer, was da auf die Beine gestellt wurde“, staunt Friseur-Azubi Sophie Reichardt. Als zum Finale alle 27 Mädchen auf die Bühne geholt werden, ist Christine Burkard mächtig stolz: "Das haben sie sich wirklich verdient. Toll, solche Schüler zu haben.“ Bepackt mit kistenweise Ausrüstung geht es für die Azubis nach der Show wieder nach Hause – müde, aber mit einem Leuchten in den Augen. Das Ensemble zieht derweil über neun andere Städte weiter zum großen Finale Ende November in Berlin.