Der 28. Bundesligaspieltag im Check von deutsche-handwerks-zeitung.de "Meister der Herzen" stürmt an Bundesligaspitze

Das Blatt hat sich also wieder gewendet, nun hat der einstige "Meister der Herzen" im Wettstreit um die Schale die Nase vorn. Und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass es diesmal was werden könnte mit dem ersten Titel für Schalke seit 1958. Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler

"Meister der Herzen" stürmt an Bundesligaspitze

Meisterbetrieb: Begnadigter Flughafenchauffeur

Das Blatt hat sich also wieder gewendet, nun hat der einstige "Meister der Herzen" im Wettstreit um die Schale die Nase vorn. Und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass es diesmal was werden könnte mit dem ersten Titel für Schalke seit 1958. Sehr souverän sind die Königsblauen in Leverkusen aufgetreten, der 2:0-Erfolg war die logische Konsequenz. Und so kann "Meister-Schleicher" Felix Magath vielleicht schon nächste Woche den Schampus kaltstellen – mit einem Sieg im nächsten Spitzenspiel gegen die Bayern wäre wohl eine Vorentscheidung gefallen.

Dabei ist auch auf Schalke nicht alles eitel Sonnenschein. Man nehme die jüngste Extratour von Rafinha, dem eigenwilligen Brasilianer. Der hatte am Montagvormittag das Training ausfallen lassen, weil er lieber seine Freundin Carolina zum Flughafen begleitete. Nun ist es grundsätzlich nachvollziehbar, wenn einer seine Zeit lieber mit einer aparten Blondine verbringt als mit Felix Magath. Da es sich bei jenem jedoch um Rafinhas Chef handelt und dessen Verständnis für Disziplinlosigkeiten alles andere als unbegrenzt ist, war die Reaktion ziemlich leicht vorhersehbar: Der Flughafenchauffeur flog für das Pokalspiel gegen die Bayern aus der Mannschaft.

Nun kann man vielen Fußballern ja vorwerfen, dass ihre Qualitäten nicht gerade im intellektuellen Bereich liegen. Sollte Rafinha jedoch geglaubt haben, er komme mit seiner Aktion ausgerechnet bei Magath durch, dann muss man sich schon um den Geisteszustand des Außenverteidigers sorgen. Aber, und das ist nun ein bisschen überraschend, Magath hat dem Trainingsschwänzer wohl verziehen, am Samstag stand er wieder in der Startelf. Und damit beweist der Coach wieder mal seine Cleverness, denn um Meister zu werden, wird er Rafinha wohl brauchen.

Er ist einen Schritt weiter als zum Beispiel Bundestrainer Jogi Löw, der dem Schalker Torjäger Kevin Kuranyi trotz dessen Galaform auch weiterhin die Rückkehr in die Nationalmannschaft verwehrt und damit wegen seiner verletzten Eitelkeit den deutschen Erfolg bei der WM riskiert. Dabei lautet die kleine Trainerregel aus dem Magath-Lehrbuch: Härte ist gut, Augenmaß ist besser.

Gesellenstück: Vergeben und vergessen

Einer der Gewinner dieser Woche ist sicherlich der in die Affäre um den ehemaligen Schiedsrichterbeobachter Manfred Amerell verwickelte Michael Kempter. Jener hatte seinen besten Anzug angezogen und war mit einem weißen Audi an der Säbener Straße in München vorgefahren. Der Grund: Kempter wollte sich für seine an Amerell gesendete E-Mail, in der er dem FC Bayern einst das Ausscheiden aus der Champions League wünschte, persönlich entschuldigen. Das tadellose Auftreten des Pfeifenmannes scheint die Granden des Rekordmeisters beeindruckt zu haben, Vorstandschef Kalle Rummenigge und Vorstandsmitglied Karl Hopfner erklärten hinterher jedenfalls, man hätte kein Problem damit, wenn Kempter wieder ein Bayernspiel leiten würden, schließlich sei man nicht nachtragend.

Dumm nur für den Regelhüter, dass das nicht für seinen ehemaligen Mentor Amerell gilt. Der hat ein Gedächtnis wie ein Elefant, weshalb er es dem Jüngling so schnell wohl nicht verzeihen wird, dass der ihn wegen sexueller Belästigung und Nötigung verklagt hat: Es droht ein Rechtsstreit durch zahlreiche Instanzen.

Und auch beim DFB sind sie sehr wohl nachtragend, das gilt nicht nur für Bundestrainer Löw und seine nicht enden wollende Kuranyi-Allergie, sondern auch für die Verantwortlichen im Schiedsrichterwesen: Kempter wird jedenfalls bis Saisonende nicht mehr an die Pfeife gelassen, man wolle erst einmal den Ausgang der juristischen Scharmützel abwarten, heißt es beim Verband. Doch selbst wenn die Gerichte dem 27-jährigen Recht geben und nach dem FC Bayern auch der DFB seine Absolution erteilt.

Dann gibt es da immer noch jene Instanz, die nie vergibt: Die Fans in den Stadien werden die Schmutzaffäre mit entsprechenden Sprechchören quittieren. Da hilft Kempter auch sein weißer Schlitten nichts, denn wie heißt es so schön in einem erprobten Fangesang: "Schiri, wir wissen wo dein Wagen steht – fahr Bus und Bahn, fahr Bus und Bahn."

Erstes Lehrjahr: Neun Arbeiter gegen zwei Künstler

Womit wir bei jenem Klub wären, wo definitiv niemand Bus oder Bahn fährt, sondern alle ein Fabrikat wie Michael Kempter lenken. Der FC Bayern scheint ausgerechnet in der entscheidenden Phase der Meisterschaft zu schwächeln. Gegen Stuttgart setzte es die zweite Liga-Niederlage in Folge, dazwischen erreichten die Münchner nach einer 120-Minuten-Partie auf Schalke wenigstens das DFB-Pokalfinale, weshalb sich der Verdacht aufdrängte, sie könnten gegen den VfB vielleicht müde gewesen sein.

Dem widersprach Philipp Lahm vehement: Man habe genug Kraft, um auch in der 90. Minute noch hinterher zu laufen, sagte der Nationalspieler. Eigenwillige Interpretation der bajuwarischen "Mia san mia"-Mentalität. Aber es läuft ohnehin einiges verkehrt in diesen Tagen beim Rekordmeister.

So setzte der sonst so pfiffige Taktiker Louis van Gaal das Stuttgart-Spiel fast im Alleingang in den Sand, als er zur Pause nicht nur die beiden stark aufspielenden Kroaten Olic und Pranjic auswechselte, sondern mit Robben und Ribéry endlich die beiden Spieler brachte, auf die das gesamte Stuttgarter Verteidigungskonzept ausgelegt war. Und dann verletzte sich Robben auch noch – Einsatz im Champions League-Viertelfinale gegen Manchester äußerst fraglich. Womit alle Hoffnungen auf Ribéry liegen würden, doch der Franzose bündelt sein Kräfte derzeit vor allem in Sachen Vertragspoker. Seinen Preis hat er schon mal genannt: 50 Millionen will er in den nächsten fünf Jahren verdienen. Dass so etwas selbst innerhalb des Millionärsrudels von München für Neid und Missgunst sorgt, versteht sich von selbst.

Miroslav Klose äußerte nach der Pleite gegen den VfB ziemlich unverhohlen seine Meinung zum Rummel um Ribéry und Robben: Neun andere müssten die Drecksarbeit für die beiden machen, damit sie glänzen können, sagte der im Moment nicht gerade treffsichere Nationalstürmer. Herbergers Motto "Elf Freunde sollt ihr sein" hat damit bei den Bayern wohl endgültig ausgedient. Wie wär es mit "Nehmen ist seliger als Geben"?

Zwei linke Hände: Scharfe Brise im hohen Norden

Im Vergleich zur Talfahrt des HSV sind die Probleme der Münchner fast schon lächerlich. Im hohen Norden geht’s nämlich richtig drunter und drüber, neben Verletzungsproblemen, einem drohenden Exodus der Stars im Sommer, fehlendem Teamgeist und der sportlichen Krise scheint der Bundesliga-Dino vor allem ein gewaltiges Trainerproblem zu haben. Wenn die Spieler nicht gerade wie vergangene Woche van Nistelrooy und Torun aufeinander losgehen, revoltieren sie gegen Bruno Labbadia. Der Frust sitzt tief bei den Hamburgern, statt um die Champions League-Plätze zu kämpfen, droht nun sogar noch das Aus im Wettstreit um die Europa-League-Qualifikation. Und dann will auch noch der frühere Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer Ze Roberto und Co-Trainer Moniz abwerben, schließlich ist "Dukaten-Didi" ja jetzt für die Hochfinanz tätig, namentlich für Brause-Hersteller Red Bull und dessen drei Fußballmannschaften in Salzburg, Leipzig und New York. Also trübe Laune in der Hansestadt, die Pleite am Sonntag in Gladbach sorgte auch nicht gerade für Wetterbesserung. Van Nistelrooy würdigte Labbadia bei seiner Auswechslung nicht einmal eines Blickes. HSV – das bedeutet in diesen Wochen Hauen, Stechen, Versagen.