Eine stärkere Vorfertigung könnte für die Bauwirtschaft ein Schlüssel zu mehr Wirtschaftlichkeit sein. Durch elementbasiertes und modulares Bauen verschieben sich jedoch auch Planungs- und Arbeitsprozesse auf der Baustelle. Das Handwerk zeigt sich dafür offen.

In den Produktionsstraßen der Automobilhersteller ist serielle Fertigung Standard. Käufer können zwar Motoren, Ausstattungsdetails und Farben festlegen, aber das Basismodell eines Fahrzeugs wird gleichförmig konstruiert. Anders sieht das in der Bauwirtschaft aus. Gebäude werden überwiegend einzeln geplant und gebaut.
Jede Baustelle gleicht einer Manufaktur, in der die verschiedenen Gewerke Aufträge nach Kundenwünschen mit viel Handarbeit umsetzen. Dies kann zwar zu einer individuellen und abwechslungsreichen Gestaltung von Wohn- und Gewerbegebieten beitragen, bietet jedoch Nachteile bei der Wirtschaftlichkeit des Bauprozesses.
Bauvorhaben vom Nullpunkt aus zu realisieren, ist kosten- und zeitintensiv. Vor dem Hintergrund hoher Materialpreise, gestiegener Bauzinsen und dem Fachkräftemangel bestehe deshalb ein Veränderungsdruck in der Bauwirtschaft, meinen Experten.
Industrielle Vorfertigung, digital unterstützte Prozessoptimierung und serielles Bauen könnten dafür drei wichtige Stellschrauben sein.
Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Strategieberatung EY Parthenon und des BayWa-Konzerns, die untersucht hat, mit welchen Hebeln sich die Produktivität in der Bauwirtschaft steigern lassen könnte. "Indem wir jedes Gebäude wie bisher von Grund auf neu planen und neu bauen, verschwenden wir vorhandene Ressourcen. Das Bauen der Zukunft muss deutlich digitaler, standardisierter und damit kosteneffizienter werden", ist Steffen Mechter, Leiter Geschäftsbereich Bau der BayWa, überzeugt.
Zwei Verfahren der Vorfertigung
Künftig könnte sich mit einem höheren Vorfertigungsgrad von Gebäuden ein Großteil der Arbeit von der Baustelle in die Werkhalle verlagern, meinen die Studienautoren, die dafür Interviews mit Branchenexperten geführt haben. Elementbasiertes und modulares Bauen werden dabei zu den wichtigsten Trends gezählt.
Das elementbasierte Bauen ist eine Vorstufe des modularen Bauens. Teile der Gebäudestruktur wie Wand-, Boden- oder Deckenelemente werden industriell vorgefertigt und auf der Baustelle montiert. Hingegen werden beim modularen Bauen vollständige Räume inklusive technischer Ausstattung (etwa Sanitär, Heizung, Elektrik) im Werk vorbereitet und auf die Baustelle geliefert.
Wesentliche Vorteile der Vorfertigung sind laut der Studie, dass Bauprozesse unabhängig von Witterungsbedingungen durchlaufen, die hohe Fragmentierung der Arbeitsteilung teilweise aufgehoben, Verzögerungen verhindert sowie die Fehlerquote gesenkt und die Baustellen effizienter und sicherer werden. Auch Genehmigungsprozesse im Bauverfahren könnten durch eine Standardisierung in der Vorfertigung und serielles Bauen beschleunigt werden.
10 Prozent an Kosten einsparen
"Wenn die Baubranche die bestehenden Möglichkeiten der industriellen Vorfertigung von Bauteilen, der digitalen Vernetzung und des seriellen Bauens intensiver nutzt, kann sie mit den bestehenden Ressourcen bis zu 15 Prozent mehr Gebäude errichten und gleichzeitig zehn Prozent der Kosten einsparen", schätzt Axel Schäfer, Partner bei EY-Parthenon.
Allerdings gibt es auch Vorbehalte gegenüber diesen Bauverfahren, die sich etwa auf ästhetische Gesichtspunkte beziehen. So können Erinnerungen an die modular und seriell errichteten Plattenbau-Siedlungen wach werden, die ab den späten 1950er-Jahren in der DDR entstanden sind und von vielen als optisch wenig ansprechend empfunden werden. Die Angst, dass in Zukunft ähnliche Stadtbilder entstehen könnten, hält der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes jedoch für unbegründet und verweist darauf, dass die neuen Technologien viel mehr Gestaltungsspielräume schaffen und sich Modul- und Elementbauten in Variationen erstellen lassen.
Ein weiterer Kritikpunkt, der hervorgebracht werden kann, ist, dass von der Vorfertigung vor allem Industrie- und große Bauunternehmen profitieren, die über entsprechende Fabriken und technische Anlagen verfügen. Kleine und mittlere Handwerksbetriebe könnten Arbeit verlieren. Die Studienautoren gehen davon aus, dass sich die Tätigkeit auf der Baustelle künftig auf Aushub, Fundament, Montage und Ausbau beschränken könnte. Sie werfen allerdings die Frage auf, "ob der sinkende Bedarf an Handwerksleistungen auf der Baustelle dem herrschenden Fachkräftemangel nicht entgegenkommt?"
Das sagen Bauverbände
"Eine existenzielle Gefahr für das klassische Handwerk sehen wir nicht, trotzdem beobachten wir die Entwicklung natürlich sehr genau", sagt Ulrich Marx, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Dachdeckerhandwerks. Marx ist der Ansicht, dass Handwerksbetriebe einerseits vom modularen Bauen profitieren können, zum Beispiel beim Einbau von vorgefertigten passgenauen Dachgauben. Im kleineren Umfang würden auch Dachdecker selbst vorfertigen. Nachteil sei, dass "beim Einkauf vorgefertigter Elemente die Wertschöpfung für den Dachdeckerbetrieb geringer und damit weniger lukrativ ist".
Marcus Nachbauer, Präsident der Bundesinnung für das Gerüstbauerhandwerk, sieht den Gerüstbau durch modulares serielles Bauen aktuell nicht gefährdet. "Es werden ja keine fertigen Gebäude angeliefert, sondern nur fertige Bauteile. Diese müssen zusammengesetzt, ergänzt und weiter bearbeitet werden. All diese Arbeiten sind ohne Gerüste nicht machbar." Entscheidend werde sein, dass die vorzusehenden Planungen der einzelnen Arbeitsschritte vor Ort neu definiert werden müssen.
Christine Buddenbohm, Geschäftsführerin Unternehmensentwicklung im Zentralverband Deutsches Baugewerbe erkennt eine Chance für die Branche: "Das modulare und elementierte Bauen besitzt großes Potential für kostengünstiges Bauen bei kurzen Planungs- und Bauzeiten sowie dem Einsatz digitaler Planungs- und Produktionsmethoden. Nicht zuletzt kann es auch ein Baustein zur Lösung des Fach- und Arbeitskräftemangels sein."
Gleichzeitig beobachtet sie jedoch Probleme, dass sich die Verfahren durchsetzen: "Die Umstellung von der traditionellen Errichtung eines Gebäudes auf der Baustelle hin zur maschinellen Vorfertigung von Bauteilen oder Modulen im Werk, dem Aufbau einer passenden Logistik zur Baustelle und das Zusammenfügen auf der Baustelle erfordert erhebliche Investitionen. In Zeiten einer ungewissen Auftragsentwicklung im Neubau, sich ständig ändernder gesetzlicher Anforderungen an Gebäude und damit fehlender Planungssicherheit hat es diese Bauweise derzeit schwer, sich am deutschen Markt breiter zu etablieren."
Aktuelle Zahlen aus der Studie stützen aber die zunehmende Relevanz der vorgefertigten Bauweise. Bei Ein- und Zweifamilienhäusern liegt der Anteil der sogenannten Fertighäuser demnach heute schon bei 24 Prozent. 2022 ist der Anteil an elementbasierten oder modularen Bauten weiter gestiegen.
Auch im Gewerbebau erwarten die Analysten bei einigen Gebäudetypen wie Hallen eine überdurchschnittlich hohe Durchdringung. Die Verfasser der Studie gehen jedoch nicht davon aus, dass es zu einer raschen oder vollständigen Verdrängung der konventionellen Bauweise kommen wird. Dem entgegen stehen würde neben Vorbehalten auf der Kundeseite unter anderem ein noch fehlender breiter Einsatz von neuen Verfahren wie Building Information Modeling (BIM).