Selfstorage im Handwerk Mietboxen ersetzen teure Warenlager

Wenn Gewerbemieten in den Städten steigen, Betriebe ihre Aufträge immer flexibler planen müssen und Kleinstunternehmer sogar ganz ohne Geschäftsräume auskommen, hat eine Branche Hochkonjunktur: Anbieter von professionellen Mietlagern. Immer mehr Handwerker nutzen die Dienstleistung des Selfstorage und lagern Material und Werkzeug aus.

Jana Tashina Wörrle

Auf den ersten Blick wirken die Lagerhäuser der Selfstorage-Anbieter wie Hochsicherheitstrakte: Große Hallen in unscheinbaren Farben, mit Flachdach, Schiebetoren und breiten Einfahrten. Drum herum ein Zaun, davor eine Schranke und an der Tür eine elektronische Vorrichtung, in die der Kunde einen Zahlencode eingeben muss. Drinnen lange Flure mit Linoleumboden, Neonröhrenlicht und überall Videokameras.

Stockwerk für Stockwerk dasselbe Bild: Unterteilt sind die Etagen in verschieden große Räume. Von einem bis zu weit über zwanzig Quadratmeter ist alles dabei und fein säuberlich mit Vorhängeschlössern verriegelt. Hinter den Türen lagern die unterschiedlichsten Dinge: mittlerweile auch immer mehr Materialien, Werkzeug und Ausrüstung von Handwerksbetrieben. Sie sparen sich so Lagerplatz im eigenen Betrieb oder manchmal sogar die kompletten Geschäftsräume.

Wachpersonal für Material und Werkzeug

So wie Parkettlegermeister Anton Haag aus München. Er arbeitet allein als selbstständiger Unternehmer und kauft immer nur das Material, das er für den gerade zu erledigenden Auftrag braucht. Die Reste kommen dann in seine Lagerbox in München Laim. „Früher hatte ich das alles in meiner Garage untergebracht, aber das wurde mir dann verboten“, erzählt der Endfünfziger, der sich schon seit vielen Jahren als Kleinstunternehmer durchschlägt.

Für die Holz- und Fußleistenstücke, die er nach einem erledigten Auftrag gerne noch eine Weile aufbewahrt, für sein Werkzeug und ein bisschen Kleinkram hat er deshalb jetzt einen Lagerraum von rund sieben Quadratmetern angemietet. Das Auslagern sei für ihn günstiger als richtige Betriebsräume und außerdem sicherer und sauberer.

Im deutschen Sprachraum ist die Firma MyPlace momentan Marktführer. Doch die Angebote aller Selfstorage-Anbieter haben gerade Hochkonjunktur. – © Wörrle
MyPlace

Anbieter wie MyPlace, Pickens, Secur oder Lagerbox garantieren ihren Kunden frostsichere und schimmelfreie Räume, so dass die eingelagerten Gegenstände oft besser untergebracht sind als in manchen muffigen Kellern oder feuchten Schuppen. Zusätzlich sind die Lager überwacht – mit Kameras und Wachpersonal. Was einerseits ein Vorteil ist, erhöht aber auch den Aufwand für die Unternehmer, wenn sie eben mal schnell etwas holen wollen oder spontan neues Material für eine Baustelle benötigen. Ohne die Eingabe des Zahlencodes kommt keiner an sein Lager.

Viele Handwerker organisieren ihren Berufsalltag deshalb so, dass sie morgens bevor sie zum Kunden fahren oder abends, wenn sie sich auf den nächsten Tag vorbereiten, zu ihren Selfstorage-Abteil fahren, erzählt Wolfgang Köhnk. Er ist der Vorsitzende des Verbands deutscher Selfstorage-Unternehmen und Geschäftsführer der Firma Pickens. Bereits zwanzig Prozent seiner Mieter sind Handwerksbetriebe.

Mittelpunkt bleibt der Betrieb

Eine gute Wegeplanung hat sich deshalb auch Raumausstattermeister Luciano Vignardi überlegt. Er und seine drei Mitarbeiter fahren meistens morgens auf dem Weg von der Firma zum Kunden am Lagerhaus vorbei. Ähnlich wie sein Kollege Anton Haag nutzt auch er seine Box hauptsächlich für Material. „Vor allem die großen Teppichrollen kann ich hier unterbringen und dann mehrere auf Vorrat kaufen“, sagt der Unternehmer. Da das Lager nicht weit entfernt von seinem Betrieb ist, kann er auch mal zwischendurch dorthin fahren.

Mittelpunkt seiner Firma bleiben die Betriebsräume und sein Ladengeschäft, mit der er seine Kunden mit allem versorgt, was ein Raumausstatter so zu bieten haben kann – Boden, Wand oder Decke. Als Verkäufer von Malermaterial und Raumschmuck muss er ganz anders kalkulieren als ein Betrieb, der nur Auftragsarbeiten ausführt. Seine Firma in München hat er seit 1969, den Laden seit 1975 und seither ist er auch immer auf externe Lagerräume angewiesen, da in der Großstadt Gewerberaum nicht so einfach so bekommen ist.

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War es früher schwieriger professionelle Lagerhäuser zu finden, so schießen diese momentan vor allem in den großen Städten wie Pilze aus dem Boden. Bereits in den vergangenen zehn Jahren ist die Branche um mehr als das zehnfache angewachsen. In Deutschland gibt es heute rund 80 Lagerstätten von verschiedenen Anbietern. Der Verband deutscher Selfstorage-Unternehmen geht zukünftig von einer Steigerung von 20 bis 25 Prozent pro Jahr aus.

„Tendenz steigend“, sagt Wolfgang Köhnk. Mit den Mietlagern hätten die Anbieter zum passenden Zeitpunkt eine Marktnische erobert. „Momentan ist es noch ein Großstadtphänomen. Aber ich bin mir sicher, dass es Selfstorage bald in jeder Stadt mit mehr als 250.000 Einwohnern gibt“, so der Branchenkenner.

Wolfgang Köhnk, der Vorsitzende des Verbands deutscher Selfstorage Unternehmen und Geschäftsführer der Firma Pickens Selfstorage. – © Wörrle
Wolfgang Köhnk

Die Geschäfte am Laufen halten

Wachsen kann die Branche vor allem deshalb, weil sie versucht für fast alle Kundengruppen Passendes anzubieten – ob beruflich oder privat. So gibt es mittlerweile auch viele Internethändler, die durch Selfstorage ihre Geschäfte am Laufen halten und je nach Bedarf einen Raum in der passenden Größe mieten. So manch eine Lagerbox wird da zwischendurch auch mal zur Umkleide oder zum Werkstattersatz.

Einen großen Teil machen aber auch die Privatkunden aus, die entweder wegen feuchter Keller, zu wenig Platz oder weil sie eine Zeit ins Ausland gehen, Stauraum für ihre Möbel und andere Besitztümer brauchen. So hat auch der gelernte Elektriker Oliver Friedberg, der bei einem Hausmeisterservice in Berlin arbeitet, Selfstorage für sich entdeckt und alles was nach seinem Umzug in eine kleinere Wohnung keinen Platz mehr hatte, in einem Lagerabteil untergebracht. „Im Keller habe ich nur eine kleine Gitterbox und die ist nicht mal trocken“, sagt Friedberg. Für sein Werkzeug sei das gar nichts, betont der 51-Jährige, der seine eigelagerten Gegenstände alle fein säuberlich in 25 Umzugskartons einsortiert hat.

Selfstorage: Wie alles anfing

Die Idee Lagerflächen zu vermieten stammt ursprünglich aus den USA. Bereits in den 1960er Jahren boten Landwirte ihre Schuppen und Scheunen als Lagerfläche für das Hab und Gut der Soldaten an, die wegen eines längeren Auslandseinsatzes ihre Wohnungen aufgaben. In den 80er Jahren übernahmen einige pfiffige Geschäftsleute in Großbritannien die Idee. Mittlerweile gibt es hier bereits rund 800 solche Lagerstätten, in den USA sind es etwa 47.000 Einrichtungen. Das Einlagern von privaten Gegenständen und die Nutzung des Selfstorage von kleinen Unternehmen gehört hier schon zum normalen Alltag vieler Menschen. Aufgrund des Ursprungs der Mietlager wird auch in Deutschland vorwiegend der englische Begriff „Selfstorage“ verwendet. Die ersten Lagerräume gab es hierzulande in den 1990 Jahren. Seit dem Jahr 2009 gibt es sogar eine eigene DIN-Norm dafür (DIN EN 15 696), die unter anderem regelt, dass die Lagergebäude videoüberwacht und gut zugänglich sein müssen. Heute gibt es in Deutschland rund 80 Lagerstätten von verschiedenen Anbietern. In Berlin sind es bereits über 20 Selfstorage-Häuser. Doch die Nachfrage scheint auch weiterhin kräftig anzusteigen.