WorldSkills Shanghai 2026 "Mehr kannst du aus deinem Körper gar nicht rauskitzeln"

Jakob Distler und Tim Arnold setzen sich bei den WorldSkills 2026 in Shanghai gegen acht Teams im Beton- und Stahlbetonbau durch und holen sich damit den Weltmeistertitel. Wie sie ihre Zusammenarbeit für die WorldSkills trainiert haben – und warum sie beim Betonieren einer Treppe improvisieren mussten.

Nach der Siegerehrung können es Jakob Distler und Tim Arnold kaum glauben: Sie haben tatsächlich Gold gewonnen. - © WorldSkills International

Erst einmal: Herzlichen Glückwunsch zum Weltmeistertitel! Ihr habt beide bereits in einem Interview gesagt, dass ihr nicht mit Gold gerechnet habt. Was war das für ein Gefühl, als es dann hieß: Ihr seid tatsächlich Weltmeister?

Jakob Distler: Wir haben es am Anfang gar nicht glauben können. Erst als wir aus der Halle rausgekommen sind und die ersten Interviews geführt haben, haben wir richtig begriffen: Ich glaube, wir sind es wirklich geworden.

Was bedeutet euch der Titel?

Jakob: Hauptsächlich Stolz. Wir sind stolz darauf, dass wir es überhaupt geschafft haben, daran teilzunehmen. Da steckt schon viel Vorarbeit drin, und das Ganze erst einmal überstanden zu haben – darauf sind wir stolz wie Sau. Das ist schließlich nichts, was wir jeden Tag machen.

Ihr seid gegen acht Teams aus aller Welt angetreten – und habt dafür vier Tage lang geschleppt, gerichtet, geschalt und betoniert. Wie hart waren diese vier Wettkampftage tatsächlich?

Tim Arnold: Die vier Tage waren wirklich sehr, sehr hart – wie auch schon das Training. Da bist du ab der ersten Minute Vollgas dabei. Mehr kannst du aus deinem Körper gar nicht rauskitzeln. Manchmal kannst du vielleicht noch ein, zwei Prozent mehr rausholen, aber du bist wirklich am Maximum. Vor allem am dritten Tag, an dem alles fertig sein musste. Abends konntest du nur noch fix und fertig ins Bett fallen.

Wie sieht so ein Wettkampftag von morgens bis abends aus?

Tim Arnold beim Arbeiten.
Während dem Wettkampf bleibt Stahlbetonbauer Tim Arnold keine Zeit zum Nachdenken, jeder Schritt muss vorher klar sein. - © WorldSkills Germany / Christian Grube

Tim: Wir sind morgens um sieben Uhr mit dem Bus losgefahren. Shanghai ist ja eine Riesenstadt, deshalb mussten wir erst einmal eine halbe bis dreiviertel Stunde mit dem Bus zur Messe fahren. Um 8.30 Uhr war Einlass, dann wurden die Pläne für den Tag ausgegeben. Anschließend gab es noch ein kurzes Briefing mit unserer Trainerin Jule. Um neun Uhr ging es dann los – je nach Tag sechs bis sieben Stunden bis 16.30 beziehungsweise 17 Uhr. Am letzten Tag war es etwas weniger. Zwischendurch gab es ungefähr eine Stunde Pause. Abends hatten wir noch eine kurze Nachbesprechung und haben zu zweit schon den nächsten Tag geplant. Ohne die Vorbereitung geht sonst am nächsten Tag gar nichts – du hast im Wettkampf keine Zeit zum Nachdenken.

Bei einem solchen Wettkampf läuft vermutlich nicht alles nach Plan. Gab es einen Moment, in dem ihr dachtet: Das könnte uns jetzt die Medaille kosten?

Jakob: Ja, beim Treppenbeton. Der Beton war viel zu flüssig für die Treppe. Da mussten wir uns etwas überlegen. Wir haben dann auf die Oberseite der Stufe einen Deckel geschalt und so das Betonieren auch in der Zeit geschafft, die wir uns dafür vorgenommen hatten.

Wie schafft man es, nach so einem Rückschlag nicht hektisch zu werden?

Jakob: Man muss einfach weitermachen. Du hast vorher einen Plan: So und so läuft es. Daran musst du einfach glauben, und dann wird es schon irgendwie.

Tim: Wenn es nicht läuft, muss man kurz durchschnaufen. Die Zeit muss man ja wieder rausholen, und das musst du dann halt einfach doppelt so schnell machen.

"Du musst ohne Hinzuschauen wissen, was der andere gerade macht."

Jakob Distler

Vier Tage lang körperlich am Limit und gleichzeitig hochkonzentriert – wie habt ihr das mental geschafft?

Jakob Distler am Arbeiten.
Jakob Distler weiß, was sein Teamkollege gerade macht, ohne dass er zu ihm hinüberschauen muss. - © WorldSkills International

Jakob: Der Punkt, an dem der Körper gesagt hat, dass er nicht mehr kann, ist eigentlich erst gekommen, nachdem wir fertig waren. Währenddessen haben wir das gar nicht zugelassen. Du musst einfach durchziehen, und danach kannst du ausruhen.

Ihr seid zu zweit angetreten – wie muss man sich die Zusammenarbeit während des Wettkampfs vorstellen?

Jakob: Du musst ohne Hinzuschauen wissen, was der andere gerade macht. Wir haben uns das gegenseitig antrainiert. So haben wir verhindert, dass wir Arbeiten doppelt machen.

Tim: Du musst genau wissen, wer welchen Schnitt macht, wer welche Aussparungen baut und wer was gerade stellt. Ich muss das Richtige hinstellen, damit Jakob zum Beispiel seine Einbauteile einsetzen kann. Es bringt nichts, wenn ich etwas anderes hinstelle, was ihm gar nichts bringt. Oder ich stelle zu viel hin und versperre ihm den Weg. Auf der anderen Seite haben wir zwei Köpfe. Wenn der eine mal etwas übersieht, kann der andere sagen: das muss noch so oder so. Du hast die doppelte Kontrolle. In der Hektik kann es schnell passieren, dass du etwas Kleines übersiehst.

Beton- und Stahlbetonbau ist für viele Menschen wahrscheinlich ein Beruf, bei dem sie zunächst nicht an einen internationalen Wettbewerb denken. Was macht den Beruf auf WorldSkills-Niveau so anspruchsvoll?

Jakob: Hauptsächlich die schwierigen Geometrien, die hast du im Alltag nicht so. Und vor allem die Zeit, im normalen Leben würde man das eigentlich nie schaffen. Die Zeit sitzt dir wirklich immer im Nacken und sagt: Pass auf, du bist viel zu langsam, du musst noch schneller! Das ist Wahnsinn.

Tim: Und auch die Genauigkeit unter Zeitdruck. Du kannst alles schnell machen, aber es muss ja trotzdem alles auf den Millimeter passen.

"Du kannst alles schnell machen, aber es muss ja trotzdem alles auf den Millimeter passen."

Tim Arnold

Vier Tage Wettbewerb sind der sichtbare Teil – wie viel Training steckt hinter diesem Weltmeistertitel?

Jakob Distler und Tim Arnold besprechen sich mit ihrer Bundestrainerin Jule Janson.
Zwar dürfen sie während dem Wettbewerb kein Wort mit ihrer Bundestrainerin Jule Janson wechseln, die Pausen und die Nachbereitungszeit werden jedoch voll ausgeschöpft, um das weitere Vorgehen zu besprechen. - © WorldSkills International

Jakob: Wir haben im April mit dem Training begonnen. Dann haben wir alle zwei bis drei Wochen bei unserem Bundestrainer Josef in Nördlingen in der Bauinnung trainiert. In Berlin hatten wir eine Woche lang ein gemeinsames Abschlusstraining mit allen Teilnehmern.

Wie lässt sich das mit dem normalen Arbeitsalltag vereinbaren?

Jakob: Unsere beiden Chefs hatten damit kein Problem und haben uns den Freiraum gegeben. Aber es war ja nicht nur das Training in Nördlingen. Wir haben auch viel bei mir daheim in der Halle trainiert, Kleinigkeiten verfeinert und uns einige Abende getroffen und zusammen trainiert.

China hat den Medaillenspiegel deutlich dominiert. Was ist euch beim Blick auf die chinesischen Teilnehmer und ihre Vorbereitung aufgefallen?

Jakob: Die trainieren wirklich Jahre lang darauf. Die werden teilweise aus den Schulen herausgeholt und gezielt auf den Wettkampf vorbereitet. Das merkt man dann natürlich am Ergebnis. Wir machen das alles neben der Arbeit, während die Chinesen viel mehr Zeit für die Vorbereitung haben. Das ist schon ein Unterschied.

Hat euch der unterschiedliche Trainingsaufwand unter Druck gesetzt oder eher angespornt?

Jakob: Eher angespornt, weil man trotzdem zeigen will, was man draufhat. Ein Wettbewerb läuft auch nicht exakt wie das Training. Es können Änderungen kommen, und mit solchen Änderungen müssen die Teilnehmer dann auch umgehen können. Da sehe ich einen Vorteil bei uns: Wir sind es gewohnt, flexibel zu reagieren und auch mal zu improvisieren.

Jakob Distler und Tim Arnold schütteln den Drittplatzierten die Hände.
Trotz Wettbewerbsgeist sind die WorldSkills eher ein Miteinander anstatt ein Gegeneinander. - © WorldSkills International

Was bedeutet der Weltmeistertitel jetzt für euren weiteren beruflichen Weg?

Jakob: Wir müssen erstmal sacken lassen, dass wir Weltmeister sind. Wir tun auf der Arbeit, was wir können und geben immer Leistung. Das ist unser Leben. Wir sind begeistert von unserem Beruf und geben das auch an die neuen Azubis weiter. Was das jetzt direkt für die Zukunft bedeutet, kann ich noch gar nicht richtig sagen.

Tim: Das hat auf jeden Fall schon etwas gebracht. Im Training haben wir viel Neues gelernt, was man auf der Baustelle zusätzlich in manchen Bereichen anwenden kann.

Würdet ihr noch einmal antreten – und was kommt nach dem Weltmeistertitel?

Jakob: Nächstes Jahr wären ja die EuroSkills in Düsseldorf. Ob wir da antreten, wissen wir selbst noch nicht. Das müssen wir erst einmal mit unserem Trainer besprechen und schauen, ob das Sinn macht. Ich mache nächstes Jahr meinen Meister und habe deshalb nicht so viel Zeit zum Trainieren.