Die Schere zwischen Reich und Arm scheint zu klemmen. Noch immer gibt es in Deutschland eine stabile Mittelschicht und nicht nur große soziale Unterschiede. Eine neue Studie des IW Köln zeigt nun, dass die oft genannte Angst vor dem sozialen Abstieg hierzulande unbegründet ist. Weder schrumpft die Mittelschicht, noch hat die Krise in nennenswertem Umfang an ihr gerüttelt.

"Ob prekäre Lebensverhältnisse oder die Debatte um die Reichen- oder Vermögenssteuer – immer wieder stehen die Lebensverhältnisse an den Rändern unserer Gesellschaft im Fokus", beginnt Michael Hüther, der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, sein Statement zur neuen Studie über die deutsche Mittelschicht. Doch bei dieser Betrachtung gerät seiner Ansicht nach die Mitte der Gesellschaft in ein falsches Licht. Der „Normalbürger“ werde zwar immer mit Stereotypen wie dem Häuslebauer oder der jungen Facharbeiter-Familie verglichen, aber gleichzeitig werde unterstellt, dass es ihn gar nicht mehr gäbe.
Nur zwei Prozent steigen ab
Wie die Studie aber zeigt, schrumpft weder die Mittelschicht in Deutschland, noch müssen Angestellte, Freiberufler oder kleine und mittlere Unternehmen Angst vor dem sozialen Anstieg haben. Seit Jahren zählt ungefähr die Hälfte der Deutschen zur Mittelschicht – und daran hat sich nach Angaben des IW Köln auch im vergangenen Jahrzehnt wenig verändert. Weder die positive Konjunkturentwicklung 2006 und 2007 noch die schwere Krise 2008 und 2009 hätten in nennenswertem Umfang etwas an der Mitte der Gesellschaft verändert.

Auch wenn immer wieder von der Schere zwischen Reich und Arm die Rede ist, die weiter auseinander geht. So möchten das die Wirtschaftsforscher nicht bestätigen. Lediglich rund zwei Prozent der Mitte, also rund 400.000 der etwa 20 Millionen Haushalte, würden innerhalb eines Jahres in die relative Einkommensarmut absteigen. Zudem verbleibt die Mehrheit dieser "Absteiger" lediglich für ein Jahr in der untersten Einkommensgruppe.
Trotzdem bleiben die Frage: Wo liegt heute überhaupt die Mitte der Gesellschaft und was macht sie aus? Trägt sie wirklich immer die Hauptlast, wenn es um die Finanzierung staatlicher Aufgaben geht wie immer kritisiert?
Handwerksmeister – ein typischer Mittelständler
Viele Mythen und Vorurteile drehen sich laut Michael Hüther um die Definition der Mittelschicht – ein Grund mehr für die Forscher einmal genauer hinzusehen und eine Erklärung für die aktuelle Lage zu suchen. So haben sie neben dem Einkommen und dem jeweils erreichten Bildungsabschluss auch die einzelnen Finanzierungslasten der Deutschen betrachtet.
Im Ergebnis zeigt sich, dass der typische Mittelständler heute zumindest einen Berufsabschluss hat und dabei hauptsächlich eigenverantwortlich arbeitet. So zählen dazu genauso Facharbeiter, qualifizierte Angestellte und Beamte wie auch Handwerksmeister und Selbstständige mit bis zu neun Beschäftigten. Nach dieser Einordnung gehört knapp die Hälfte der deutschen Bevölkerung zur Mittelschicht.
Wichtigstes Kriterium ist und bleibt dabei die Einkommensverteilung. So gehören laut dem IW Köln all diejenigen zur Mittelschicht die zwischen 80 und 150 Prozent des Mittelwerts vom Nettoeinkommen in Deutschland erhalten. Laut der Deutschen Rentenversicherung liegt es in diesem Jahr bei durchschnittlich 32.446 Euro.
Doch noch weitere Kriterien definieren die Forscher in ihrer Studie als typisch für die Mittelschicht. So gehören ihr überdurchschnittlich viele Paarhaushalte an, aber nur die Hälfte davon hat Kinder. Ungefähr jeder Erwachsene Mittelständler verfügt im Schnitt über ein Nettovermögen von rund 80.000 Euro. Einen besonderen Wert misst die Mitte der Gesellschaft der selbstgenutzten Immobilie bei.
Reiche zahlen viele Steuern, aber weniger Sozialbeiträge
Die Studie zeigt also, dass die deutsche Mittelschicht ungeachtet der vielen Warnhinweise, relativ stabil ist. Ungefähr die Hälfte der Deutschen gehört demnach zur Mittelschicht und das seit Anfang der 1990er Jahre. "Ein besorgniserregendes Schrumpfen der Mittelschicht ist also nicht zu erkennen", betont Michael Hüther. Allerdings habe sich der Abstand der durchschnittlichen Einkommen zwischen den Reichen und der Mitte merklich erhöht.
Dann tritt der IW-Direktor noch einem anderen Vorurteil entgegen. Denn immer wieder werde die Mittelschicht als "Melkkuh des Staates" dargestellt. Sie trage unverhältnismäßig hohe Lasten bei der Finanzierung öffentlicher Aufgaben, so die Kritik. Nach Ansicht von Hüther stimmt das so jedoch nicht. Die Einkommensteuer, die höhere Einkommen überproportional belastet, sorge in erster Linie dafür, dass einkommensstarke Personen das Gros des Steueraufkommens schultern müssten.
"Sie verfügen über knapp 37 Prozent der bedarfsgewichteten Nettoeinkommen, zahlen aber mehr als 62 Prozent des gesamten Einkommensteueraufkommens", sagt Hüther. Dazu kommen die Sozialversicherungsbeiträge, von denen sie allerdings nur rund 37 Prozent trage, da die individuelle Belastung durch die Beitragsbemessungsgrenze beschränkt wird. Für das IW gehören deshalb auch diejenigen zur Mittelschicht, die ihre Beiträge selbst zahlen und nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. jtw