Drei Handwerkschefs kämpfen gegen den Fachkräftemangel – jeder auf seine Weise und mit unterschiedlichem Erfolg. Eine sehenswerte SWR-Dokumentation erzählt ihre Geschichte. Ein Schönheitsfehler bleibt.

Die Sorge um den Betrieb ist Sandra Mayer-Wörner in vielen Szenen dieser Dokumentation ins Gesicht geschrieben. Die Inhaberin eines Betriebs für Rollladen- und Sonnenschutztechnik ist auf der schwierigen Suche nach einem neuen Azubi zum Rollladen- und Sonnenschutzmechatroniker, auf der sie das Kamerateam der SWR-Dokumentation "betrifft: Viele Jobs, keine Bewerber: Fachkräfte verzweifelt gesucht" begleitet. Und es läuft zäh. Vorstellungsgespräch, Zusage, Absage – es ist ein Wechselbad der Gefühle, dass Mayer-Wörner durchlebt. Ihre Geschichte gibt der Reportage die Grundstruktur, doch über allem schwebt die Frage, die die Stimme aus dem Off gleich zu Beginn stellt: "Bröckelt unser Wohlstandsmodell?"
Geschickt: Blick fürs Detail, aber auch fürs große Ganze
Der Blick auf das große Ganze und eine breit angelegte Herangehensweise heben die Dokumentation von Beginn an wohltuend von vielen anderen Wirtschafts-Reportagen ab. Die Macher schaffen es, die Probleme von Mayer-Wörner, aber auch ihre Lösungsansätze sowie die Versuche zweier anderer Betriebs-Inhaber auf der Suche nach Fachkräften, in einen größeren Kontext einzuordnen. Weder verlieren sie sich im Klein-Klein einzelner Betriebe, noch erhalten Experten, die lediglich das große Bild zeichnen, zu viel Raum. Im Gegenteil: Die Kamera fängt die kleinen Szenen aus dem Alltag vor Ort sehr geschickt ein.
Man kann nämlich nicht behaupten, dass Mayer-Wörner sich keine Mühe gibt. Sie sucht Nachwuchs auch über ihren Auftritt bei Instagram, dreht dafür Videos und macht Fotos aus dem Arbeitsalltag. Die Aufregung vor einem Vorstellungsgespräch mit einem vielversprechenden Bewerber – der ein Profil hat, das es nicht jeden Tag bei den Bewerbungen gibt und tatsächlich über Instagram auf das Unternehmen aufmerksam geworden ist – ist der Chefin anzusehen. Der Bewerber dürfe sich seinen Platz beim Gespräch aussuchen, sagt sie, das sei ja immer ganz schön. Getränke stehen auf dem Tisch, alles ist ordentlich, die Chefin ist gut vorbereitet, der Bewerber kann kommen. Und das tut er denn auch. Und er sagt zu. Und dann wieder ab. Am Ende steht, nach einigen Tagen der Freude, wieder einmal die Enttäuschung, dass sogar eine Zusage nach dem Vorstellungsgespräch im Zweifel nur ein paar Tage gültig ist. Der Frust, er bleibt.
Erfolgreich: Auszubildende aus Indien
Joachim Lederer, seines Zeichens Metzgermeister aus dem badischen Weil am Rhein, hatte lange Zeit ganz ähnliche Probleme – bis er auf die Idee kam, in Indien nach geeigneten Azubis zu suchen. So setzte er zusammen mit der Handwerkskammer Freiburg ein Programm auf, das in dem Land Ausschau nach Bewerbern für Lebensmittel-Läden und Metzgereien hält. Und tatsächlich, mittlerweile lernen zwei indische Auszubildende zur Fleischereifachverkäuferin und zum Metzger in der Metzgerei. Zwar gibt es noch Sprachschwierigkeiten, doch der "Motivationsvorsprung", den die beiden gegenüber heimischen Bewerbern hätten, mache vieles wieder wett. "Die jungen Leute kommen mit dem Gedanken, ich komme nach Deutschland, ich möchte was erreichen, ich möchte Geld verdienen, ich möchte was werden in Deutschland", sagt Lederer. Die Lage in der Branche sei "dramatisch". "Viele Fachgeschäfte haben fast kein Personal mehr. Dann werden die Öffnungszeiten heruntergefahren, dann sinkt der Umsatz noch mehr, Rohstoffpreise um 30 Prozent erhöht, Energie frisst uns auf, vervierfacht fast – so schwierige Zeiten habe ich in den 32 Jahren, in denen ich selbstständig bin, noch nie gehabt", bringt Lederer die Lage nicht nur bei sich, sondern in vielen Metzgereien im Land auf den Punkt.
Der Ansatz, in Ländern wie Indien, in denen motivierte junge Menschen auf den Einstieg in ein besseres Leben durch reguläre Migration nach und harte Arbeit in Deutschland hoffen, Nachwuchs zu rekrutieren, er scheint erfolgreich zu sein. Beide Azubis zeigen sich motiviert, sowohl beim anfänglichen Bestreichen von Brötchen und Dekorieren von Platten, als auch später bei der Arbeit mit dem Fleisch – und das, obwohl der indische Auszubildende aufgrund seiner hinduistischen Religion eigentlich bei Rindfleisch sehr zurückhaltend sein müsste. Doch auch der Umgang damit klappt, denn der Azubi sagt sinngemäß: Das hier ist meine Arbeit, und da muss ich das eben machen. Das SWR-Team fängt auch hier mit viel Zurückhaltung die richtigen Bilder ein und zeigt mit gut eingesetzten Interviews, dass Arbeitsmigration nach Deutschland auf dem legalen Wege nach wie vor erfolgreich sein kann, aber auch Aufwand für die Betriebe bedeutet. Das große Ganze, aufgespießt am Thema Migration, wird auch hier gut auf den einzelnen Betrieb heruntergebrochen.
Attraktiv: SHK-Betrieb mit 4-Tage-Woche
Doch so gut es in der Metzgerei läuft, so schwierig ist die Situation beim Betrieb für Rollladen- und Sonnenschutztechnik. Die Doku-Macher haben deshalb ein Treffen von Sandra Mayer-Wörner mit Alfred Keller arrangiert, der einen Sanitär-Betrieb in Überlingen am Bodensee führt und keine Probleme bei der Nachwuchsgewinnung hat. Die junge Chefin will sich dort mit ihm austauschen und vielleicht den einen oder anderen Tipp bekommen, wie es mit der Azubi-Suche besser laufen kann.
Keller hat im Betrieb die Viertagewoche – auch hier wird also die große gesellschaftliche Diskussion über die Zukunft der Arbeit gut auf den einzelnen Betrieb heruntergebrochen – eingeführt und ist sich sicher, dass sie der Hauptgrund dafür ist, dass er immer mehr Bewerbungen erhält als er Stellen zu vergeben hat. Arbeitsmarktforscherin Manuela Barisic bestätigt, dass die Viertagewoche auch im Handwerk bei der Suche nach Nachwuchs hilfreich sein könne. Sie sei zwar nicht die Lösung für alle Probleme im Handwerk, "aber ich glaube, hier sind die Unternehmen jetzt auch gefordert, sich zu überlegen, wie sie attraktiv sein können für junge Menschen, die sich eine Perspektive im Handwerk vorstellen können." Bei Keller werden zwischen Montag und Donnerstag jeweils knapp zehn Stunden gearbeitet, und die Mitarbeiter, die vor der Kamera dazu sprechen, äußern sich positiv. Eingeführt worden sei das System mit viel Kommunikation und immer neuen Gesprächen, erzählt Keller – und kann doch die Skepsis von Mayer-Wörner nicht ganz vom Tisch wischen.
Ratlos: Keine echte Antwort auf den Fachkräftemangel
Diese Skepsis wird wahrscheinlich noch größer, als das Filmteam Mayer-Wörner bei einem speziellen Berufsinformationstag in einer Schule begleitet. Dort verirren sich nur wenige Schüler in die Veranstaltung der Rollladen- und Sonnenschutzmechatronikerin, und die bekunden auch noch allesamt, dass sie eigentlich gar nicht ins Handwerk, sondern auf jeden Fall erst mal Abi machen und dann zumeist auch noch studieren wollen. Und so endet die Reportage ein wenig ambivalent. Einerseits zeigten die Filmemacher auf, dass es auch im Handwerk funktionieren kann mit der Azubi-Suche, vor allem mit kreativen Ideen. Aber andererseits wurde auch nicht recht klar, warum die sympathische junge Betriebsinhaberin partout keinen Nachwuchs findet. Auch die Aussagen der Expertin halfen diesbezüglich nicht weiter – und so blieb der Zuschauer trotz vieler interessanter Eindrücke ein wenig ratlos zurück – immerhin aber mit der Gewissheit, dass der Fachkräftemangel mit einfachen Mitteln kaum zu bekämpfen ist.
>>> Die komplette Sendung können Sie sich hier ansehen: Viele Jobs, keine Bewerber: Fachkräfte verzweifelt gesucht