Sortieren, entscheiden, begründen – unter Zeitdruck. Ausbildungsberater Peter Braune stellt in seiner Ausbildungsserie die Postkorbaufgabe vor. Eine Ausbilderin in einer Glaserei nutzt die Methode als Lernerfolgskontrolle – und erfährt dabei weit mehr als eine klassische Wissensabfrage verrät.

Zwölf E-Mails, drei Rechnungen, eine Kundenanfrage über das Kontaktformular, zwei Kataloge und ein Brief vom Bauamt – alles muss bearbeitet werden. Die Zeit läuft. Was muss sofort raus? Was kann warten? Was ist unwichtig? Vor genau dieser Situation stehen Auszubildende, wenn ihre Ausbilder die Postkorbaufgabe einsetzen.
Praxisnahe Aufgabe statt trockener Abfrage
In unserem Beispiel bildet eine Ausbilderin in der Verwaltung einer Glaserei Kaufleute für Büromanagement aus. Für Lernerfolgskontrollen nutzt sie Aufgaben aus der betrieblichen Praxis. Anregungen holt sie sich auch aus dem Internet und entwickelt daraus eigene Aufgabenstellungen.
Im Rahmen der Berufsbildposition "Bürowirtschaftliche Abläufe organisieren" muss sie Kenntnisse und Fertigkeiten zum Lernziel "Posteingang und -ausgang bearbeiten" vermitteln. Dafür bereitet sie einen umfangreichen Posteingang vor – analog und digital. Dieser enthält unter anderem:
- Rechnungen und Mahnungen
- Verträge
- Informationen von Lieferanten
- Kundenanfragen und Aufträge – per Brief, E-Mail oder Online-Formular
- offizielle Behördenpost
- allgemeiner Schriftverkehr
- Infopost
- persönliche Dokumente
- Fachzeitschriften und Kataloge
Entscheiden unter Druck
Die Auszubildenden sortieren alle Eingänge nach Dringlichkeit und Wichtigkeit. Bei jedem Poststück entscheiden sie: Sofort erledigen, weitergeben, terminieren oder unbeachtet lassen? Sie filtern Informationen, trennen Wichtiges von Unwichtigem und ordnen die nachfolgenden Aufgaben nach Dringlichkeit. Der Arbeitsaufwand ist bewusst hoch und in der vorgegebenen Zeit nur schwer zu bewältigen. Am Ende begründen die Auszubildenden, warum sie welche Arbeitsschritte gewählt haben.
4 Varianten der Methode
Die Ausbilderin hat über die Zeit mehrere Varianten entwickelt:
- Sie ändert den Inhalt der Postkörbe.
- Sie baut Störungen von außen ein – etwa einen Anruf oder eine dringende Nachfrage eines Kollegen.
- Die Auszubildenden bearbeiten den Posteingang komplett am Computer, etwa als simuliertes E-Mail-Postfach.
- Sie kombiniert den klassischen Postkorb in Papierform mit digitalen Eingängen.
Was die Methode wirklich zeigt
Das Entscheidende an der Postkorbaufgabe: Die Ausbilderin beurteilt nicht nur das Ergebnis. Sie erkennt, ob die Auszubildenden die zum Lernziel gehörenden Kenntnisse und Fertigkeiten beherrschen. Darüber hinaus beobachtet sie deren Arbeitsweise, Belastbarkeit, Arbeitsgenauigkeit, Schwerpunktsetzung, Entscheidungsfreude, Nervenstärke, Delegationsbereitschaft und Organisationsgeschick.
Das Prinzip funktioniert auch in der Werkstatt
Das Beispiel aus der Glaserei zeigt die Postkorbmethode im kaufmännischen Bereich. Doch das Grundprinzip – viele Aufgaben gleichzeitig, wenig Zeit, klare Entscheidungen – lässt sich auf gewerblich-technische Ausbildungsberufe übertragen. Der Postkorb wird dann zur Auftragslage.
Ein Beispiel: Ein SHK-Azubi erhält fünf Aufträge gleichzeitig. Drei Baustellen melden Probleme, ein Notfall kommt herein, ein Lieferant ruft an wegen einer Terminänderung. Material ist nicht für alle Aufträge vorhanden, der Meister ist auf Montage. Der Azubi muss priorisieren, entscheiden und am Ende begründen, warum er so gehandelt hat.
Ob Tischlerei, Elektrobetrieb oder Kfz-Werkstatt: Ausbilderinnen und Ausbilder können die Methode an ihren Betrieb anpassen. Der Aufwand ist überschaubar. Der Erkenntnisgewinn nicht.
Ihr Ausbildungsberater Peter Braune
Zum Autor: Peter Braune hat Farbenlithographie gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.