Die Überqualifizierung von Arbeitnehmern ist in Ost und West unterschiedlich hoch. Das geht aus einer aktuellen IAB-Studie hervor. Die Gründe dafür werden gleich mitgenannt.

Während in einigen westdeutschen Gebieten jeder zehnte Arbeitnehmer einen Berufsabschluss hat, der höher ist als für die ausgeübte Tätigkeit erforderlich, träfe das in anderen Regionen teilweise auf jeden vierten zu – vor allem in Ostdeutschland.
Höheres formales Qualifikationsniveau
Bundesweit seien 15 Prozent der Beschäftigten formal überqualifiziert. Das alles geht aus einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor. Demnach sind 22 Prozent der Beschäftigten hierzulande formal unterqualifiziert tätig und ausbildungsadäquat.
In der Studie haben die IAB-Forscher Malte Reichelt und Basha Vicari formale Überqualifizierung näher betrachtet, da diese auf nicht ausgeschöpfte Potenziale hindeuten könnte.
Laut des IAB sind die regionalen Unterschiede zum einen auf ein höheres formales Qualifikationsniveau in Ostdeutschland zurückzuführen. Nur neun Prozent der ostdeutschen Arbeitnehmer hätten keinen Berufsabschluss, aber 16 Prozent der westdeutschen Beschäftigten.
Wegfall von Arbeitsplätzen mit hohem Qualifikationsniveau
In der ehemaligen DDR wurde einer flächendeckenden Berufsausbildung ein sehr hoher Stellenwert zugeschrieben. Aus diesem Grund hätten dort nur wenige Arbeitnehmer keine Berufsausbildung abgeschlossen, so die IAB-Forscher.
Darüber hinaus seien nach der Wiedervereinigung zahlreiche Arbeitsplätze mit einem höheren Qualifikationsniveau weggefallen, sodass nicht passende Stellen für die noch in der DDR ausgebildeten Arbeitnehmer zur Verfügung standen. Durch den Wechsel des Systems wurden auch manche Kenntnisse und Qualifikationen nicht mehr nachgefragt. Infolgedessen mussten die Beschäftigten vermehrt auch Tätigkeiten unterhalb ihres formalen Qualifikationsniveaus annehmen.
Frage der Generation
Laut beiden IAB-Forschern sind es bis heute vor allem die Arbeitnehmer über 50 Jahren, die von ausbildungsinadäquater Beschäftigung in Deutschland betroffen sind, während das Risiko der Jüngeren sehr viel geringer ausfällt.
In den alten Bundesländern fänden sich dagegen nur vereinzelt Regionen mit hohen Anteilen an formal überqualifiziert Beschäftigten, wie Wolfsburg oder der Rhein-Neckar-Kreis. Der Lohn der formal überqualifiziert Beschäftigten ist dort aufgrund der ansässigen Wirtschaft durchschnittlich höher als in anderen Regionen. Die hohen Anteile an formal überqualifiziert Beschäftigten scheinen also durch die besseren Verdienstmöglichkeiten bedingt zu sein.
Beide Arbeitsmarktforscher betonen, dass die individuellen und gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen von formaler Überqualifizierung differenziert zu betrachten seien: "Für Arbeitnehmer kann eine formale Überqualifizierung sowohl mit höheren Verdiensten als auch mit Lohneinbußen und weiteren Arbeitsmarktrisiken einhergehen. Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht kommt es einerseits zur Verhinderung von Arbeitslosigkeit, andererseits aber zu nicht optimal genutzten Bildungsausgaben und Wertschöpfungspotenzialen." Vor allem im Hinblick auf die künftige Fachkräftesicherung würde sich die Frage stellen, wo Potenziale besser genutzt werden könnten.
Die komplette Studie zum Nachlesen stellt das IAB auf seiner Webseite bereit. dhz