Branche -

Handwerksordnung Meisterpflicht für Fliesenleger und Raumausstatter rückt näher

Viele Gewerke fordern eine Korrektur der Handwerksordnung. Die Politik springt auf. Die Folge: Mehr handwerkliche Berufe als bisher könnten wieder an den Meisterbrief gekoppelt werden.

Vertreter des Handwerks sind zuversichtlich, die Meisterpflicht bald wieder auf mehr Gewerke ausdehnen zu können. Unterstützung erhalten sie aus der Politik. So hat der Freistaat Bayern Ende September im Bundesrat einen Antrag zur Wiedereinführung der Meisterpflicht in verschiedenen Handwerksberufen gestellt. Dieser liegt nun der Bundesregierung vor und wird demnächst in einem Ausschuss bearbeitet.

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) hat eine Expertengruppe beauftragt, um die Aussichten der so genannten "Rückvermeisterung" auszuloten. Geleitet wird das Gremium von Thomas Zimmer, Präsident der Handwerkskammer für Oberfranken und ZDH-Vizepräsident. "Ich bin überzeugt davon, dass es richtig ist und werde dafür kämpfen", sagt der Bäckermeister aus Bayreuth im Gespräch mit der Deutschen Handwerks Zeitung. Dem pflichtet Christoph Silber-Bonz bei, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Rolladen + Sonnenschutz. "Ich bin optimistisch, dass sich was bewegt – auch wenn es keine Rückabwicklung eins zu eins geben wird." Viele Rolladenbauer  würden gerne zur Meisterpflicht zurückkehren. "Es ist gut, dass wir das Thema am Köcheln gehalten haben und über all die Jahre drangeblieben sind", sagt Silber-Bonz.

Hoffnung nicht erfüllt

Die Meisterpflicht war im Jahr 2004 für 53 Gewerke weggefallen. Von der Reform der Handwerksordnung versprach sich die damalige rot-grüne Bundesregierung mehr Wettbewerb und Unternehmensgründungen. Seinerzeit litt Deutschland unter hoher Arbeitslosigkeit. Seither kann sich jeder zum Beispiel als Fliesenleger oder Raumausstatter selbständig machen, ohne den Beruf erlernt zu haben. Wissenschaftliche Studien des auf Handwerksforschung spezialisierten Instituts ifh in Göttingen zeigen, dass sich die Hoffnungen der Bundesregierung nur teilweise erfüllten. Stattdessen schuf der Wegfall der Meisterpflicht viele Probleme.

"Weniger Meister bedeutet weniger Azubis: Das Fundament mancher Gewerke geht verloren", sagt Thomas Zimmer, der überdies einen Verlust an Fachwissen und handwerklicher Techniken beklagt. "Wir brauchen wieder die Meisterpflicht in unserem Gewerk", unterstreicht auch Karl-Heinz Körner, Vorsitzender des Fachverbandes Fliesen und Naturstein im Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB). "Nur so haben wir auch genügend Meisterbetriebe, die ausbilden." Die Fliesenleger leiden besonders unter dem Wegfall der Meisterpflicht. Die Zahl der Meisterabschlüsse im Fliesenlegerhandwerk ging von 550 im Jahr 2002 auf rund 100 im Jahr 2018 zurück, die Zahl der Lehrlinge sank von 4500 im Jahr 2002 auf etwa 2200 im Jahr 2016. Dafür wuchs die Zahl der Betriebe von 2004 bis 2016 von rund 12.400 auf knapp 70.000.

Fehler erkannt

Die Politik hat das Problem erkannt. Vor allem Mittelstandspolitiker Carsten Linnemann (CDU) setzt sich für eine Korrektur von Fehlentwicklungen ein. "Heute müssen wir leider feststellen, dass in einigen Handwerksbereichen, in denen die Meisterpflicht gestrichen wurde, zum Beispiel bei den Fliesenlegern, zum Teil Unternehmen mit nur sehr dürften Fachkenntnissen unterwegs sind. Die Folge sind erhebliche Bauschäden, frustrierte Kunden und letztlich auch viele Unternehmenspleiten", sagt Linnemann im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung. "Diese Entwicklung möchte ich dringend umkehren." Der Meisterbrief sei ein absolut schützenswertes Qualitätssiegel, das sowohl den Unternehmen als auch den Kunden helfe.

Ähnlich äußerten sich in Interviews mit der Deutschen Handwerks Zeitung auch die Ministerpräsidenten Bayerns und Hessens, Markus Söder (CSU) und Volker Bouffier (CDU). "Die Abschaffung des Meisterbriefs in einigen Branchen hat das Handwerk als solches und den Handwerksberuf an sich nicht gestärkt", so Söder. Sein Amtskollege Bouffier kritisiert: "Nach der Novellierung sind viele Ein-Mann-Betriebe entstanden, die kaum lebensfähig sind." Neben Politikern aus Union und SPD unterstützen weitere Akteure der Wirtschaft den Vorstoß des Handwerks. Zimmer sagt: "Wir haben die Verbraucherverbände und die Gewerkschaften auf unserer Seite."

Wirtschaftsminister zieht mit

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer bezeichnete die Rückführung von zulassungsfreien Berufen in die Meisterpflicht als "Herzensanliegen des Handwerks". In den Gewerken, in denen es zu Fehlentwicklungen gekommen sei, müssten diese Fehler der Vergangenheit wo immer möglich korrigiert werden, sagte Wollseifer bei der ZDH-Vollversammlung Ende September in Berlin. "Der Meister ist gut für die Ausbildung, er ist gut für die Qualität im Handwerk, und er ist gut für dieses Land."

Dem stimmte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier zu, der als Gastredner bei der ZDH-Vollversammlung sprach. "Die Meisterpflicht als gewachsene Institution müssen wir dazu bewahren und schützen." Es werde am Bundeswirtschaftsminister nicht scheitern, "dass wir so viele Berufe wie möglich wieder unter das Dach der Meisterpflicht bringen".

Der ZDH hat Anfang des Jahres zwei Gutachter beauftragt, die die rechtlichen und ökonomischen Voraussetzungen klären sollen, inwiefern eine Rückkehr zur Meisterpflicht möglich ist. Zahlreiche Vertreter zulassungsfreier Gewerke (Anlage B) haben sich unterdessen beim ZDH gemeldet und streben die Aufnahme in die Anlage A an.

Neue Kriterien erforderlich

Wahrscheinlich ist, dass neue Regeln festgelegt werden, unter welchen Bedingungen Betriebe unter die Meisterpflicht fallen. Bisher entscheiden die Kriterien "Ausbildungsleistung"  und "Gefahrgeneigtheit", möglicherweise gesellen sich demnächst Argumente wie "Verbraucherschutz", "Umweltschutz" bzw. "Energieeinsparung" sowie "Erhalt von Kulturgut" dazu.

Am 17. Oktober wird im Bundestag eine Koalitionsarbeitsgruppe gegründet, die sich mit der Rückvermeisterung beschäftigen soll. Linnemann sagt: "Letztlich müssen wir mit harten Daten und Fakten den Mehrwert der Meisterpflicht belegen können, auch gegenüber den Verfassungsgerichten." Es geht also darum, rechtssichere Verfahren zu prüfen, wie der Meisterbrief wieder zur verpflichtenden Voraussetzung für Betriebsgründungen werden kann.

Bis die Meisterpflicht in einigen Gewerken tatsächlich wieder eingeführt werden kann, sind allerdings noch viele Fragen zu beantworten – etwa was mit Betrieben ohne Meister geschieht und wie die Qualifikation der Unternehmen künftig überprüft werden soll. Christoph Silber-Bonz sagt: "Es wird sicherlich einen Bestandsschutz für bereits eingetragene Betriebe ohne Meister geben."

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2018 - Alle Rechte vorbehalten