In Deutschland arbeiten mehr Menschen für Niedriglöhne als bislang angenommen. Gut 22 Prozent der vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer verdienten laut der Bundesagentur für Arbeit (BA) 2009 monatlich weniger als 1.784 Euro brutto.
Minilöhne für Millionen
Als Niedriglohn gilt ein Einkommen von höchstens zwei Dritteln des mittleren Lohns (Medianlohns) in Deutschland. Der Medianlohn belief sich Ende 2009 laut Berechnungen der Arbeitsagentur auf brutto 2.676 Euro beziehungsweise 2.805 Euro in West- und 2.050 Euro in Ostdeutschland.
Bislang gingen Arbeitsmarktforscher davon aus, dass zwischen 11 Prozent (Schätzung des Statistisches Bundesamtes für 2006) und 18 Prozent (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Schätzung für 2005) der Vollzeitbeschäftigten im Niedriglohnsektor arbeiten. Die nun vorgelegten höheren Angaben der Bundesagentur dürften die tatsächliche Lage wesentlich genauer abbilden. Denn die BA-Experten Thomas Frank und Christopher Grimm mussten ihre Berechnungen nicht auf repräsentative Umfragen oder Stichproben stützen, sondern konnten sämtliche Daten aus dem Meldeverfahren zur Sozialversicherung für annähernd 27 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigte analysieren.
Die BA-Statistik liefert weitere bemerkenswerte Ergebnisse zur Beschäftigung im Niedriglohnbereich. So hat der Anteil der Vollzeitbeschäftigten im Niedriglohnsektor seit 1999 deutlich zugenommen, und zwar von 16,6 Prozent auf 20,2 Prozent in Westdeutschland und von 17,9 Prozent auf 21,3 Prozent in Ostdeutschland. Die Wirtschaftskrise hat bislang nicht zu einem Anstieg der Niedriglohnbeschäftigung geführt: Der Anteil der Arbeitnehmer mit Einkommen unterhalb der Niedriglohnschwelle ist in Ost und West seit 2007 nicht weiter gestiegen.
Wie aus den Berechnungen der BA weiter hervorgeht, arbeiten Frauen in Westdeutschland weitaus häufiger für Niedriglöhne (34,4 Prozent aller Vollzeit-Arbeitnehmerinnen) als Männer (12,6 Prozent). In Ostdeutschland ist die Differenz mit rund 13 Prozentpunkten zwar niedriger, aber immer noch erheblich. Die Statistiker führen dies darauf zurück, dass Männer häufiger in Berufen mit überdurchschnittlichem Lohnniveau arbeiten. Zudem hätten die sozialversicherungspflichtig beschäftigten Männer häufiger einen akademischen Abschluss, der generell eine bessere Entlohnung mit sich bringe.
dapd