Mehr Einwanderer braucht das Land – dieser Meinung ist zumindest der Wirtschaftsforscher Klaus Zimmermann. Auch Handwerkspräsident Otto Kentzler tendiert in diese Richtung. Nicht alle Betriebe stehen diesen Vorschlägen positiv gegenüber. Von Patrick Choinowski
Mehr Einwanderer gegen Fachkräftemangel?
Der Maschinen- und Anlagenbauer Schnaithmann in Remshalden bei Stuttgart sucht händeringend Fachkräfte. Zwei der drei ausgeschriebenen Stellen sind zwar mittlerweile besetzt, doch kann das Unternehmen keinen Elektromeister finden – trotz zahlreicher Anzeigenschaltungen in den vergangenen zwei Monaten. "Fachkräfte müssen auch Fachkräfte sein", sagt Marc Hentzner Leiter der Abteilung Steuerungstechnik bei Schnaithmann. Nur wenige Bewerbungen hat er bisher erhalten, die aber nicht den Vorstellungen des Betriebes entsprachen. Einen Grund für die schwierige Suche sieht Hentzner in der Boom-Region Stuttgart. "Die Auftragslage ist gut, da ist es schwer, hochqualifiziertes Personal zu bekommen."
Um den Engpass zu beheben, könnte die Firma Schnaithmann auf ausländische Fachkräfte zurückgreifen. Handwerkspräsident Otto Kentzler verwies schon mehrmals darauf, dass Zuwanderung eine Lösung des Fachkräfte- und Lehrlingsmangelproblems im Handwerk sein könnte.
Nun erhält Kentzler Unterstützung von Klaus Zimmermann, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Er verlangt eine "offensivere Einwanderungspolitik" als bisher. Angesichts der Überalterung der Gesellschaft brauche Deutschland dringend Arbeitskräfte und Zuwanderer aus dem Ausland – und zwar mindestens netto 500.000 mehr Menschen pro Jahr, um seine Wirtschaftskraft dauerhaft zu sichern, sagt Zimmermann.
"Ab 2015 verlieren wir jedes Jahr rund 250.000 Mitarbeiter. Dann fehlen aber bereits drei Millionen Arbeitskräfte am Markt – insbesondere Fachkräfte", hat der Wirtschaftsforscher ausgerechnet. Ohne Zuwanderung werde der Wohlstand sinken und die Lebensarbeitszeit müsste in Deutschland auf rund 70 Jahre verlängert werden. Der DIW-Chef stellt sich vor, dass die Einwanderung künftig einerseits arbeitsmarktsorientiert auf den kurzfristigen Bedarf abgestimmt wird. "Wer einen Job hat, darf bis zu fünf Jahre kommen." Andererseits braucht es ein "Punktesystem für dauerhafte Zuwanderung, wie es beispielsweise Australien oder Kanada praktizieren, bei dem es vor allem auf die Ausbildung ankommt."
Die Vorschläge helfen dem Maschinen- und Anlagenbauer Schnaithmann bei der Suche nach Fachkräften kurzfristig nicht weiter. Allerdings denkt man im Unternehmen auch langfristig nicht an die Einstellung von hochqualifizierten Zuwanderern. Man müsse die Fachkräfte sofort im laufenden Betrieb einsetzen. Die deutsche Sprache sowie die Abläufe müssten die Fachkräfte sofort abrufen können. Diese Anforderungen könnten hochqualifizierte Zuwanderer zunächst nicht erfüllen. "Wir suchen Fachkräfte aus der Region", heißt es im Betrieb.
"Vorrang für den deutschen Arbeitsmarkt"
Ebenfalls skeptisch ist Bundesinnenminister Thomas de Maizière. "Das Zuwanderungsrecht ist flexibel genug, um gezielte Zuwanderung zu organisieren", sagte der CDU-Politiker. Wenn es zu wenig Zuwanderung gebe, dann liege das "an allem möglichen, aber am wenigsten am Zuwanderungsrecht."
De Maizière betonte, er sei nicht gegen gezielte Zuwanderung, allerdings gebe es "einen Vorrang für den deutschen Arbeitsmarkt". Dies betreffe nicht nur Deutsche, sondern alle, die in Deutschland lebten. Zunächst sollten Deutsche, EU-Ausländer und diejenigen mit gesichertem Aufenthaltsstatus Arbeit erhalten. Wenn jedoch klar sei, dass es ganze Bereiche gebe, wo der deutsche Arbeitsmarkt nicht zufriedengestellt werden könne, dann biete das Recht die Möglichkeit, etwa von einer Vorprüfung abzusehen.
mit Material von dapd
