Deutschland altert, aber für die Altersgruppe 65plus und besonders für pflegebedürfte Menschen fehlen Wohnungen. Rund 2,5 Millionen zusätzliche Senioren-Wohnungen müssten laut einer Studie in den kommenden Jahren gebaut werden, damit die Pflegeversicherungskosten für alle nicht erheblich steigen. Forscher fordern nun mehr Investitionen in den Bau barrierefreier Wohnungen.

Die Wohnungsnot in den Großstädten verunsichert die Deutschen genauso wie die Diskussionen über die steigende Altersarmut. Dass beide Themen viel miteinander zu tun haben, hat nun das Pestel Institut mit der neuen Studie "Wohnen 65plus" gezeigt. Denn in Deutschland fehlt es massenhaft an altersgerechten Wohnungen, die barrierefrei und klein genug sind, damit sie sich auch ältere Menschen mit geringen Einkommen leisten können.
Sozialer 'Wohn-Abstieg' droht
Die Forscher aus Hannover haben im Auftrag eines Verbändebündnisses, zu dem unter anderem die IG Bau, der VdK und der Deutsche Mieterbund gehören, untersucht, wie sich der Wohnungsmarkt für ältere Menschen und Pflegebedürftige verändern wird. Die Ergebnisse zeigen, dass Deutschen einen großen Nachholbedarf beim passenden Wohnungsbau hat, wenn dieser dem demografischen Wandel entsprechen soll.
"Rentnern in Deutschland droht der soziale 'Wohn-Abstieg': Der Wohnungsmarkt ist auf die steigende Zahl älterer Menschen nicht vorbereitet." – Mit diesen Worten warnen die beteiligten Verbände nun vor der Entwicklung, wenn jetzt nicht stärker in barrierefreie Wohnungen investiert werde.
"Um wirkungsvoll gegen die 'graue Wohnungsnot' in Deutschland vorzugehen, ist die Schaffung von rund 2,5 Millionen zusätzlichen Senioren-Wohnungen in den kommenden Jahren notwendig", melden die Verbände unter Berufung auf die Ergebnisse der Studie.
39 Milliarden Euro an Investitionen seien dazu notwendig. Um diese Investitionen anzuschieben, müsste die Politik reagieren und das Thema ernster nehmen, fordert die Autoren. So solle die Politik – neben KfW-Krediten – verstärkt auch auf direkte Bau-Zuschüsse und die steuerliche Abschreibung setzen und müsste selbst rund 540 Millionen Euro jährlich in den kommenden acht Jahren an staatlichen Mitteln zuschießen. "Es wird höchste Zeit, das altersgerechte Bauen und Sanieren stärker zu fördern", teilt der Leiter der Studie, Matthias Günther, mit.
Bereits 2035 über drei Millionen Pflegebedürftige

Das Verbändebündnis wirft den Parteien vor, das Thema vernachlässigt zu haben und zukünftige Kostenbelastungen gezielt vermieden zu haben. "Die jetzige Bundesregierung hat sich gewissermaßen vom altersgerechten Bauen und Sanieren verabschiedet", kritisiert das Verbändebündnis und rechnet vor, dass ansonsten die Ausgaben im Pflegeberich explodieren werden.
Die Zahl der älteren Menschen ab 65 Jahren wird in den nächsten 30 Jahren von heute 17 Millionen auf 24 Millionen anwachsen. Bereits 2035 werde es laut der Pestel-Studie 3,5 Millionen Pflegebedürftige geben. Für das Jahr 2050 erwarten die Wissenschaftler sogar mehr als vier Millionen Pflegebedürftige. Damit könnten die Kosten bei der Pflegeversicherung auf knapp 33 Milliarden Euro ansteigen – ein Plus von 50 Prozent gegenüber heute.
Jährliche Mehrkosten von rund 7.200 Euro
Einen erheblichen Teil der Kosten macht die Unterbringung in Pflegeheimen aus, wenn die älteren Menschen nicht mehr in den eigenen vier Wänden bleiben können, weil diese nicht barrierefrei und zu teuer sind. Dafür sind Mehrkosten von rund 7.200 Euro pro Jahr und Person nötig. Der Umbau zu einer barrierearmen oder barrierefreien Wohnung kostet dagegen durchschnittlich nur einmalig 15.600 Euro. "Rein wirtschaftlich betrachtet, lohnt es sich also, in das altersgerechte Bauen und Sanieren zu investieren", so Matthias Günther. jtw
Wie das Handwerk vom Bau neuer altersgerechter Wohnungen profitieren kann, lesen Sie im Beitrag "Barrierefrei wohnen: Handwerk ist gefragt". >>>