Karl Marx würde dieses Jahr seinen 200. Geburtstag feiern. Historikerin Beatrix Bouvier erklärt, welche Bedeutung seine Theorien noch haben, was er über den heutigen Kapitalismus denken würde und warum seine düstere Prognose für das Handwerk nicht eingetroffen ist.
Steffen Guthardt

DHZ: Frau Bouvier, Karl Marx hätte dieses Jahr seinen 200. Geburtstag gefeiert. Was ist rückblickend sein größter Verdienst?
Bouvier: Seine Analysen haben uns die Augen geöffnet, wie stark wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen. Seine tiefgreifende Kritik, seine Art des Beunruhigens und Anstachelns hat Marx einzigartig gemacht. Unsere heutige Gesellschaft kann sie immer noch als Anregung nutzen, das vermeintlich Selbstverständliche zu hinterfragen.
DHZ: Was war Marx wichtigstes Ziel?
Bouvier: Marx wollte herausfinden, wie ein System im Inneren wirkt. Er hatte auf vieles keine Antwort und hat nie aufgehört zu fragen, was die Funktionsweise dieses Produktionssystems ist, dass wir Kapitalismus nennen. Er hatte die Hoffnung, eine ökonomische Krise könnte revolutionäre Veränderungen auslösen. Er war aber durchaus redlich genug, festzustellen, dass dies nicht eintrat. Deshalb hat er sich nach und nach von dieser Hoffnung gelöst.
DHZ: Sein bekanntestes Werk, das Kapital, erschien vor 150 Jahren. Wie aktuell sind die dort formulierten Theorien noch?
Bouvier: Viele seiner politischen und wirtschaftlichen Prognosen sind natürlich längst überholt und nicht mehr relevant. Immer noch bedeutend sind seine gesellschaftlichen Theorien. Manche davon erscheinen uns heute als selbstverständlich, andere sind hingegen nie eingetroffen. Dazu gehört auch seine Theorie zur Diktatur des Proletariats, die von vielen Fehlannahmen ausging. Marx hat etwa nicht die Herausbildung des tertiären Sektors hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft mit Angestellten vorausgesehen.
DHZ: Wäre Marx sehr enttäuscht, dass der Kapitalismus überlebt hat?
Bouvier: Marx wäre sicher nicht enttäuscht. Ihm war durchaus bewusst, dass das kapitalistische System langlebig sein kann und sich durch Veränderungen wandelt, ohne zwangsläufig zu verschwinden. Er hat immer wieder neu angesetzt, den Kapitalismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen zu studieren – erst den Industriekapitalismus in England und später in Amerika. Das war für Marx ein andauernder Prozess.
"Wir neigen immer dazu, Marx’ Theorien in einen Zusammenhang mit Staatssozialismus oder der Gründung kommunistischer Regime zu stellen. Aber das ist falsch. Das Gedankengut, was dort geformt wurde, hat nicht Marx geformt."
DHZ: Sind die kommunistischen Staaten, die nach Marx Lebzeiten entstanden, sein Erbe?
Bouvier: Nein, gewiss nicht. Marx hat analysiert und kritisiert, aber er hat keine Staatstheorie hinterlassen oder ein Modell für einen Staatsaufbau entworfen. Wir neigen immer dazu, Marx’ Theorien in einen Zusammenhang mit Staatssozialismus oder der Gründung kommunistischer Regime zu stellen. Aber das ist falsch. Das Gedankengut, was dort geformt wurde, hat nicht Marx geformt. Auch der Marxismus war nicht Marx’ Werk. Er sagte von sich selbst, kein Marxist zu sein.

DHZ: Ist das heutige China nicht ein System im Sinne von Marx?
Bouvier: Nein, die kommunistische Diktatur in China ist nicht das, was Marx mit der Diktatur des Proletariats meinte. Marx wäre auch der Erste gewesen, der sich gegen Diktaturen wie von Stalin oder Mao eingesetzt hätte. Für Marx war die Freiheit des Einzelnen ein hohes Gut. Marx war sein Leben lang gegen Zensur und er wusste seine eigenen Freiheitsrechte – etwa die Pressefreiheit in England – sehr zu schätzen. Marx ist niemand, der der Diktatur das Wort gibt. Er hat selbst erlebt, wie seine Zeitungsprojekte an der Überwachung und Zensur gescheitert sind.
DHZ: Wollte Marx Revolution um jeden Preis?
Bouvier: Nein, darüber hinaus war Marx kein Barrikadenkämpfer. Er hat nie zu Aufstand oder Gewalt aufgerufen. Er hat gesehen, dass Revolution häufig nicht funktioniert und in sinnlose Gewalt ausartet. Deshalb hat Marx gegen alles gewettert, was einem Putsch gleichkam. So auch in den Revolutionen von 1848/1849, auf die er sehr große Hoffnungen gesetzt hatte.
DHZ: Mit welcher Partei könnte sich Marx heute identifizieren. Der Linken?
Bouvier: Womöglich, aber Marx war nie Parteipolitiker nach heutigem Verständnis. Zu Zeiten von Marx gab es die Parteien in heutigem Sinne noch nicht, aber sie waren mit den Arbeiterbewegungen gerade in der Entstehung. Marx hat sich dort zwar ferngehalten, aber sie dennoch beeinflussen wollen. Er war durchaus Politiker, wollte auf lange Sicht aber nicht politisch taktieren, Kompromisse schließen oder sich gegenüber einer Parteibasis rechtfertigen. Das alles war seine Sache nicht. Marx hätte es auch nicht ertragen, mit Menschen zu diskutieren, die nicht seine intellektuellen Standards erfüllen. Partei war für Marx nur er selbst und vielleicht noch seine engsten Weggefährten wie Friedrich Engels.
"Heute erleben wir einen gegenläufigen Trend. Handwerkliche Produkte, wie etwa handgemachte Schuhe oder Anzüge, sind teure Sonderanfertigungen, die bei Besserverdienenden wieder in Mode sind."
DHZ: Marx sah im Handwerk lediglich eine kurzzeitige Übergangsphase zum Fabrikbetrieb. Hat er das Handwerk unterschätzt?
Bouvier: Das Handwerk hat überlebt, allerdings in anderer Form, als Marx es damals vorgefunden hat. Viele der alten Berufe sind mit der zunehmenden Industrialisierung verschwunden, wie von Marx prophezeit, weil immer mehr Produkte maschinell hergestellt werden konnten. Heute erleben wir einen gegenläufigen Trend. Handwerkliche Produkte, wie etwa handgemachte Schuhe oder Anzüge, sind teure Sonderanfertigungen, die bei Besserverdienenden wieder in Mode sind, weil sie sich damit von der Masse abheben können. Damals gab es diese Wahlmöglichkeiten gar nicht.
DHZ: Auch Marx’ Verelendungstheorie hat sich nicht bewahrheitet. Mancher Handwerker verdient heute mehr als ein Akademiker.
Bouvier: Marx bezog die Verelendung auf die gesamte Lebenslage des Arbeiters, nicht nur seine Einkommenssituation, sondern auch seine Situation im Arbeitsprozess, geprägt von schlechten Arbeitsbedingungen und Unterwerfung. Aber es stimmt, die Vorhersage dieser Theorie ist nicht eingetroffen.
DHZ: Arbeit und Gesellschaft sind heute von der Digitalisierung geprägt. Hätte Marx das gestört?
Bouvier: Marx war offener für die Zukunft, als viele ihm das heute zuschreiben, und kein Feind des Fortschritts. Er hat immer nur beschrieben, was er sieht. Er würde deshalb die Digitalisierung ganz unvoreingenommen analysieren und wäre wohl zu der Erkenntnis gelangt, dass sie uns Vor- und Nachteile bringt, Gewinner und Verlierer produziert. Ein wichtiger Aspekt wäre für ihn sicher die Entfremdung gewesen, die die Digitalisierung bewirkt. Menschen werden von ihr erfasst und gesteuert. Es ist aber nicht mehr das einzelne Individuum, das die Prozesse steuert.
DHZ: Nun feiern wir seinen 200. Geburtstag mit vielen Veranstaltungen. Wird Marx auch danach weiter im Gedächtnis bleiben?
Bouvier: Da habe ich keine Bedenken. Auf Marx wird auch in aktuellen Debatten immer wieder Bezug genommen. Viele seiner gestellten Fragen sind immer noch aktuell und ich habe durchaus den Eindruck, dass sich junge Menschen damit beschäftigen. Marx steht für etwas, das provoziert und polarisiert und das bewegt die Menschen nach wie vor.
Jubiläumsjahr Karl Marx
Am 5. Mai, pünktlich zum 200. Geburtstag von Karl Marx, sollen die Sanierungsarbeiten am Geburtshaus des Philosophen in Trier abgeschlossen sein. Der Eigentümer, die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), zeigt dort dann eine neue Dauerausstellung zum Leben Marx’ und seinen Gesellschaftstheorien. Ein besonderes Ausstellungsstück ist der Lesesessel von Marx aus London.
Unter dem Motto "Leben.Werk.Zeit." präsentiert die Stadt Trier bis zum 21. Oktober 2018 eine Landesausstellung, an der sich auch das Bistum Trier beteiligt. Insgesamt soll es in Trier mehr als 300 Veranstaltungen geben. Zudem wird am 5. Mai eine vier Meter hohe Bronzestatue von Marx aus China enthüllt.
Chemnitz, zu DDR-Zeiten Karl-Marx-Stadt genannt, gestaltet ebenfalls eine eigene Marx-Ausstellung. Im Rahmen der 19. Chemnitzer Museumsnacht am 5. Mai konnten Chemnitzer Gegenstände mit Marx-Bezug einsenden. Besucher sollen neben der Ausstellung und dem Karl-Marx-Denkmal auch eine Woche lang eine Plakataktion mit bekannten Zitaten wie "Religion ist das Opium des Volkes" zu sehen bekommen.
Interessierte müssen aber nicht gleich nach Trier oder Chemnitz reisen. Die Rosa-Luxemburg Stiftung listet unter www.marx200.org bundesweit Veranstaltungen auf, die sich mit Marx beschäftigen.
So gibt es deutschlandweit Lesungen des Kommunistischen Manifests, Diskussionen und Vorträge, wie zum Beispiel in den Gewerkschaftshäusern in Ulm und Stuttgart.
Das Bundesfinanzministerium hat zum Jubliäum eine Marx-Sonderbriefmarke herausgegeben.
Kein Fan von Museen? Das Londoner Musical "Come Back Karl Marx!" tourt ab Oktober durch Deutschland. Premiere ist in Trier. dk