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500 Jahre Reformation "Mit Luther kam der Arbeitszwang in die Welt"

Am 31. Oktober gehen die Feierlichkeiten zu 500 Jahre Reformation zu Ende: Die DHZ hat Sozialwissenschaftler Gerhard Wegner zu den heute noch spürbaren, teils negativen Auswirkungen der Reformation und Luthers Haltung zum Beruf befragt.

DHZ: Herr Prof. Wegner, inwieweit haben wirtschaftliche Fragen bei der Reformation eine Rolle gespielt?

Wegner: Die Reformation war auf zweierlei Ebenen mit ganz großen wirtschaftlichen Veränderungen verbunden. Der Staat hat sich einerseits durch die Übernahme der Kirchengüter erheblich bereichert, um staatlichen Einfluss auszubauen, unter anderem auf militärischer Ebene und um eine erste sozialstaatliche Versorgung der Armen einzuführen. Die Reformatoren andererseits haben die Verantwortung der Menschen für ihre Arbeit hervorgehoben. Luther hat als Erster den Zusammenhang zwischen Beruf und Berufung ganz neu formuliert. Jeder Mensch ist von Gott berufen und hat einen Beruf in der Gesellschaft, den er im Auftrag Gottes ausführen muss. Das war wirklich eine Revolution, die bis heute ihre Folgen hat. Vorher waren nur der Klerus und die Obrigkeit durch Gott berufen. Plötzlich galt das auch für die Magd und den normalen Bauern. Dadurch wurde auch die körperliche Arbeit aufgewertet. Durch Calvin später dann nochmal stärker.

"In der Selbstverantwortlichkeit für den Beruf schlagen sich bis heute Ideen der Reformation nieder."

DHZ: Ist unser heutiges Ausbildungssystem auch ein Ergebnis dieser Spezialisierung und der Pflicht gegenüber dem Beruf?

Gerhard Wegner, Sozialwissenschaftliches Institut der Evangelischen Kirche Deutschland

Wegner: Deutschland und gerade das Handwerk sind ja berühmt für die sehr qualifizierte Berufsausbildung mit dem dualen System, was sehr leistungsfähig in der Ausbildung von Handwerkern ist, die wiederum selbstverantwortlich tätig sind. Darin schlagen sich bis heute Ideen der Reformatoren nieder. Wenn man sagt, mein Beruf ist auch meine Berufung – wenige würden das heute noch religiös verstehen – dann ist man für seine Tätigkeit sehr viel verantwortlicher als wenn man nur von seinem Job redet und vom Arbeitnehmerstatus her denken würde.

DHZ: Hat sich Luther eigentlich zum Handwerk geäußert?

Wegner: Für Luther waren die Bauern und die Handwerker immer Ziel seiner Ansprache. Große Unternehmen gab es ja nicht. Das Handwerk hat er mehrfach gewürdigt. Demgegenüber hat er starke Kritik am aufkommenden Frühkapitalismus geübt, an den großen Handelshäusern der Fugger und Welser zum Beispiel, mit ihren frühen Formen des Finanzkapitalismus. Deren Fixierung auf Zins und Gewinn bedrohe das gesamte Sozialgefüge. Entsprechend drastisch hat er sich geäußert: "Die Fugger fressen mit ihren Zinsen jeden Tag fünf Bauern."

DHZ: Dennoch hat Luther durch die Würdigung der Arbeit und des Berufs die Lohnarbeit stark gefördert und damit auch das Streben nach mehr als dem reinen Seelenfrieden?

Wegner: Das berührt verschiedene Aspekte. Mit Luther kam der Zwang zu arbeiten in die Welt. Vorher durfte man arm sein und sich über Almosen ernähren. Die Unterstützung der Armen wurde auch durch die Kirche gewürdigt. Das fällt mit Luther alles weg. Auch hier formuliert Luther wieder sehr scharf: "Wer nicht arbeitet, ist nicht mein Nächster." Jenen Menschen muss ich demnach auch keine Nächstenliebe zukommen lassen. Das ist ein ganz harter Satz, der in der Folge zur Vergötzung der Arbeit geführt hat mit bis heute sehr negativen Folgen. Die Arbeit sollte für ihn aber auch Anteil an Gottes schöpferischer Kraft sein und etwas eminent Befriedigendes haben. Reichtum, den ich durch diese Kraft erlange, ist für ihn damit auch ein Segen. Im Mittelpunkt standen aber immer die Qualität der Arbeit und das Ziel, damit Gutes zu bewirken.

"Sozialer Aufstieg war für Luther ein Verstoß gegen die göttliche Ordnung."


DHZ: Am festgefügten Stände-System von Herr und Knecht wollte Luther aber nichts ändern. Klingt nicht sehr sozial.

Wegner: Richtig. Die Berufung erfolgt bei Luther immer in den Stand , in den man hineingeboren ist. Kommt man als Knecht zur Welt, dann soll man es auch bleiben. Sozialer Aufstieg wäre ein Verstoß gegen die göttliche Ordnung. Allerdings enthält der Berufungsgedanke Luthers auch etwas Weitreichenderes. Wenn ich berufen bin mit meinen Fähigkeiten und Gaben, dann soll ich diese auch entwickeln. Das impliziert soziale Veränderung und Aufstieg. Bei Luther kommt das vor allem in seiner Haltung gegenüber Frauen und Mädchen zum Ausdruck, die nach seiner Auffassung auch Schulbildung erhalten sollen – etwas, was vorher überhaupt nicht üblich war. Damit durchbricht er auch die Ständeordnung. Calvin ist 50 Jahre später sehr viel progressiver. Er sagt: Wenn jemand merkt, dass Gott ihn in eine andere Tätigkeit beruft, dann soll er diesem Ruf folgen. Sozialen Aufstieg gibt es für Calvin demnach zwangsläufig.

DHZ: Luthers Ablass-Kritik war auch eine Kritik an zunehmender Ökonomisierung. Heute wird jeder Teil des Lebens nach ökonomischen Kriterien beurteilt. Braucht es einen neuen Luther?

Wegner: Luther hat ja vor allem die Ökonomisierung der Religion verurteilt. Davon sind wir heute weit entfernt. Niemand würde heute sagen, dass man sich sein Seelenheil kaufen kann. Allerdings hat die Ökonomisierung dazu geführt, dass jeder sich gezwungen sieht, sich den von der Wirtschaft gewünschten Standards zu unterwerfen, indem er versucht, sich selbst fortlaufend zu verbessern und zu optimieren. Dabei stellt sich die Frage, welche Entlastungen es von diesem zunehmenden Selbstdarstellungsdruck heute gibt. Das ist ein Problem, das sich in der Zunahme psychischer Krankheiten äußert. Der größte Krankheitsfaktor ist dennoch die Arbeitslosigkeit. Die Gefahr krank zu werden, wenn man arbeitslos ist, ist in keinem anderen Land so hoch wie bei uns. Die hohe Bewertung der Arbeit, die auch auf Luther zurückgeht, hat damit auch etwas pathologisches. Wir leiden unter einer Art Arbeitsreligion, die mit der Ökonomisierung einhergeht.

"Der Sozialstaat reagiert viel besser auf individuelle Problemlagen und Risiken als es 1.000 Euro pauschal tun könnten."


DHZ: Daher rührt auch das hohe Misstrauen gegenüber solchen Konzepten wie dem bedingungslosen Grundeinkommen. Wie steht die evangelische Kirche dazu?

Wegner: Wir diskutieren das Thema vor allem unter dem Aspekt, dass man nicht einerseits einen ausgebauten Sozialstaat haben kann und gleichzeitig das Grundeinkommen. Beides zusammen lässt sich nicht finanzieren. Nach unserer Meinung sollte es so bleiben, wie es ist. Der Sozialstaat reagiert viel besser auf individuelle Problemlagen und Risiken – gerade auch in der Arbeitswelt – als es eventuell 1.000 Euro pauschal pro Kopf tun könnten.

DHZ: Dennoch gibt es ein unterschwelliges Gefühl von Ungerechtigkeit in der Gesellschaft. Stichwort: Niedriglohnsektor, Altersarmut, das Auseinanderklaffen der Vermögensverhältnisse. Kümmert sich die evangelische Kirche überhaupt noch genug um die soziale Frage?

Wegner: Die Kirche hat ja keinen Einfluss auf das wirtschaftliche Geschehen, hat sich aber immer mit Stellungnahmen zu Wort gemeldet. Vor zwei Jahren haben wir eine große Denkschrift zur Situation der Arbeitnehmer in Deutschland herausgebracht. Dort werden auch diese Missstände kritisiert. Wir unterstützen natürlich Maßnahmen zur Lösung dieser Probleme. Allerdings richten sich oft die Interessen großer Arbeitgeber dagegen.

DHZ: Wenn Luther die heutige von Wirtschaft und Kapitalismus geprägte und von ihm mitverursachte Welt sähe, würde er seine Thesen wieder genauso formulieren?

Wegner: Luther wäre heute ein Vertreter der sozialen Marktwirtschaft, wie wir sie in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern ja immer noch haben. Für ihn hieße das: Es gibt eine leistungsfähige Wirtschaft und gleichzeitig soziale Ausgleichsmechanismen gegen soziale Ungleichheit und soziale Härten, also Mittel, die verhindern, dass Menschen in Schieflagen in ein ganz tiefes Loch fallen – eine Art verantwortlichen Kapitalismus. Ich denke, diese Haltung herrscht ja auch im Handwerk mit seinen Familienunternehmen vor. Luthers Kritik am aufkommenden Kapitalismus und sein Wunsch, Zinsen zu verbieten, könnte er heute nicht mehr aufrechterhalten. Zur Armut sagt Luther, dass man sie am besten dadurch bekämpft, dass alle einen Arbeitsplatz haben, auch wenn man kritisieren kann, dass er die Arbeit zu hoch schätzt.

Tipps zum Jubiläumsschluss

  • Nationale Sonderausstellungen: "Luther und die Deutschen", "Der Luther-Effekt" und "Luther! 95 Schätze – 95 Menschen", alle bis zum 5. November, 3xhammer.de
  • Ohne klösterliches Milieu keine Reformation: Die Universitätsbibliothek Leipzig, Bibliotheca Albertina, zeigt noch bis zum 8. Januar die Ausstellung "Geist aus den Klöstern. Buchkultur und intellektuelles Leben in Sachsen bis zur Reformation". Die Ausstellung setzt die Geisteswelten der sächsischen Klöster in Szene. Denn ohne Handelnde aus dem klösterlichen Milieu sei eine Reformation nicht möglich gewesen. Ein Highlight ist eine erst kürzlich entdeckte, fast 500 Jahre alte Chorhandschrift aus Wittenberg. Das Doppelblatt ist dem Kurator zufolge das älteste bekannte Zeugnis aus der Gottesdienstpraxis der jungen protestantischen Kirche. "Geist aus den Klöstern", Bibliotheca Albertina, Leipzig, bis 7. Januar 2018, täglich von 10 bis 18 Uhr
  • Panorama von Yadegar Asisi in Wittenberg: Noch bis 2021 ist in Wittenberg das Panorama "Luther 1517" zu sehen. Im 360°-Panorama des Künstlers Yadegar Asisi erschließt sich die Vielschichtigkeit der Wittenberger Ereignisse in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Neben der künstlerischen Interpretation bekannter Begebenheiten wird auch das Leben der einfachen Stadtbevölkerung, der Gelehrten und der Oberen dargestellt. So werden Ursachen, Hintergründe und Auswirkungen der Reformation verständlich aufgezeigt. Die Besucher erleben das Panorama in einem Tag-Nacht-Rhythmus, eingebettet in eine eigens komponierte Begleitmusik, www.wittenberg360.de
  • Buchtipps
    Martin Luther: Rebell in einer Zeit des Umbruchs, Heinz Schilling, ISBN-13: 978-3406696879, 728 Seiten, C.H. Beck
    Schilling stellt Luther in seine Zeit und schildert ihn nicht als einsamen Helden, sondern als Rebell in einem gewaltigen Ringen um die Religion und ihre Rolle in der Welt. Seine Biographie zeigt den Reformator als schwierigen, widersprüchlichen Charakter, der kraft seines immensen Willens zwar die Welt verändert – in vielem aber auch ganz anders, als er es beabsichtigte.
    Der Mensch Martin Luther: Die Biographie, Lyndal Roper, ISBN-13: 978-3100660886, 736 Seiten, S. Fischer
    Die renommierte Oxford-Historikerin Lyndal Roper versucht in ihrer mehrfach ausgezeichneten Biographie Luthers ganze Persönlichkeit zu verstehen, seine innere Welt und die Beziehungen zu seinen Freunden nachzuvollziehen. Dafür hat sie seine Schriften und vor allem seine Briefe noch einmal neu gelesen und zahlreiche Dokumente über Luther und sein Umfeld ausgewertet.
    Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten, Christian Nürnberger u. Petra Gerster, ISBN-13: 978-3522304191, 208 Seiten, Gabriel Verlag
    Martin Luther und seine Frau Käthe – wie Christian Nürnberger und Petra Gerster sie sehen.
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