Moderne Führung im Handwerk Mitarbeiter sollen mitdenken – aber wie?

"Wer für alle denkt, hält andere dumm": Wie Handwerksbetriebe Verantwortung aufbauen – ohne Kontrolle abzugeben.

Gute Chefs entwickeln ihre Mitarbeiter. - © ssstocker/stock.adobe.com

Bundeskanzler Friedrich Merz ist in die Defensive geraten, nachdem er zuletzt vergeblich versucht hatte, wichtige Reformprojekte durch bloße Ansagen umzusetzen. Beobachter kritisieren Merz dafür, dass er zu wenig Verbündete um sich schart, Entscheidungen unzureichend vorbereitet und auf hierarchische Autorität setzt, wo Einbindung nötig wäre. Das Ergebnis: Rückhalt und Glaubwürdigkeit schwinden, Vorhaben scheitern.

Was in Berlin sichtbar wird, spiegelt ein Problem wider, das auch Handwerksbetriebe kennen. Die Zeiten, in denen der Chef morgens ansagt und abends kontrolliert, sind vorbei. Arne Bär kennt beide Seiten. Der Inhaber der Beratungsfirma "Die Unternehmenslotsen" hat selbst als Geschäftsführer ein mittelständisches Unternehmen mit rund 50 Mitarbeitern geführt. Seit mehr als 20 Jahren begleitet er Führungskräfte in Handwerk und Mittelstand. Seine Diagnose fällt klar aus: "Der Handwerksmeister war traditionell der Macher. Der hat gesagt, wo es lang geht. Der hat morgens seine Baustelle fertig gemacht, ist dann ins Büro gefahren, hat Angebote geschrieben, die Kunden besucht und nachher ist er wieder zur Baustelle gefahren. Und das hat funktioniert. Das Problem ist bloß, die Zeit hat sich geändert."

Tempo setzt Einzelkämpfern zu

Heute funktioniert die Einzelkämpfer-Mentalität nicht mehr. Gesetze ändern sich schneller, Lieferketten werden unberechenbarer, Preise schwanken in kurzen Zyklen. Bär bringt es auf den Punkt: "Heute kann der klassische Chef nicht mehr alles wissen. Und er hat erst recht nicht die Zeit." Dennoch beharren viele Betriebsinhaber auf dem alten Rollenverständnis. Sie übernehmen zu viele Aufgaben selbst, beantworten jede Frage, lösen jedes Problem persönlich. Das Ergebnis: Der Chef ist überlastet, Mitarbeiter lernen nicht dazu, Innovationen bleiben aus.

Bär erinnert sich an seine eigenen Anfangsjahre: "Als ich angefangen habe, hat mein Kollege immer gesagt: Mitarbeiter müssen nicht denken, Mitarbeiter müssen arbeiten. Mitarbeiter müssen auch nicht alles wissen, der Chef muss alles wissen. Das ist heute Kokolores." Stattdessen brauchen Betriebe eigenverantwortlich handelnde und mitdenkende Mitarbeitende. Die gute Nachricht: Gerade die jüngere Generation will Verantwortung übernehmen. Die Aufgabe moderner Chefs besteht darin, einen günstigen Rahmen zu schaffen und Entwicklung zu ermöglichen.

Selbstführung ist Voraussetzung

Der erste Schritt beginnt beim Betriebsinhaber selbst. Bär formuliert drastisch: "Wer sich selbst nicht führen kann, kann auch andere nicht führen. Es ist immer leichter, anderen zu sagen, was sie tun sollen, als sich an die eigene Nase zu fassen. Aber eine neue Kultur schaffe ich nur als Vorbild." Konkret rät er: "Ich schreibe auf, welche Aufgaben ich heute übernehme, die eigentlich auch jemand anders erledigen könnte." Diese Liste zeigt meist viele Positionen, die delegierbar wären.

Ein zweiter Punkt betrifft die eigene Arbeitsorganisation. Bär fragt: "Wie gut bin ich in meiner Selbstorganisation? Schaffe ich es beispielsweise, mir Fokuszeit zu blocken – also eine halbe Stunde oder Stunde wirklich ungestört zu arbeiten? Im Handwerk herrscht oft noch die Kultur der offenen Türen: Jeder kann immer rein, jeder ruft an." Wer strategisch denken, Angebote kalkulieren oder Prozesse verbessern will, braucht aber ungestörte Zeitfenster. Das erfordert Disziplin und Absprachen.

Typische Fallen im Betrieb

Bär hat in seinem eigenen Betrieb eine typische Falle erlebt: "Wenn Mitarbeiter reinkamen und sagten: 'Chef, wir haben ein Problem', war ich schnell mit einer Lösung zur Hand. Damit habe ich eine Kultur geschaffen, in der die Mitarbeiter sich sagten: 'Es wird schwierig, lass uns den Chef fragen.'" Seine Korrektur: "Fortan habe ich jedes Mal, wenn jemand mit einem Problem ins Büro kam, gefragt: 'Was sind deine zwei Lösungsvorschläge?' Und dann habe ich die Entscheidung getroffen."

Diese Methode verändert die Kultur grundlegend. Mitarbeiter überlegen selbst, wägen ab, bringen Lösungen. Der Chef entscheidet, trägt weiter Verantwortung, muss aber nicht mehr jedes Detail selbst durchdenken. Nach wenigen Monaten, berichtet Bär, kommen Mitarbeitende seltener mit Problemen, weil sie gelernt hätten, Situationen eigenständig zu bewerten.

Nicht nur nach Fehlern suchen

Parallel empfiehlt er einen Perspektivwechsel im Betriebsalltag: "Wir sind es gerade im Handwerk gewohnt, durch den Betrieb zu laufen und die Leute dabei zu erwischen, wenn sie Fehler machen. Ich frage gerne: Wann seid ihr das letzte Mal durch euren Betrieb gegangen und habt jemanden dabei erwischt, wenn er was Gutes getan hat?" Wer systematisch beobachtet, welcher Mitarbeitende wo Stärken zeigt, kann gezielt Aufgaben zuordnen. Bär sagt: "Ich rate dazu, Beobachtungen aufzuschreiben. Ein Zettel pro Mitarbeiter. So bekomme ich heraus: Was kann jemand gut? Wo hat jemand Spaß dran? Und dann nehme ich die Liste meiner Aufgaben und überlege: Welche dieser Aufgaben passen zu den Stärken dieses Mitarbeiters? Was könnte ich delegieren?"

Moderne Führung bedeutet indes auch, Kommunikation zu verändern. "Redet weniger. Hört mehr zu. Wer für alle denkt, hält andere dumm", sagt Bär. Beim Einrichten einer Baustelle etwa sollte der Chef nicht nur erklären, sondern auch fragen: "Habt ihr das verstanden, habt ihr Ideen, wie wir das anders machen könnten, was sind eure Sorgen und Bedenken? Ich fange an, meine Mitarbeiter zu beteiligen. Ich nenne das Verantwortungspyramide."

Einarbeitung wird wichtiger

Gerade beim Einstieg neuer Kräfte zahle sich systematische Einarbeitung aus. Bär betont: "Eine Kernkompetenz in der Zukunft wird es sein, Menschen schnell einzuarbeiten. Der ganze Onboarding-Prozess ist für mich ein absoluter Kernprozess."

Merz zeigt in Berlin, wie Führung scheitert, die auf bloße Ansagen setzt. Handwerksbetriebe können daraus lernen: Moderne Führung beginnt bei der eigenen Rolle, setzt auf Einbindung statt Kontrolle und schafft Strukturen, die eigenverantwortliches Arbeiten ermöglichen.