Kanzlercomic "Miss Tschörmänie" auf dem Weg nach oben

Angela Merkel hat sich durchgesetzt, parteiinterne Gegner hat sie ausgebremst, um an die Macht zu kommen. Ein neuer "Kanzlercomic" zeichnet den Weg der "Miss Tschörmänie" nach.

"Miss Tschörmänie" auf dem Weg nach oben

Wahlabend im September 2009: SPD-Altkanzler Gerhard Schröder und der ehemalige CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber sitzen in einer Berliner Bar und lassen die Karriere der Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzenden Angela Merkel Revue passieren. Der Grundtenor des Gesprächs der beiden Herren, die an der Ostdeutschen während ihrer politischen Karrieren nicht vorbeikamen, lautet: "Wie konnte aus dem Baby, das von seiner Mutter im September 1954 über die Grenze in die 'Zone' getragen wurde, die erste deutsche Kanzlerin werden?"

Mit dieser Frage beginnt Deutschlands erster "Kanzlercomic", der in Berlin vorgestellt wurde. Die Politik-Journalistin Miriam Hollstein und der Kölner Karikaturist Heiko Sakurai zeichnen in "Miss Tschörmänie – Wie aus Angie unsere Kanzlerin wurde" die wichtigsten Stationen im Leben der 54-Jährigen nach.

Eingebettet in die Rahmenhandlung der beiden sich zuprostenden Gegenspieler Merkels, welche die jeweiligen Stationen in ihrem Leben kommentieren, wird ihr Aufstieg von der ostdeutschen Physikerin zur Umweltministerin im Kabinett Helmut Kohls und letztlich – nach vielen Hindernissen wie einem schicksalhaften Frühstück in Wolfratshausen – zur Kanzlerin, in schwarz-weißen Bildern nachgestellt. Mit vielen Details wird ihr Aufstieg in der CDU gezeigt, ihr Durchsetzungsvermögen gegenüber dem "Anden-Pakt" der CDU-Ministerpräsidenten, ihr Ausbremsen von parteiinternen Gegnern, aber auch ihre Niederlagen auf dem Weg zur Macht.

Als Quellen dienten Merkel-Biografien, Zeitungsartikel und Gespräche mit Polit-Kollegen, erzählt Hollstein, die gut ein Jahr mit Sakurai an dem Buch gearbeitet hat. Die Autorin legt Wert darauf, dass die gezeichneten Abläufe der Realität entsprächen, nur die Sprechblasen über dem Kopf der Kanzlerin seien natürlich erfunden.

Ein Wegbegleiter Merkels während ihrer politischen Anfänge, der CDU-Bundestagsabgeordnete Uwe Schummer, hebt eine Szene aus dem Buch hervor, die er als charakteristisch für Merkels Wesen empfindet. Man sieht darin eine junge Frau, die bereits eine geraume Weile auf einem Zehn-Meter-Brett steht und es nicht wagt, ins Wasser zu springen. Zwei Jungen stehen am Beckenrand und betrachten sie hämisch. "Feige, wie die ist, springt sie nie", sagt einer beim Weggehen – in dem Moment hüpft die junge Merkel ins Wasser. Man dürfe sie eben "nie unterschätzen", meint Schummer und bescheinigt seiner Vorsitzenden ein langes Zuhören und ruhiges Abwägen, "was im Politikbetrieb nicht allzu üblich ist".

Den Zeichner Sakurai ist besonders von den Augen der Kanzlerin fasziniert. Der "verhangene, rationale Blick" sei immer gleich, egal ob Sieg oder Niederlage, ob Merkel sich freue oder ärgerlich sei. "Wenn Augen das Fenster zu Seele sind, dann kann man in ihre nicht schauen", stellt der Karikaturist fest und bekennt: "Diese Frau ist ein Mysterium." Daher wandte er sich auch mit spitzer Feder vor allem den äußeren Markenzeichen der Kanzlerin zu, etwa ihrer Frisur – einer Wandlung vom "Desaster" zur "eleganten Föhnwelle", wie Sakurai es bezeichnet.

Die beiden Zechfreunde in der Berliner Bar erleben unterdessen die erste Prognose der Wahl nicht mehr. Schröder und Stoiber sind nach erheblichem Weingenuss am Tisch eingeschlafen. Was Merkel – ob am 27. September nun Wahlsiegerin oder nicht – als Comicfigur zu der Abschlussbemerkung verleitet: "Ihr Jungs seid nur Vergangenheit, ich aber bin Geschichte!"

Kerstin Münstermann/ddp