Abruzzen Mehr als ein Erdbeben

Die Regierungschefs treffen sich im erdbebengeschädigten L’Aquila zum G8-Gipfel. Die Abruzzen sind aber mehr als nur das zerstörte Städtchen. Die Region um den Gran Sasso ist reich an vielen Schätzen. Von P. Choinowski

Mehr als ein Erdbeben

Maria wird den Tag nie vergessen. "Mein Bett ist durch das Zimmer gewandert. Die Wände wackelten. Wir dachten, es bricht alles zusammen", erinnert sie sich an den 6. April 2009, als die Erde bebte und die Gegend um das Städtchen L’Aquila zerstörte. Obwohl Maria im 60 km entfernten Sulmona lebt, spürte sie die Stöße deutlich. Nur, dass das Beben in ihrer Heimatstadt kaum Spuren hinterließ. "Es ist vieles heil geblieben", sagt Maria und zeigt auf das Aquädukt, das sich zwischen Fußgängerzone und der umtriebigen Piazza Garibaldi seinen Weg bahnt.

Zwar sind einige Kirchen infolge des Bebens aus Sicherheitsgründen geschlossen, und auch etwa 1.200 Einwohner des Stadtzentrums mussten ihre Häuser verlassen. "Kurzzeitig", erzählt die Tochter einer Deutschen und eines Italieners, habe sie nicht in ihrem Büro arbeiten können. "Wir haben alles in ein Zelt verlegt. Bei Hitze und Regen war das furchtbar." Ihr Exil hat sie aber nun, gut drei Monate nach dem Erdbeben, verlassen können. Vereinzelt stützen Holzbalken und Gitter die Häuser in der Fußgängerzone. Manche Fassade spalten Risse in zwei Teile. Doch insgesamt fallen die Beschädigungen kaum auf.

Überall auf dem Corso Ovidio werden bunte Confetti feilgeboten – Mandeln, die mit süßem Zuckerguss überzogen und Sulmonas Markenzeichen sind. Jung und Alt flaniert auf dem Corso zwischen Cafés, Gelaterias und Modegeschäften. Kein Vergleich sind diese Bilder zu L’Aquila, dessen vergitterte Ruinen an einen Raubtierkäfig oder ein verlassenes Schlachtfeld erinnern.

Wie in Sulmona ist auch in den übrigen Regionen der Abruzzen kaum etwas von dem schweren Erdbeben in L’Aquila zu spüren. Touristisch ist die in die vier Provinzen L’Aquila, Chieti, Pescara und Teramo geteilte Region noch wenig erschlossen. Das gibt dem Besucher das Gefühl, wirklich in Italien zu sein. Auf den Piazzas tummeln sich die alten Herren der Dörfer und parlieren über dies und das. Oder es herrscht Siesta. Vielleicht bei einem Espresso, der in den Abruzzen noch "Café" heißt und um die 50 Cent kostet.

Malerische Orte wie Civitella del Tronto fügen sich so perfekt in die Landschaft ein, dass man meinen könnte, beides wurde zusammen erschaffen. Es scheint fast so, als ob ein Modellbauer am Werk gewesen wäre. Geradezu hingezirkelt sind die Häuser auf die Felsen. Im Falle von Civitella del Tronto bildet die knapp 500 m lange Festung den Gipfel des bewohnten Felsens. Die Burg im Norden der Abruzzen hatte bereits im 12. Jahrhundert für die Könige von Neapel strategische Bedeutung. Heute ist sie für die Öffentlichkeit zugänglich und bietet einen herrlichen Rundblick auf den Gran-Sasso-Nationalpark mit dessen höchstem Berg, dem Gran Sasso (2.912 m). Sanft ziehen sich die grünen und gelben Hügel einerseits in Richtung Gebirge, andererseits fallen sie ab an die nicht weit entfernte Adriaküste.

Die Schönheit der Landschaft ist der eine Schatz der Abruzzen. Aber nicht der einzige. Da wären zum einen die religiösen Relikte: Die Reliquien des Apostels Thomas ruhen in der Kathedrale San Tommaso in Ortona. Ein Höhepunkt neben den zahlreichen Kirchen ist aber sicher der Besuch von Manopello und Lanciano, wo das "Schweißtuch der Veronika" und das erste Eucharistische Wunder Ziele von Pilgern und Touristen sind.

Ein anderer Schatz der Abruzzen ist die Küche. Welch ein Glück hat diese Region, dass sie alles bieten kann: Fisch, Fleisch und hervorragende Weine. Das Restaurant des Hotels Zunica in Civitella del Tronto gehört mit zum Besten, was die Abruzzen zu bieten haben. Selbst gemachte Pasta gehören selbstverständlich dazu. Außerdem serviert Koch Davide Zunica Antipasti in speziellen Kreationen. Da kann es sogar passieren, dass Kalbfleisch erst kurz vor dem Verzehr auf dem Tisch gebraten wird. Dazu genießt man einen edlen Montepulciano d’Abruzzo. Wer es rustikaler mag, dem sei das "Ristorante Tenuta I Calanchi" nahe Manopello empfohlen. Inmitten einer wilden Landschaft von Olivenhainen und zerklüfteten Felsen liegt es auf einem Hügel. Schon die abenteuerliche Anfahrt lässt vermuten, dass das Lokal etwas Besonderes zu bieten hat. Ein typisches abruzzinisches Sonntagsmahl dauert hier gut und gerne mal drei Stunden. Es gibt alles Rustikale, was die regionale Küche zu bieten hat: Antipasti, Graupen- und Linsensuppe, Fleischklöße, Bauchspeck mit Paprika, natürlich selbst gemachte Ravioli und Pasta sowie gegrilltes Lamm.

Die Abruzziner wissen, wie sie das Leben genießen. Das Erdbeben von L’Aquila hat sie aus ihrer Idylle gerissen. Dennoch betonen sie, dass sie nirgendwo anders leben möchten. Maria könnte auch zu ihrer Mutter nach Berlin ziehen. Doch sie bleibt in den Abruzzen. "Das ist meine Heimat", sagt sie – ein Zitat Ovids, der wie Maria in Sulmona zuhause war.