Die Deutsche Bahn AG hat zu wenig Züge, und viele sind zu alt. Diesem schon lange beklagten Missstand soll der wohl größte Auftrag abhelfen, den das Staatsunternehmen bisher vergeben hat: Für deutlich mehr als fünf Milliarden Euro werden bei Siemens bis zu 300 neue Züge bestellt, die zunächst Intercity- und Eurocity-Garnituren und langfristig auch die ICE-Hochgeschwindigkeitszüge ablösen sollen.
Mit dem ICx-Baukasten aus der Fahrzeugmisere
Berlin (dapd). Die Deutsche Bahn AG hat zu wenig Züge, und viele sind zu alt. Diesem schon lange beklagten Missstand soll der wohl größte Auftrag abhelfen, den das Staatsunternehmen bisher vergeben hat: Für deutlich mehr als fünf Milliarden Euro werden bei Siemens bis zu 300 neue Züge bestellt, die zunächst Intercity- und Eurocity-Garnituren und langfristig auch die ICE-Hochgeschwindigkeitszüge ablösen sollen. Es ist ein Baukasten-System, aus dem sich sowohl Regional- als auch schnelle Hochgeschwindigkeitszüge zusammenstellen lassen.
Die Züge mit dem Arbeitstitel ICx kommen aber frühestens 2014, und die Fahrzeugmisere dauert schon jetzt viel zu lange - ebenso wie die Verhandlungen. Bahnkritiker führen die Verzögerung unter anderem darauf zurück, dass die Bestellung wegen der übermäßigen Fokussierung auf den Börsengang zurückgestellt worden sei. Zurzeit behilft sich die Bahn mit Leihgaben aus Frankreich und der Schweiz und mit Anpassungen des Fahrplans.
Um die Krise zu mildern, hatte die Bahn AG vor einigen Monaten bereits die eigentlich beabsichtigte Systematisierung des Fahrzeugparks hintangestellt und beim Siemens-Konkurrenten Bombardier 135 Doppelstockwagen sowie 27 Lokomotiven im Wert von rund 360 Millionen Euro für den Fernverkehr bestellt. Die kommen immerhin schon 2013.
Damit fiel aber auch die Entscheidung, dass es weiter klassische Züge mit Loks und Wagen im Fernverkehr geben wird und nicht nur, wie eigentlich geplant, fast ausschließlich Triebzüge à la ICE 3, die als Einheit quasi untrennbar sind. Das Konzept des Fernverkehrs sieht vor, dass die Doppelstock-Züge vornehmlich auf den weniger ausgelasteten "Randnetzstrecken" eingesetzt werden.
Fernverkehrszüge sind teuer. Ein einziger Intercity- oder Eurocity-Zug schlägt mit einer zweistelligen Millionensumme zu Buche. Es sind auch Langzeit-Investitionen. Die Lebensdauer wird in der Regel mit 25 Jahren angesetzt, bei den ICE-Zügen der ersten und zweiten Generation hat die Bahn sich nach Ablauf dieser Zeit für eine komplette Modernisierung entschieden, mit der der Lebenszyklus um etwa 15 Jahre verlängert wird.
Ende des Jahres lagen die Bahn und Siemens bei den Preisvorstellungen noch weit auseinander. Die Bahn bot für eine Umsetzung des Konzepts 28.000 Euro pro Sitzplatz; die Vorstellungen des Siemens-Konzerns bewegten sich dagegen knapp unter 40.000 Euro. Insgesamt geht es um 200.000 Sitzplätze. Für das Gesamtprogramm bedeutete das eine Preisspanne zwischen 5,6 und 8,0 Milliarden Euro. Ein klassischer einstöckiger IC-Wagen hat, je nach Klasse und Inneneinrichtung, zwischen 60 und 80 Plätze, ein Zug zwischen 6 und 14 Wagen. Die neuen Doppelstockzüge bieten 469 Plätze. Die ICx-Züge sollen, je nach Konfiguration, zwischen 500 und 800 Plätze haben.
Die Bahn AG hatte unter mehreren Wettbewerbern, darunter der französische Alstom-Konzern, Ende 2009 Siemens als "bevorzugten Bieter" ausgesucht. Dennoch gestalteten sich die Verhandlungen weiter zäh. Dies nicht nur wegen der unterschiedlichen Preisvorstellungen, sondern auch wegen der anhaltenden Qualitätsprobleme der Fernverkehrszüge und der damit einhergehenden Haftungsfragen, die beide Parteien vorab so weit wie möglich geklärt wissen wollten.
Dem soll ein "Handbuch Eisenbahnfahrzeuge" abhelfen, auf das sich alle Beteiligten geeinigt haben. Es legt Standards für Planung, Produktion und Zulassung fest. In einigen Wochen soll die Einigung unter Federführung des Verkehrsministeriums feierlich besiegelt werden.
Am Gründonnerstag will der Bahn-Aufsichtsrat die Einigung zwischen Siemens-Chef Peter Löscher und Bahnchef Rüdiger Grube absegnen. Danach bleiben den Wettbewerbern zwei Wochen Zeit für Widersprüche. Verzichten sie, kann der Vertrag unterschrieben und mit dem Bau begonnen werden. Das Lastenheft zählt 9.000 Einzelanforderungen allein in technischen Details auf.
dapd
