Lehre in Teilzeit Mit 41 nochmal Azubi: Künstler erweitert seine Fähigkeiten

Sebastian Schulz ist 41 Jahre alt und macht derzeit eine Ausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer. 41 ist ein ungewöhnliches Alter für einen Azubi, aber Schulz hat die Entscheidung bewusst getroffen.

Sebastian Schulz (links) im Gespräch mit seinem Kollegen Nick Fischer
Teilzeit-Azubi Sebastian Schulz (links) im Gespräch mit seinem Kollegen Nick Fischer bei der Natursteine Maier GmbH. - © Sascha Schneider

Sebastian Schulz war zuvor zehn Jahre als freier Künstler unterwegs, vor allem viel auf Mittelalter-Festen wie dem Kaltenberger Ritterturnier als Marktaussteller und Kalligraf (Kalligrafie, die Kunst des schönen Schreibens), was er auch jetzt noch tut. "Ich habe lange Zeit mehr oder weniger an der Armutsgrenze gelebt. Trotzdem war ich zufrieden und es hat alles immer funktioniert. Der Impuls, eine Ausbildung anzufangen, war eher, dass ich mein künstlerisches Repertoire erweitern wollte", sagt Sebastian Schulz.

Als Künstler auf Mittelalter-Festen

Weil er auf den Mittelalter-Festen immer mal wieder angesprochen wurde, dass derzeit viele Schriftenhauer in Rente gehen und deswegen in diesem Bereich viel gesucht wird, bewirbt er sich bei diversen Steinmetz-Betrieben. Und weil er keine reguläre Ausbildung machen möchte, sondern gewisse Anforderungen hat, gestaltet sich ein Einstieg schwierig. Aber dann klappt es mit der Natursteine Maier GmbH im Augsburger Stadtteil Haunstetten. Beide Parteien sind sich schnell einig und es geht am 2. Mai 2022 mit der Ausbildung los.

Drei-Tage-Woche

Da für ihn die Azubi-Vergütung – aktuell im dritten Lehrjahr 1.175 Euro brutto – nicht ausreicht, einigen sich beide Seiten im Frühjahr 2022 auf eine Teilzeitausbildung. So kann Schulz als freier Künstler sein Einkommen aufstocken. Und sich vor allem auch um seinen kleinen Sohn kümmern, der in diesem Frühjahr zur Welt kam. Der junge Vater arbeitet drei Tage die Woche, von Dienstag bis Donnerstag, jeweils 8,5 Stunden bei der Natursteine Maier GmbH.

Abgeschlossenes Studium in Kommunikationsdesign

Seit Anfang 2020 steht die Teilzeitausbildung jedem Auszubildenden offen. Zuvor war sie nur aus besonderen Gründen möglich, wie zum Beispiel der Betreuung eines Kindes. In der Regel verlängert sich die gesamte Ausbildungszeit um die gekürzte Stundenzahl, die nicht um mehr als 50 Prozent reduziert werden darf. Die Urlaubstage werden analog zu den kürzeren Wochenstunden reduziert. Die Agentur für Arbeit bietet unter gewissen Umständen auch finanzielle Unterstützung in Form der Berufsausbildungsbeihilfe oder nach dem Qualifizierungschancengesetz. Sebastian Schulz erhält keine Unterstützung durch die Arbeitsagentur. Zum einen, weil er bereits über 32 Jahre alt ist, zum anderen, weil er schon eine abgeschlossene Berufsausbildung als Digitaldrucker und Werbetechniker hat und zusätzlich ein Studium in Kommunikationsdesign.

Harte Umstellung

Die Umstellung von der rein freien und künstlerischen Tätigkeit auf eine Ausbildung mit festen Arbeitszeiten war für Sebastian Schulz anfangs nicht ganz leicht. "Mit dem Arbeitsbeginn um 7 Uhr habe ich mir erstmal echt schwergetan. Das war heftig. Gleich an meinem ersten Tag bin ich ein paar Minuten zu spät gekommen und gleich wieder nach Hause geschickt worden. Da war der Chef sehr konsequent, hat gezeigt, wie wichtig ihm Pünktlichkeit ist", erinnert sich Schulz.

"Starke Persönlichkeit"

Der Chef heißt Michael Maier. Er sagt, dass es schon herausfordernd sei mit Sebastian Schulz als Azubi, aber es trotzdem gut läuft. "Sebastian war zuvor ja Einzelkämpfer und musste sich erstmal ziemlich umstellen, auf einen normalen betrieblichen Alltag mit gewissen Strukturen. Und er ist eine fertige und sehr starke Persönlichkeit. Das ist auf jeden Fall etwas anderes als bei einem jungen Menschen, den man noch formen kann", stellt Maier fest. Trotzdem würde der Chef es zu keiner Zeit vom Alter abhängig machen, ob er eine Auszubildende oder einen Auszubildenden einstellt. "Wir haben auch schon jemanden eingestellt, der vorher Jeansverkäufer war. Er arbeitet immer noch für die Firma. Einsatz und Leistung müssen stimmen. Und es geht natürlich um gegenseitigen Respekt."

Vielfältige Nachwuchswerbung

Michael Maier kann auch davon erzählen, wie schwierig es ist, geeignete Auszubildende oder Fachkräfte zu bekommen: "Dass man einen fertigen Steinmetz kriegt, ist reines Wunschdenken. Wir nutzen mittlerweile so ziemlich jeden Kanal, um an Nachwuchs zu kommen. Wir schalten klassische Werbung, wir inserieren in der Lehrstellenbörse der Handwerkskammer, melden unsere freien Stellen bei der Arbeitsagentur, gehen an Schulen und stellen unsere Berufe vor und so weiter."

Laut Maier sollten Anreize oder neudeutsch: Benefits für Azubis nicht ausschlaggebend für die Wahl eines Ausbildungsplatzes sein: "Es muss ein Interesse und ein gewisses Talent für den Beruf, die Tätigkeiten da sein. Jemanden mit einer Antrittsprämie oder der Übernahme der Kosten für den Führerschein zu locken, halte ich nicht für richtig. Zumal man im Steinmetz-Bereich die ersten drei bis vier Jahre eher ein Hilfsarbeiter ist. Und wenn bei uns beispielsweise eine Steinplatte kaputtgeht, dann kann der Schaden bei mehreren Tausend Euro liegen."

Mehr Anerkennung für handwerkliche Berufe

Allerdings hat Maier hier auch schon Ausnahmen gemacht. Für Beschäftigte, die sich bewähren und etwas länger im Betrieb sind, gibt es durchaus Vorteile. Unter anderem wurde bereits ein Lkw-Führerschein bezahlt. Außerdem gehe es, so Michael Maier, zusätzlich um andere Aspekte. So wünscht er sich allgemein mehr Anerkennung für handwerkliche Berufe sowie mehr Unterstützung in der Ausbildung von Seiten des Staates.

Auch wenn Michael Maier das Experiment mit der Teilzeitausbildung eingegangen ist und es für ihn wieder in Frage käme, hält er von einer allgemeinen Vier-Tage-Woche nichts. "Wir haben das mit den Mitarbeitern bereits besprochen und haben Abstand davon genommen. Es mag für Arbeitnehmer schon eine tolle Sache sein, aber wir können den halben Tag am Freitag gut gebrauchen, vor allem für die Kleinarbeit, zu der wir unter der Woche nicht kommen. Wir regeln das weiterhin über Ausgleichsstunden. In Absprache können unsere Mitarbeiter ihre Überstunden in freie Tage verwandeln, da kommt dann zwischendurch eine Vier-Tage-Woche, eine Drei-Tage-Woche oder auch eine komplett freie Woche vor."

"Meister ist keine Option"

Ungefähr ein Jahr dauert die Ausbildung von Sebastian Schulz noch. In dieser Zeit steht auch noch einmal die überbetriebliche Lehrlingsunterweisung in Wunsiedel an der tschechischen Grenze an. Auch das war für ihn anfangs sehr gewöhnungsbedürftig: "Die meisten Menschen in der ÜLU sind 16 oder 17 Jahre alt. Die ticken natürlich anders. Damit muss man erstmal zurechtkommen. Aber es sind alles nette Leute."

An eine weitere Fortbildung zum Meister denkt er nicht. "Nochmal auf die Schule ist gerade keine Option. Vor allem auch wegen meines kleinen Sohnes." Aber eine Selbstständigkeit als Schriftenhauer und Ornament- und Dekorfräser kann er sich gut vorstellen. In der ÜLU hat er zwei Azubis kennengelernt, 27 und 31 Jahre alt, mit denen er sich auch vorstellen könnte, etwas auf die Beine zu stellen. Darüber hinaus würde er auch gerne als Lehrer Kurse anbieten, eine Art Kreativ-Unterricht. Jedenfalls wird er die neu erworbenen Fähigkeiten als Steinmetz in seine künstlerische Tätigkeit integrieren.