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TV-Kritik: ZDF - Wiso und ARD - hart aber fair Metzger gegen Discounter: Fleischpreise und die Rolle der Verbraucher

Nicht erst, aber ganz besonders seit den jüngsten Covid-19-Ausbrüchen im Schlachtbetrieb Tönnies in Nordrhein-Westfalen steht die Fleischindustrie in der Corona-Krise im Fokus der Aufmerksamkeit. Sendungen in ARD und ZDF nahmen das am Montagabend zum Anlass, sich den Fleischmarkt und dessen Mechanismen aus den unterschiedlichsten Perspektiven einmal genauer anzusehen. Prädikat: sehr informativ.

Bei den Horrormeldungen aus dem Fleischwerk der Tönnies-Unternehmensgruppe - mehr als 1.500 positive Corona-Fälle wurden dort jüngst auf einen Schlag festgestellt - könnte sogar der härteste Fleischgenießer glatt zum Vegetarier werden. Es dürfte wohl eine Mischung aus prekären Arbeitsverhältnissen, schwierigem Umgang mit den derzeitigen Hygieneregeln und den tiefen, dem Virus entgegenkommenden Temperaturen in den Betriebsstätten sein, die derartige massenhafte Ausbrüche begünstigt. Die Fleischindustrie, so viel steht fest, hat sich in der Krise ihren auch zuvor schon beileibe nicht tadellosen Ruf noch weiter ruiniert.

Das ZDF-Verbrauchermagazin Wiso, das sonst bei der Wahl der Themen manch modernem Trend mitunter zu stark folgt, brachte diesmal eine recht ausgewogene Sondersendung anlässlich des Corona-Skandals rund um Tönnies. Neben Fakten rund um den deutschen Fleischmarkt und dessen stark internationale Ausrichtung - Millionen Tonnen von Schweinefleisch werden jedes Jahr exportiert, trotz großen Appetits der Deutschen wird hierzulande deutlich mehr Schweinefleisch produziert als gekauft - kam als zentraler Punkt die Entstehung des Fleischpreises zur Sprache. Klar, dass der neben der Qualität und Herkunft des Fleisches auch direkt mit den Arbeitsbedingungen der Menschen, die die Tiere schlachten oder das Fleisch verkaufen, zusammenhängt.

Der Handwerksmetzger ist besser, aber auch deutlich teurer

Als positives Beispiel zeigten die ZDF-Journalisten einen Betrieb im pfälzischen Rockenhausen. In der Metzgerei Bissei arbeiten 29 Festangestellte in Vollzeit mit ganz regulären Arbeitsverträgen, die im Fall Tönnies viel kritisierten Werkverträge gibt es dort nicht. Bei den Mitarbeitern handele es sich um "Fachpersonal", sie "verstehen ihr Handwerk" und erhielten absolut faire Gehälter, sagt eine der beiden Chefinnen im Interview, sie wirkt stolz auf ihren Betrieb und ihre Leute. Dass der Betrieb nicht nur aus einer Metzgerei, sondern auch noch aus einem Bauernhof besteht, auf dem die Tiere artgerecht gehalten werden, ehe sie mit kurzen Wegen und damit verhältnismäßig stressfrei zum Ort des Schlachtens gebracht werden - ohne kilometerlange Fahrten quer durch Deutschland - war dann schon fast wieder des Guten ein wenig zu viel. Die Mehrzahl des Handwerksmetzger in Deutschland ist nicht gleichzeitig noch Landwirt, hier hätte es ein Beispiel, das direkter aus der Praxis kommt, wohl eher getan.

Ein wichtiger Aspekt fehlt

Anschaulich wurde hingegen, wie sich unter diesen Umständen der Fleischpreis bildet. Egal, worum es geht - Hackfleisch, Schweinefilet, Rind - die Handwerksmetzgerei ist logischerweise stets deutlich teurer als die großen Discounter, mit denen die Preise verglichen wurden. Dass dafür rund um die großen Schlachthallen auch ganz andere Zustände herrschen - für die Tiere genauso wie für die dort arbeitenden Menschen - wurde in zahlreichen eindrücklichen Bildern von industrieller Schlachtung und Verarbeitung vor allem von Schweinen gezeigt. Da konnte sich der Verbraucher selbst ein Bild machen, was vom Moderator der Sendung lobenswerterweise auch betont wurde: Jeder solle am Ende selbst entscheiden, ob und wenn ja, welches Fleisch er essen möchte. Schade nur, dass die Rolle der Verbraucher in der Sendung dann kaum zur Sprache kam. Denn letztlich sind es bei aller berechtigten Kritik an den industriellen Herstellern genau sie, die durch ihr Kauf- und Essverhalten eine Verbesserung herbeiführen könnten - wobei natürlich wiederum Aspekte wie etwa das verfügbare Gehalt eine Rolle spielen. An dieser Stelle hätten die Journalisten des ZDF tiefer schürfen sollen, als sie es taten. Sehenswert, weil nicht billig anklagend, war die Wiso-Sondersendung indes auch so allemal.

Hart aber fair: Die Ernährungsindustrie als "Bösewicht"

Wenig später kam dann bei Frank Plasbergs hart aber fair eine diskussionsfreudige Runde zusammen, um sich von einer eher politischen Warte dem Thema zu nähern. Und dort fand die Rolle des Verbrauchers, aber auch des Lebensmittel-Handels, einen größeren Widerhall. So erklärte etwa Christian von Boetticher, Vizevorsitzender der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie und damit eine Art "Bösewicht" der Runde, dass es nicht nur die Hersteller seien, die Preise niedrig hielten. Im Gegenteil, auch die großen Handelsketten jenseits von Aldi und Lidl seien harte Verhandlungspartner und drückten die Preise. Heute gebe es nur noch fünf große Handelsketten, die mehreren Tausend Herstellern gegenüberstünden und diese Macht ausnutzten. Angesichts zahlreicher Angriffe durch die anderen Diskutanten, etwa durch die Grünen-Fraktionsvorsitzende Kathrin Göring-Eckardt oder den SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, derer sich von Boetticher erwehren musste, schlug er sich recht wacker.

Die Rolle der Verbraucher: "Verbale Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre"

Und immer wieder thematisierten Teilnehmer der Runde eben auch die Rolle der Verbraucher. So war die Rede von dem Phänomen der "verbalen Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre", als die These aufkam, wonach angeblich viele Deutsche mehr fürs Fleisch zahlen würden. Will heißen: Man gibt sich aus sozialer Gefälligkeit heraus progressiv und versichert, mehr Geld für gutes Fleisch in die Hand zu nehmen, greift aber im Supermarkt weiterhin zum Billig-Hack. All das sind ja auch wirklich die Probleme, vor denen die Branche bei allen Verfehlungen auch steht. Und ob da Mindestpreise, wie sie die Grünen fordern, oder deutliche Preiserhöhungen, wie von SPD-Chef Norbert Walter-Borjans zur Diskussion gestellt, wirklich helfen, ist fraglich. Auch Journalist Michael Bröcker warnte davor, nicht-marktwirtschaftliche Lösungen wie Mindestpreise als Allheilmittel zu sehen.

Keine einfachen Lösungen

Lange beschäftigte sich die Runde auch mit den Folgen des Geschäftsgebarens der Fleischindustrie für die Menschen, die in den Werken arbeiten und der Frage, ob nun ein Lockdown für den betroffenen Landkreis Gütersloh und Umgebung notwendig sei. Da zeigte sich vor allem NRW-Arbeits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann sehr engagiert, kritisierte das Überreizen bei Werkverträgen, und ein Pfarrer aus Lengerich ganz in der Nähe des aktuellen Corona-Hotspots erzählte in teils drastischen und überzogenen Vergleichen, etwa mit "Sklavenhandel", wie übel mit den Menschen in den Fleischfabriken umgegangen werde. Und so wurde einmal mehr klar, wie umfassend die Auswirkungen der Corona-Krise sind - auf die Wirtschaft sowieso, aber auch ganz konkret auf Menschen und sogar auf die Tiere. Einfache Lösungen, so viel steht fest, können in einer solch komplexen Lage sicherlich keine Besserung versprechen.

>>Link zu hart aber fair<<

>>Link zu WISO<<

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