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ZDH und Waldorfschulen starten Kooperation Mehr Waldorfschüler fürs Handwerk

Das Abitur ist zur Leitwährung geworden. Doch bei dieser Ausrichtung bleiben nach Ansicht der Waldorfschulen viele Fähigkeiten der Schüler unberücksichtigt – seien es künstlerische oder handwerkliche. Um den Schülern die Breite der späteren Ausbildungsmöglichkeiten aufzuzeigen, soll es künftig eine stärkere Zusammenarbeit mit Handwerksfirmen geben.

Immer mehr Jugendliche machen Abitur und wollen studieren. Eigentlich eine positive Entwicklung. Doch sie erzeugt auch den gesellschaftlichen Druck, dass dieser Bildungsweg als Standard für alle gilt. Neben dem gymnasial-akademisch geprägten Bildungsweg unterstützt die Waldorf-Pädagogik vom Ursprung her grundsätzlich auch andere Ausrichtungen und spricht selbst von einem Gleichgewicht der verschiedenen Fähigkeiten der Menschen – kognitiv-intellektuell, handwerklich-praktisch, künstlerisch-ästhetisch und sozial – die alle gefördert werden sollten.

Zwar gibt es keine offiziellen Zahlen, wie viele Waldorfschüler, nach dem Schulabschluss eine Handwerksausbildung absolvieren. Nach Ansicht des Bunds der Freien Waldorfschulen (BdFWS) könnten aber mehr sein bzw. will sich der Verband dafür einsetzen, dass die Chancen, die darin stecken, den Schülern präsenter sind. Zudem bereiten sich die Waldorfschulen derzeit auf ihre Jubiläumsfeier im Jahr 2019 vor: 100 Jahre Waldorfschule. Dies nimmt der Bund der freien Waldorfschulen nach eigenen Angaben zum Anlass, sich des Gründungsimpulses nochmals bewusst zu werden und neu und modern zu ergreifen. Und dazu gehört eben auch die Ausrichtung auf das beschriebene Gleichgewicht und den Fokus auf sowohl handwerkliche und künstlerische Fähigkeiten.

"Übermacht der gymnasial-akademischen Ausrichtung"

"Das ist in der Waldorfschule eigentlich von der ersten Klasse bis zum Ende der Schulzeit gleichgewichtig veranlagt. Heute verrutscht dies aber zusehends in Richtig Übermacht der gymnasial-akademischen Ausrichtung", erklärt Vorstandsmitglied Hans-Georg Hutzel. Aber das Abitur mit seiner besonderen Prägung und Schwerpunktsetzung werde zunehmend zur Leitwährung, der manch andere Kompetenz weichen muss.

Dieser Ansatz und die Probleme der verschiedensten Handwerksbranchen, qualifizierte Nachwuchskräfte zu finden, haben nun dazu geführt, dass die freien Waldorfschulen und der Zentralverband des Deutschen Handwerk (ZDH) eine gemeinsame Kooperationsvereinbarung getroffen haben. So sollen die Möglichkeiten von Handwerksausbildungen im Unterricht der Waldorfschulen stärker Thema sein und auch in Projekten und zu verschiedensten Veranstaltungen sind gemeinsame Aktionen geplant.

Als weiteren passenden Ansatz nennt Hans-Georg Hutzel die sogenannten Jahresarbeiten, die ein Teil jedes Waldorf-Abschlusses sind und die sich für eine Zusammenarbeit der Schüler mit Handwerksbetrieben sehr gut eignen. Für die Jahresarbeiten wählen die Schüler ein Thema, das sie sowohl in praktischer als auch theoretischer Form  erarbeiten, in der Praxis – möglichst direkt in Kooperation mit einem Betrieb – erforschen und später in Form eines Vortrags darüber berichten. Hierbei besteht auch die Chance, Kontakte zu Firmen zu knüpfen für eine spätere Ausbildung.

Berufsorientierung: Kontakte zu Betrieben vermitteln

Ganz konkret wird es ab dem kommenden Jahr auch bereits Pilotprojekte an einigen Schulen geben, in deren Rahmen die Schüler auch eigene „Werkstücke“ gemeinsam mit Handwerksbetrieben erstellen. "Dadurch soll die partnerschaftlich assoziative Zusammenarbeit von örtlichen Betrieben, Unternehmen und Firmen mit den Schulen gefördert werden", beschreibt es Hans-Georg Hutzel. Maßstab bleibe dabei das Lernen und die individuelle Entwicklung der Schüler, betont er jedoch auch und weist darauf hin, dass weiterhin der Lehrplan bestimmend sei und nicht außerschulische Forderungen wie der Druck der Wirtschaft, die nach Fachkräften ringt. "Dieses Ausdiskutieren und Abwägen gelingt in der konkreten Zusammenarbeit bislang ausgezeichnet", so der Waldorf-Vorstand.

Für die Handwerk-Waldorfschulen-Kooperation haben ZDH und BdFWS ein gemeinsames Positionspapier verfasst. Darin ist festgelegt, dass den Schülern der Waldorfschulen künftig noch besser frühzeitig die vielfältigen Berufs- und Karrierewege im Handwerk nahe gebracht werden sollen – laut ZDH ein wichtige Komponente: das Vermitteln der Kontakte zu den Betrieben. Geplant seien neben der stärkeren Vernetzung von Schulen, Handwerksorganisationen und Betrieben etwa Bildungspartnerschaften, eine stärkere gemeinsame Informationspolitik sowie der Ausbau von Schülerpraktika. jtw

Das Positionspapier kann hier nachgelesen werden.>>>

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