Berufstaucher: Ausbildung im Handwerk vorausgesetzt Meister auf der Unterwasserbaustelle

Karl Kerlen arbeitet unter Wasser. Als gelernter Energieanlagenelektroniker und Berufstaucher ist er auf ganz besonderen Baustellen zugange. Hier schweißt, schraubt und überprüft er Bauteile, tauscht Motoren oder repariert Schäden in Klärbecken – oder auch mal in großen Hafenanlagen. Über einen besonderen Beruf, der eine handwerkliche Ausbildung voraussetzt.

Karl Kerlen ist Berufstaucher.
Karl Kerlen ist Berufstaucher. Der gelernte Energieelektriker und Wasserbaumeister arbeitet auf Unterwasserbaustellen. - © Kerlen Taucher GmbH

Wenn Karl Kerlen abtaucht, wird es trübe um ihn herum. Meist sieht er wenig, manchmal gar nichts. Denn greift er zum Werkzeug. "Meine Hände sind meine Augen", sagt er und fügt sogleich zur Erklärung an, dass er sich im Vorfeld jedes Tauchgangs Pläne anschaut und detailgenau einprägt. Karl Kerlen ist Berufstaucher und arbeitet unter Wasser – vielfach im Abwasser. Häufige Einsätze hat er in Becken von Kläranlagen. Hier repariert er Pumpen, schweißt Bauteile zusammen oder löst Verstopfungen.

Vom Elektroniker zum Wasserbaumeister und Berufstaucher

Die Pandemie hatte bei Müller ihre ganz eigenen Auswirkungen. "Weil das Klopapier knapp war, haben die Leute oft Feuchttücher oder ähnliches benutzt und das hat sich dann in den Propellern tief unten im Klärbecken verfangen", erzählt er. Vor allem die Kläranlagen von kleineren und mittelgroßen Städten hätten ein Problem, wenn sie nicht mehr funktionieren. Das Wasser ablassen, können sie nicht so einfach, denn Ersatzbecken gibt es nicht. So muss die Reparatur bei vollem Wasserstand erfolgen – und Karl Kerlen abtauchen.

Bevor er zum Berufstaucher wurde, hat Kerlen lange regulär auf dem Bau gearbeitet. Jetzt aber habe er seinen "Nischenjob" gefunden. Als Energieelektroniker in der Fachrichtung Anlagentechnik absolvierte er erst eine klassische duale Ausbildung. Das Tauchen war damals noch Hobby. Dann sattelte er um und ging damit den Weg, den die meisten Berufstaucher wählen, die später wie er unter Wasser handwerklich arbeiten. Sie absolvieren nach einer klassischen Ausbildung und der Arbeit als Geselle die zweijährige – ebenfalls duale – Fortbildung zum geprüften Taucher. Viele Azubis sind deshalb laut Kerlen auch etwas älter als in anderen Berufen – "eher Ende 20 statt Anfang 20". Karl Kerlen hat dazwischen noch eine weitere Ausbildung gepackt – die zum Wasserbaumeister.

Berufstaucher Karl Kerlen
Hafenanlagen, Klärbecken, Fahrrinnen von Flüssen oder auch mal offenes Gewässer wie die Berliner Badeseen – Berufstaucher Karl Kerlen taucht in verschiedenen Gewässern und hat jeweils ganz unterschiedliche Aufgaben. - © Kerlen Taucher GmbH

So arbeiten Berufstaucher

Nach der Anerkennung durch die Industrie- und Handelskammer (IHK) dürfen Berufstaucher dann sowohl in Binnengewässern und im küstennahen Bereich als auch offshore an Ölplattformen und Windkraftanlagen tauchen. Wenn an deren Unterbau technische Probleme auftreten, Wartungen oder Reparaturen notwendig sind, kommen Berufstaucher zum Einsatz. Ebenso arbeiten Berufstaucher in Hafenbecken oder tauchen in Fahrrinnen von Schiffen, um Hindernisse zu beseitigen, Bojen zu verankern oder versunkene Gegenstände zu bergen. Oft stehen auch Reparaturen von Hafenanlagen oder Schiffen an. Die meisten der Tauchbetriebe Deutschlands sind deshalb auch im Norden angesiedelt. "In den vergangenen Sommern kam es aufgrund der niedrigen Wasserstände öfter dazu, dass sich Schiffe festgefahren haben und dann befreit und repariert werden mussten", sagt Kerlen.

Teil der Fortbildung ist deshalb nicht nur das Erlernen des Tauchens, sondern auch handwerkliche Fähigkeiten wie das Schweißen oder Bohren unter Wasser. "Das ist meiner Erfahrung nach sogar im Mittelpunkt, denn das Tauchen lernt man schnell im Vergleich zu dem eigentlichen Arbeiten", sagt Kerlen, der selbst auch ausbildet. Zwar kommen die angehenden Berufstaucher mit einer abgeschlossenen handwerklichen Ausbildung zu ihm – größtenteils sind sie Elektriker, Metallbauer oder auch Maurer – doch das Arbeiten unter Wasser und mit eingeschränkter Sicht sei etwas ganz anderes.

In Deutschland gibt es derzeit circa zwanzig Tauchbetriebe, die auf Unterwasserbaustellen tätig sind. Vertreten sind sie im Verband Deutscher Taucherei- und Bergungsbetriebe (VDTB). Wer eine Ausbildung bzw. Fortbildung zum Berufstaucher absolvieren möchte, besucht währenddessen die Berufsschule in Eckernförde in der Nähe von Kiel – die einzige für diesen Beruf in Deutschland.

Auch Berufstauchern fehlt der Nachwuchs

Und wie in vielen anderen Branchen auch, ist es schwer Nachwuchs für die Berufstaucherei zu finden. Zwar beschreibt Karl Kerlen seine Begeisterung für das Arbeiten unter Wasser und auch die Fähigkeiten, die der Beruf erfordert. Dazu gehört ein gutes technisches Verständnis, wenn man Baupläne lesen und in die Praxis übertragen muss, handwerkliche Fähigkeiten und auch die Fähigkeit zu improvisieren und schnell Lösungen für unvorhergesehene Probleme zu finden. "Wenn man abtaucht, weiß man nie zu 100 Prozent, was einen da unten erwartet", sagt der erfahrene Tauchmeister. Genau diese abwechslungsreiche Arbeit macht für ihn aber auch einen besonderen Reiz aus.

Klar sein müsse jedem, der sich für den Beruf interessiert, aber auch, dass er fast immer auf Montage stattfindet. Einsätze in der Heimatregion hätte er kaum. Karl Kerlen hat seinen Betrieb "Kerlen Taucher" im hessischen Hanau angesiedelt, aber ursprünglich stammt auch er von der Nordseeküste. Einige Jahre ist Kerlen zur See gefahren. Lange Zeit nicht am Heimatort zu sein, ist er deshalb gewohnt. Heute versucht er dennoch zumindest am Wochenende zu Hause zu sein – und das ermöglicht er auch seinen Azubis und Mitarbeitern. "Ich bin ganz ehrlich, über Familienfreundlichkeit oder Work-Life-Balance brauchen wir beim Berufstauchen nicht sprechen und auch eine klar geregelte Vier-Tage-Woche ist undenkbar", erklärt Kerlen, der das Konzept und das Bedürfnis vieler Arbeitnehmer nach derartigen Veränderungen aber durchaus verstehen kann.

Äußere Umstände wie das Wetter bestimmen im Arbeitsalltag mit

Doch der Arbeitsalltag als Berufstaucher sei eben einerseits abhängig von Auftraggebern und anderen Gewerken, die sich meist melden, wenn ein Problem vorliegt. Und dieses muss gelöst werden – egal, ob dann Überstunden oder lange Anfahrten nötig sind. Doch egal, ob es sich um einen Notfalleinsatz handelt oder um eine länger geplante Reparatur oder Routinearbeiten wie das Abtauchen aller Berliner Badegewässer vor dem Saisonstart als Sicherheitskontrolle – wie Kerlen berichtet – alle Einsätze brauchen eine gute Vorbereitung. Die Situation vor Ort, die eigene Ausrüstung, mögliche neue Probleme, die auftreten können und auch äußere Umstände wie das Wetter müssen vorher gecheckt sein. So musste er in diesem Jahr Einsätze in Flüssen auch schon verschieben, weil Starkregen eine so starke Strömung gebildet hat, dass er warten musste, bis das Wasser wieder gesunken war.

Aufträge bekommt Karl Kerlen einerseits über die öffentliche Hand und das Beteiligen an Ausschreibungen. Andererseits dient ihm seine Erfahrung im Abwasserbereich und mit Reparaturen an Pumpen und technischen Vorrichtungen auf Kläranlagen dazu, weiterempfohlen zu werden. "Arbeit ist genug da, aber der Nachwuchs fehlt", sagt der Tauchmeister, bevor er wieder abtaucht. Denn wer sich mit ihm über seinen Beruf unterhalten möchte, braucht einen langen Atem. Am Schreibtisch oder Telefon ist der Berufstaucher eher selten anzutreffen.

Karl Kerlen steigt in Kläranlage ab
Zu den Aufgaben von Karl Kerlen gehört es oftmals auch, in den Becken von Kläranlagen Reparaturen durchzuführen. - © Kerlen Taucher GmbH