Wo Bestatter eine Ausbildung bekommen Münnerstadt ist Europas "Bestatter-Hauptstadt"

Ausbildungsmöglichkeiten für angehende Bestatter sind seltener als man vermutet. Europaweit gibt es ein einziges Ausbildungszentrum. Und das steht in Unterfranken.

Sebastian Kirschner

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    Verantwortungsvolle Aufgabe: Rosina Eckert leitet seit zehn Jahren das Bundesausbildungszentrum der Bestatter in Münnerstadt. Sie setzt sich in der europaweit einzigartigen Einrichtung für eine fundierte Bestatter-Ausbildung ein.
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    Bestatten auf Probe: Dozent und Bestattermeister Stefan Rommel (links) zeigt Azubi Tim Schneider auf dem Lehrfriedhof, wie eine Grabschalung anzulegen ist.
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    Teamwork: Zu zweit fällt den angehenden Bestatterinnen Laila Sebert (links) und Büsra Tekes das Auskleiden des Sarginneren deutlich leichter.

Sterben und Bestatten sind seit jeher fester Teil des Lebens. Doch im sonst bis ins Detail geregelten Deutschland ist eines nicht reglementiert: der Beruf des Bestatters. Wo in anderen Berufen seit Jahrzehnten detaillierte Ausbildungsordnungen gelten, da ist es im Bestatter-Handwerk bis heute möglich, den Beruf ohne Ausbildung auszuüben. Dem wirkt seit zehn Jahren eine europaweit einzigartige Einrichtung entgegen, das Bundesausbildungszentrum der Bestatter in Münnerstadt, Landkreis Bad Kissingen. Und mit ihm seine Leiterin Rosina Eckert.

"Das ist ein Drama", beschreibt die 59-Jährige die rechtliche Situation des Bestatter-Berufs. "Ausgerechnet für eine derart verantwortungsvolle Aufgabe gibt es keinerlei Zulassungsbeschränkungen." Erst seit 2003 existiert offiziell der Ausbildungsberuf "Bestattungsfachkraft" nach dem in Deutschland üblichen dualen Ausbildungssystem mit Betrieb und Berufsschule.

Azubis aus ganz Deutschland kommen nach Münnerstadt

Bestatten auf Probe: Dozent und Bestattermeister Stefan Rommel (links) zeigt Azubi Tim Schneider auf dem Lehrfriedhof, wie eine Grabschalung anzulegen ist. - © Foto: Sebastian Kirschner

Für die überbetrieblichen Lehrlingsunterweisungen (ÜLU) und Fortbildungen ist in diesem System das Ausbildungszentrum in Münnerstadt zentral zuständig – egal ob für einen Bestatter-Lehrling aus Bayern oder seinen Meisterschüler-Kollegen aus Schleswig-Holstein. Etwa 500 Azubis kommen pro Jahr aus ganz Deutschland ins unterfränkische Münnerstadt. Sie alle lernen hier beispielsweise Verstorbene zu waschen, Körperöffnungen zu verschließen und die Toten kosmetisch zu behandeln.

In einer Übungskapelle bahren die Auszubildenden Särge auf, in einem EDV-Raum sind auf Computern Bildbearbeitungs- und Verwaltungsprogramme installiert, um Traueranzeigen zu gestalten und Bestattungen zu organisieren. Ein eigener Lehrfriedhof gibt den Jungbestattern Gelegenheit, echte Friedhofsarbeit zu trainieren: Gräber auszuheben, Grabsteine aufzustellen, Urnen zu bestatten etc.

Pietät muss man nicht lehren

Würde und Pietät sei dabei für die Jung-Bestatter etwas ganz Natürliches, beschreibt Eckert die Arbeit im Ausbildungszentrum. Alle wüssten in der Regel sehr genau, worauf sie sich bei diesem Beruf einlassen. "Die jungen Leute hier tun alles, um den Angehörigen die Trauer zu erleichtern, gehen mit den Verstorbenen pietätvoll um, ohne dass man es ihnen beibringen muss", sagt Eckert.

Teamwork: Zu zweit fällt den angehenden Bestatterinnen Laila Sebert (links) und Büsra Tekes das Auskleiden des Sarginneren deutlich leichter. - © Foto: Sebastian Kirschner

Das ist nichts Selbstverständliches, zumal auch Bestattungswesen und Begräbnissitten sich ständig wandeln. Auch sie sind dem Zeitgeist und kulturellen Einflüssen unterworfen. Da sind zum einen die veränderten Familienstrukturen. Früher wohnten Familien über Generationen an einem Ort oder sogar unter einem Dach. "Da erlebten Kinder den Tod der Großeltern noch mit", sagt Zentrumsleiterin Eckert. Grabpflege und das Grab zu vererben gehörten damals, anders als heute, ganz selbstverständlich zum Leben dazu.

Die multikulturelle Gesellschaft schafft neue Bedürfnisse

Mittlerweile lebten Familienangehörige im ganzen Land verstreut und seien dankbar, wenn ihnen jemand die vielen verschiedenen Aufgaben, die mit einer Beerdigung einhergehen, abnehme. Zum anderen bringe aber auch unsere multikulturelle Gesellschaft Veränderungen mit sich, auf die sich die Bestatter von heute einstellen müssten. So seien in größeren Städten auf Friedhöfen eigene Abteilungen für muslimische Bestattungen längst nichts Besonderes mehr.

Pflegefreie Gräber, offenere Grabgestaltung, zunehmende Urnenbeisetzungen, Friedwälder – das alles sind Beispiele für die Herausforderungen, mit denen sich heutige Bestatter spätestens zur Meisterausbildung auseinandersetzen. Denn die Kunden dabei passend zu beraten sei der Schlüssel, damit sie ihre Angehörigen auch in Zukunft auf einem Friedhof beisetzen, so Eckert. Und hierfür kann die Branche auf die Fachkompetenz der Dozenten in Münnerstadt bauen.

Das Zentrum ist ein Wirtschaftsfaktor für den Ort

Umgekehrt zählt der Ort auch auf das Ausbildungszentrum als Wirtschaftsfaktor: Pro Woche besuchen zwischen 50 und 70 Teilnehmer die Einrichtung. Das zentrumseigene Gästehaus bietet jedoch nur 18 Zimmer. "Das Ganze ist so konzipiert worden, dass die Gastronomie und die Beherbergungsbetriebe daran Anteil haben", erklärt Eckert.

In Branchenkreisen hat sich das Bundesausbildungszentrum der Bestatter über die Jahre als feste Größe etabliert. Mit seinem breit gefächerten, strukturierten und geprüften Angebot hat die Einrichtung bereits über Europa hinaus Aufmerksamkeit erregt. Sogar Gäste aus Russland und China zeigten sich interessiert für die Münnerstädter Fortbildungsmöglichkeiten und waren bei einem Besuch begeistert von der Anlage.