Die 105 Sekunden von Frankfurt, die Krallen des Panters und die Wahrheit des Dieter Hoeneß. Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler
München – der Platz an der Sonne
Meisterbetrieb: Perfekte B-Note
Wie bitter für die Fußballer des SV Werder, dass sie nicht Eiskunstläufer oder Turmspringer geworden sind. In diesen Disziplinen entscheiden Kampfrichter durch ihre subjektive Einschätzung über den gebotenen Vortrag. Und wenn ein Sportler besonders schöne Pirouetten zeigt, liegt er vor den anderen – so easy ist das. Im Fußball verhält sich die Sache deutlich komplizierter: Hier entscheiden die erzielten Tore über Sieg und Niederlage – und wenn einer viermal trifft, dann reicht es eben nicht, wenn er sich gleichzeitig hinten vier einfängt. Das mussten die Bremer am Donnerstag in der Europa-League gegen Valencia erkennen.
Ein Fußballabend der Extraklasse war das, vom "Werder-Wahnsinn“ schrieben die Reporter tags darauf, weil Bremen einen 0:2 und 1:3-Rückstand wettmachte – und am Ende doch ausscheiden musste. Zwei Tage später stand schon wieder ein Heimspiel an, diesmal in der Liga gegen Bochum. Trainer Schaaf ließ eine B-Elf auflaufen, was übrigens nichts mit der „B-Note“ der Schlittschuhläufer zu tun hat. Dabei war der künstlerische Wert der Darbietung erneut hoch, Bremen drehte einen 0:1 und 1:2-Rückstand um und gewann mit 3:2, worauf Manager Klaus Allofs witzelte, die Eintrittspreise ob des hohen Unterhaltungsfaktors im Weserstadion künftig anzuheben. Aber das Spektakel liegt den Werderanern einfach im Blut, es ist sozusagen die ganz eigene Bremer Note – und die hat nun tatsächlich ziemlich viel mit der "B-Note“ zu tun.
Gesellenstück: Das Trauma kehrt pünktlich zurück
Kaum war das Los gezogen, kaum stand der Viertelfinalgegner fest, da wollte der FC Bayern München offenbar gleich mal daran erinnern, was ihn mit Manchester United verbindet. Also lieferten die Profis des Rekordmeisters in Frankfurt eine Partie ab, die gut, ja fast perfekt begann und im Desaster endete – so wie damals, 1999 das Champions League-Finale gegen United. Die Parallelen sind offenkundig: In der sechsten Minute ging der FCB in Führung, damals wie heute.
Später versäumten es die Münchner, den Sack zu zu machen, sie bauten den Gegner auf und steckten in der Schlussphase der Schlussphase zwei Gegentore ein – 1:2 hieß es am Ende gegen die Eintracht, genauso wie damals in Barcelona gegen die seither verhassten Briten. Nur gut, dass es in Frankfurt nicht um die europäische Krone ging wie vor knapp elf Jahren. Bayern-Kapitän Mark van Bommel beeilte sich auch gleich festzustellen, dass wegen dieser Niederlage "die Welt nicht untergeht“.
Es ist tatsächlich nicht zu erwarten, dass die Elf von Trainer van Gaal nun ausgerechnet vor dem Gipfeltreffen gegen den englischen Erzfeind traumatisiert ist, schließlich war das die erste Nullrunde nach 19 Bundesligaspielen ohne Pleite – und außerdem ist ja keiner mehr dabei, der damals diese "Mutter aller Niederlagen“, diese "102 Sekunden von Barcelona“ erleiden musste. Zumindest bei den Bayern nicht, während der schottische Traditionalist Alex Ferguson noch immer Trainer von Manchester United ist und noch immer auf Neville, Giggs und Scholes vertraut.
Etwas hat sich aber auch auf Seiten des FC Bayern seit 1999 nicht verändert: Es gibt keinen Fan des Rekordmeisters, der auch heute, so viele Jahre danach, über dieses Spiel auch nur lächeln könnte. Wie ein unerwarteter Trauerfall einer nahestehenden Person habe sich diese Niederlage angefühlt, meinte der damalige FCB-Keeper Oliver Kahn. So gesehen hatten die "105 Sekunde von Frankfurt“ damit dann doch überhaupt nichts gemeinsam, schon gar nicht nach den Ergebnissen der Konkurrenz.
Erstes Lehrjahr: Trotziges Jurymitglied
Denn die Bayern verteidigten den Platz an der Sonne, weil auch die Konkurrenz im Meisterkampf übelst schwächelte. Allen voran Bayer Leverkusen, das wieder mal von einem Ausrutscher der Münchner nicht profitieren konnte, was vielleicht an den fast schon zärtlichen Gefühlen von Trainer Heynckes für den Rekordmeister liegen könnte. Ganz nach dem Motto: Wenn Jupps Darling Bayern patzt, halten wir sogleich die linke Wange hin.
Also gab’s Saures in Dortmund, wo "La Pantera“, wie Borussia-Torjäger Lucas Barrios in seiner argentinischen Heimat genannt wird, die Krallen ausfuhr und zwei Drittel von Leverkusens Gegentoren besorgte. Tags darauf waren dann die Schalker drauf und dran, in Hamburg den nötigen Sieg einzufahren, um die Bayern zu überholen. Doch ihre 2:1-Führung brachten die Königsblauen nicht über die Zeit, am Ende stand es 2:2, was beide Teams gleichermaßen nervte.
Und so tönte HSV-Torwart Frank Rost, dass Schalke sehr wohl Meister werden könne, "wenn die anderen so blind sind“. Und Schalke-Coach Magath legte sich mit einem TV-Reporter an, der feststellte, dass sein Keeper Manuel Neuer beim 0:1 "nicht gut aussieht“. Magath entgegnete: "Manuel Neuer sieht gut aus“ und klang wie ein trotziges Jurymitglied in einer Model-Castingshow. Wir stellen fest: Alle zeigen Nerven im Titelkampf, selbst der erfahrene Meisterschleicher Felix.
Zwei linke Hände: Wölfe als Schoßhündchen
Das hatte sich Dieter Hoeneß fein ausgemalt: Der neue starke Mann des VfL Wolfsburg hatte zuletzt dem designierten Absteiger Hertha BSC üppig Honig um den Bart geschmiert, indem er vor dem Duell mit seinem Ex-Klub behauptete, die Berliner könnten "an guten Tagen jeden schlagen“. So etwas als Repräsentant des Deutschen Meisters über eine Mannschaft zu sagen, die in dieser Saison bislang von 26 Bundesligapartien nur drei für sich entscheiden konnte, ist entweder frech oder doof.
Im Fall von Dieter Hoeneß aber war es vermutlich Kalkül: Er wollte einerseits ein paar Punkte bei seinen früheren Berliner Fans erhaschen, andererseits aber auch seine Wölfe davor warnen, nach dem donnerstäglichen Coup von Kasan – dem Erreichen des Viertelfinals in der Europa League – das Ligaschlusslicht zu unterschätzen. Doch die VfL-Profis ignorierten die Aussagen ihres Bosses und vermittelten von Beginn an den Eindruck, das Spiel passe ihnen überhaupt nicht ins Konzept: Schlechter Biorhythmus, massive Lustlosigkeit, vielleicht ein bisschen Muskelkater – die Wölfe wirkten wie Schoßhündchen an einem ruhigen Sonntagnachmittag: Sie umschmeichelten die Beine der Berliner, schauten ihnen Männchen machend beim Toreschießen zu und apportierten brav das Bällchen, wenn es wieder mal in ihrem Netz gelandet war.
Am Ende stand es 5:1 für die Berliner, mit diesem vierten Saisonerfolg sind jene wieder mitten drin im Kampf um den Klassenerhalt. Und Hoeneß` Aussage war eben doch nicht nur frech oder doof, sondern letztlich auch richtig.