Heute startet ein spannender Film in den Kinos, der die Geschichte eines in die Alkoholsucht abdriftenden Handwerkers erzählt: "Mit der Faust in die Welt schlagen" schildert die Mechanismen sozialer Abstürze und zeigt dabei auch Gründe für das Wiedererstarken des Rechtsextremismus in Sachsen auf. Wuchtiges deutsches Kino – und unbedingt sehenswert.

Ein schöner Platz für das neue Häuschen ist gefunden, die Kinder gehen zur Schule, die Eltern zur Arbeit: Es könnte alles so schön sein für Familie Zschornak, um die sich im Kinodebüt von Regisseurin und Drehbuchautorin Constanze Klaue alles dreht. Schon der Titel ihrer Romanverfilmung "Mit der Faust in die Welt schlagen" lässt allerdings erahnen, dass sich die anfangs noch rosarote Familienwelt in diesem Sozialdrama bald düster einfärbt: Klaues Film, der bei der Berlinale 2025 in der neuen Sektion "Perspectives" lief und am 3. April 2025 in den Kinos startet, entführt uns ins Jahr 2006 und in die sächsische Provinz. Der Strukturwandel ist dort in vollem Gange und die Menschen im Osten verlieren gleich reihenweise ihre Jobs. Darunter auch ein Handwerker.
Familienvater Stefan (Christian Näthe) ist gelernter Elektriker. Zu DDR-Zeiten noch in Diensten der Eisenbahn, hat er nach der Wende sein berufliches Glück im Handwerk gefunden. Weil die Firma seines Chefs Aufträge in ganz Deutschland annimmt, ist Stefan allerdings viel auf Montage und verbringt nicht so viel Zeit mit seiner Frau Sabine (Anja Schneider) und seinen Söhnen Philipp (Anton Franke) und Tobi (Camille Moltzen), wie es der Familie gut täte. Als er von einer weiteren Dienstfahrt zurückkehrt, kommt es noch dicker: Stefan wird gefeuert, weil sein Chef lieber billige Arbeitskräfte aus Polen anheuert, statt deutsche Fachkräfte bezahlen zu müssen. Mit diesem Schicksal ist Stefan, dessen handwerkliches Geschick ausbaufähig ist, nicht allein – fast 20 Prozent aller Ostdeutschen sind 2006 arbeitslos. Zwei Jahre zuvor entfiel die Meisterpflicht in vielen Gewerken.
Hausbau mit Hindernissen
Auch der alkoholkranke Elektriker Uwe (Meinhard Neumann) hat seinen Job verloren, weil sein Ex-Arbeitgeber mit osteuropäischen Aushilfen Geld spart. Uwe wird im Dorf gemieden, weil er abgehalftert wirkt – packt aber bereitwillig (und schwarz) bei Stefan mit an, als der ihn bittet, die Elektrik im Neubau der Zschornaks zu richten. Weil Stefan gemeinsam mit der als Krankenschwester tätigen Sabine einen Kredit abbezahlt und Kosten sparen will, hat er trotz seines fehlenden Meistertitels komplett selbst Hand angelegt – mit dem Ergebnis, dass in dem zwar bewohnbaren, aber noch unfertigen Bau zum Missfallen seiner genervten Gattin ("Hättest lieber mal nen richtigen Elektriker ranlassen sollen!") pausenlos der Strom ausfällt. Sein hämischer Nachbar (Hannes Wegener) war cleverer: Er hat gleich einen Polen rangelassen und den ebenfalls schwarz bezahlt.

Damit allerdings nicht genug: Weil Stefan nach dem Verlust seines Jobs viel Zeit und wenig Geld hat, übernimmt er viele andere handwerkliche Tätigkeiten im Eigenheim – oder versucht es zumindest. Die Heizungsanlage versagt ihren Dienst, unter der Spüle spritzt nach einem Reparaturversuch das Wasser und auch der alte Passat, mit dem Stefan seine Jungs an den Badesee fahren will, hätte eher den Blick eines versierten Kfz-Mechanikers statt Stefans gefährliches Halbwissen benötigt. Was der Elektriker auch anpackt, geht schief. Auf seine Bewerbungen bei Handwerksbetrieben in der Region erhält der arbeitswillige Geselle nur Absagen. Weil Tobi seinem immer dünnhäutigeren Vater diesen täglichen Frust am Briefkasten ersparen will, fischt er die Umschläge heimlich heraus und entsorgt sie – dass auch Stefan bald zum Wodka greift, verhindert das nicht.
Sozialer Abstieg durch Kinderaugen
Constanze Klaue arbeitet in ihrem Kinodebüt, das auf Lukas Rietzschels gleichnamigem Roman basiert, mit feinem Gespür für Details heraus, was es mit einem macht, seinen Job zu verlieren, weil ein Anderer die Arbeit billiger erledigt. Und was es mit dem Nachwuchs anrichtet, der seinen Vater irgendwann kaum noch wiedererkennt: Schonungslos und durch die Augen von Stefans Kindern führt uns die Filmemacherin den sozialen Abstieg vor Augen, den so viele Menschen in Ostdeutschland durch Strukturwandel und Arbeitslosigkeit erfahren mussten. Sind Fachwissen und Erfahrung nichts mehr wert, wenn man plötzlich zu teuer ist oder sich die Wirtschaftswelt weitergedreht hat?
Neben Stefans Flucht in den Alkohol steigt im Frust auch die Empfänglichkeit für rechte Hetze – ein typisches Muster und kein billiges Klischee, sondern bittere Realität. Der Elektriker fühlt sich wie viele andere Menschen in seinem Umfeld nutzlos und von der Politik verraten – und das färbt bald auf seine Söhne ab. Da steht plötzlich das Wort "Jude" auf dem Schulheft und Philipp plappert im Übermut Nazi-Parolen nach, die selbst die geschockte Oma nicht mehr aus seinem Kopf kriegt.
Wenige Wochen nach der Bundestagswahl 2025 setzt Klaue mit ihrem Film ein bitteres Ausrufezeichen, zeigt dabei aber nicht anklagend mit dem Finger auf Betroffene oder will gar das Kreuz auf dem Wahlzettel bei demokratiefeindlichen Parteien entschuldigen. Vielmehr führt die Filmemacherin uns mögliche Gründe vor Augen, die zu "Denkzetteln" für die Parteien der Mitte, Gewalt und Ausländerfeindlichkeit führen können. Die Ursachen für den Frust ihrer abgehängten Figuren können wir fast immer gut verstehen.
Ein hoffnungsvoller Ausblick
Signale der Hoffnung sendet ihr Film, der auf der Zielgeraden ins Jahr 2015 springt, allerdings auch: Während Philipp neun Jahre nach Beginn der Geschichte Molotowcocktails schmeißt, hat Tobi in Zeiten von "Wir schaffen das!" eine duale Ausbildung zum Elektroniker begonnen. Angesichts von Fachkräftemangel und Klimawandel bietet sich ihm damit eine erstklassige berufliche Perspektive – der Junge bleibt standhaft und gerät anders als sein Bruder nicht ins Netz der Nazis. Zusammen mit seinem Chef, der ihm schon mal 20 Euro fürs Volksfest zusteckt, überprüft er nun die Kabelkästen in dem inzwischen maroden Schulgebäude, in dem er einst Vokabeln paukte. Nun soll es saniert und umgebaut werden – in eine Unterkunft für Menschen mit Fluchthintergrund. Gut ausgebildete Handwerker werden dabei 2015 längst wieder händeringend gebraucht.