Ungeliebte Sicherheit So motivieren Arbeitgeber ihre Mitarbeiter für den Arbeitsschutz

Wacklige Gerüste, kipplige Leitern, Helme im Bauwagen – in der Hektik des Alltags leidet oft die ­Arbeitssicherheit. Doch es geht auch anders, zeigt das Beispiel einer Zimmerei. Hier motivieren schon kleine Anreize das Team dazu, sicherer zu arbeiten.

Bauarbeiter mit Helm und Gurt im Baufahrzeug
Helm und Gurt sind vielen Beschäftigten am Bau lästig. Die Unfallstatistiken zeigen aber: Mit dem Schutz passiert weniger. - © BG Bau

Georg Dümler hat einen Azubi weniger. Der Lehrling wollte seinen Helm nicht tragen, sein Chef wollte ihn nicht ohne Helm auf die Baustelle lassen. "Wenn der Kran läuft, haben alle Beteiligten auf der Baustelle den Helm zu tragen", sagt der Zimmerermeister aus Giebelstadt knapp. Arbeitssicherheit geht vor. Chef und Azubi haben sich getrennt.

Der Helm ist symptomatisch für das Problem der Arbeitssicherheit. 272 Menschen verunglückten im vergangenen Jahr in Deutschland tödlich bei der Arbeit, so der Bericht zum Arbeitsunfallgeschehen 2022 der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). In 99 Fällen, also in mehr als einem Drittel der Fälle, wurden die Menschen am Kopf verletzt. Dennoch sind Helme unbeliebt.

Zwischen dem Wissen um Schutzmaßnahmen und deren praktischer Umsetzung klafft eine Lücke. Fast die Gesamtheit der Beschäftigten in Deutschland kennt die für ihren Arbeitsplatz geltenden Sicherheitsregeln. Das zeigt der Dekra Arbeitssicherheitsreport 2023. Auch am Bau und im Handwerk sind die Beschäftigten demnach gut informiert. Dennoch bestätigt nur die Hälfte der Befragten, dass die Sicherheitsregeln auch stets eingehalten werden.

Ignorieren von Schutzmaßnahmen und Manipulieren von Maschinen

Grafik zu Unfällen infolge von Manipulationen an Maschinen
Schutzvorrichtungen an Maschinen werden häufig manipuliert. Die Unfallgefahr steigt dadurch. - © Quelle: DGUV, Grafik: DHZ

Wo nicht, lautet ein typisches Argument: "Ich bin ja gleich fertig, da brauche ich keinen Schutz." Auch aktive Manipulationen an Schutzvorrichtungen von Maschinen sind häufig. Eine Umfrage der DGUV zeigt, dass in Kleinbetrieben der Chef in 60 Prozent der Fälle von dieser Manipulation weiß; in der Hälfte dieser Fälle kam es zu Zwischenfällen.

Dabei wüssten die Befragten, wie es besser ginge. Sie wünschen sich:

  • intelligentere, schwer zu manipulierende und leichter zu handhabende Schutzeinrichtungen,
  • ein klares Bekenntnis ihrer Geschäftsführung gegen Manipulation,
  • ein härteres Durchgreifen,
  • Berücksichtigung bei Sicherheitsunterweisungen,
  • und geringeren Leistungsdruck.

Arbeitssicherheit von Anfang an mitgeplant

Georg Dümler
Zimmerermeister Georg Dümler legt großen Wert auf Arbeitssicherheit. - © Rudi Merkl

Georg Dümler geht genau diesen Weg. Sein Betrieb übernimmt nicht nur klassische Zimmererarbeiten, sondern fertigt auch Holzhäuser, bis zu sieben Stockwerke hoch. Die großen, drei bis vier Tonnen schweren Wände und Deckenplatten werden im Betrieb vorgefertigt und müssen dann sicher verladen und an der Baustelle montiert werden. Eine Farbmarkierung zeigt den Monteuren auf der Baustelle, wie sie die Platten sicher am Kran anschlagen. "Und ich muss mir im Vorfeld überlegen, wie ich verhindere, dass der Wind das Teil verdreht und gegen das Gerüst schiebt", verweist Dümler auf die Gefährdungsbeurteilung, die er konsequent anhand von Checklisten durchführt – und das nicht erst, seit er sich im Frühjahr in Sachen Arbeitsschutz hat zertifizieren lassen.

Die Maßnahmen, so ist Dümler überzeugt, machen sich bei ihm bezahlt. Die Ausfalltage im Betrieb sind niedrig, nur Corona hat den Wert im vergangenen Jahr etwas gedrückt. Und auch die Motivation des Teams sei gut. "Im Großen und Ganzen setzen meine 22 Mitarbeiter das von sich aus um. Und ich habe mehr Bewerbungen als ich annehmen kann", sieht Dümler den Erfolg. Dass gar keine gemeinsame Basis gefunden werden kann wie mit seinem Azubi, ist die Ausnahme.

Leuchtende Jacken und Staplerführerschein erhöhen Arbeitssicherheit

Grafik zu Unfallquoten im Handwerk
Beschäftigte in der Baukonstruktion wie Zimmerer oder Maurer haben ein vielfach höheres Risiko, bei der Arbeit einen Unfall zu erleiden als der Durchschnitt der Beschäftigten. - © Quelle: DGUV, Grafik: DHZ

Damit sein Team sicher arbeitet, lässt sich Dümler nicht lumpen. "Bei uns macht jeder alles. Also kriegt eben auch jeder den Staplerführerschein. Und einige den Kranführerschein." Zu Weihnachten im vergangenen Jahr schenkte er allen Mitarbeitern sehr warme, leuchtend gelbe Winterjacken. "Gerade Lehrlinge machen sich oft keine Gedanken, wie sie sich am Bau richtig anziehen. So schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie werden nicht krank und von den Kranführern gut gesehen."

Nur bei den Helmen muss Dümler bisweilen nachhaken. Jeder Mitarbeiter hat einen guten, bequem sitzenden Kletterhelm. Wer den bei Kranbetrieb nicht trägt, der muss einen Kasten Spezi für die Mannschaft ausgeben. "Das wird von allen akzeptiert." Die Kollegen lächeln, ziehen den anderen vielleicht kurz auf, aber die Botschaft ist allen klar: Qualität und Arbeitssicherheit haben immer Vorrang vor Schnelligkeit.

Zeitdruck versucht Dümler zu vermeiden. "Denn unter Zeitdruck pfuscht man, macht Fehler oder wird krank", ist er überzeugt. Dabei gibt er sich keinen Illusionen hin: "Der Fisch stinkt immer vom Kopf. Der Fehler des Lehrlings ist der Fehler des Gesellen. Das ist der Fehler des Vorarbeiters. Und das ist der Fehler des Unternehmers." Folglich beginnt bei Dümler die Arbeitssicherheit schon in der Arbeitsplanung. Er kalkuliert sehr genau, wie lange seine Mitarbeiter brauchen werden, um ihre Arbeit in Ruhe und sicher zu erledigen.

Aber auch wenn Unerwartetes dazwischen kommt, geht Dümler keine Kompromisse ein. "Wenn unsere Mitarbeiter auf einer Baustelle ein wackliges Gerüst vorfinden, dann gibt es eben einen Baustopp, bis das in Ordnung gebracht ist", lässt sich Dümler von Auftraggebern keinen Druck machen. "Bei einer Millionenbaustelle am Gerüst sparen und uns vorschlagen, dass wir uns einfach anseilen, das geht gar nicht!"

Unfälle mit Baumaschinen – jeder fünfte endet tödlich

Nahezu jede Woche gibt es in Deutschland einen schweren Unfall mit Baumaschinen. Die Unfallquote von Bedienern mobiler Anlagen, zu denen auch Bagger- und Radladerfahrer sowie Kranführer gehören, ist hoch. Von 1.000 Vollarbeitern verunglückten im vergangenen Jahr 82, so die Statistik zum Arbeitsunfallgeschehen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung.

Grafik zu tödlichen Unfällen im Betrieb
Die meisten tödlichen Arbeitsunfälle ereignen sich in Betrieben mit weniger als 50 Mitarbeitern. - © Quelle: DGUV, Grafik: DHZ

Besonders gravierend sind die Unfallfolgen, wenn Erdbaumaschinen abrutschen, kippen oder umstürzen. In den Jahren von 2016 bis 2021 untersuchte das Referat Tiefbau der Berufsgenossenschaft Bau (BG Bau) 113 solcher Unfälle. Zehn davon endeten für die Insassen tödlich, allein 2021 starben vier.

Am häufigsten betroffen sind Minibagger und Radlader. Auf der Maschine wären die Fahrzeugführer hier dank Überrollbügel oder Umsturzschutz eigentlich gut vor schweren Verletzungen geschützt. "Aber wenn sie sich nicht anschnallen und wenn die Tür offensteht, können sie herausgeschleudert werden", erklärt Klaus-Michael Krell von der BG Bau.

Viele Fahrer versuchen auch aus einem Fluchtreflex heraus abzuspringen, wenn das Fahrzeug umstürzt und vergrößern damit ihr Verletzungsrisiko. Denn die Gefahr, von der kippenden Maschine getroffen zu werden, ist hoch.

Praktisch alle Erdbaumaschinen haben neben dem Überrollbügel und dem Umsturzschutz einen Beckengurt für den Fahrer. Die Gurte werden allerdings kaum genutzt. Eine Befragung unter 144 Maschinenführern zeigte, dass über 90 Prozent sich nur gelegentlich, selten oder nie angurten, trotz Anschnallpflicht.

Die Gründe: Insbesondere auf den kleineren Geräten wie Minibaggern und Radladern sitzen die Fahrer oft nur für kurze Zeit. Bei diesen Einsätzen betrachten sie es nicht für nötig, sich anzuschnallen und die Kabinentür zu schließen. Zudem kritisieren Fahrer häufig, dass die Gurtsysteme nicht gut funktionieren und sie in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken.

Die BG Bau fördert über das Arbeitsschutzprämiensystem die Anschaffung innovativer Rückhaltesysteme in Erdbaumaschinen. Diese schränken dank besserer Ergonomie die Fahrer weniger ein und verhindern, dass das Anschnallen umgangen wird.