Der Markt für altersgerechte Assistenzsysteme (AAL) ist groß – und unübersichtlich. Trotzdem müssen Unternehmer nicht als Einzelkämpfer einsteigen. Immer mehr Fachverbände, Handwerkskammern, aber auch High-Tech-Netzwerke bündeln die Informationen. Eine Chance für Betriebe.
Frank Muck

Hans-Jürgen Müller widmet sich seit einigen Jahren dem Markt der altersgerechten Assistenzsysteme (AAL). Der Geschäftsführer des TIP Elektro-Service-Center aus Fulda betreut in erster Linie Krankenhäuser mit technischen Hilfssystemen. In Privatwohnungen installiert er vornehmlich Kontrollsysteme, die auf verschiedenen Wegen – zum Beispiel über Apps – durch Kameras oder Spannungsschwankungen die Tätigkeiten oder Bewegungen von alten Leuten registrieren.
Bei AAL wenige Systeme von der Stange
Bisher gibt es wenige Systeme von der Stange, beobachtet der Unternehmer. Er und seine Mitarbeiter müssen immer individuell arbeiten. "Wir machen jedes Mal ein eigenes Konzept", so Müller. Es komme immer auf den Mensch und seine Bedürfnisse an.
Müller hat sich dem Arbeitskreis AAL des Engineering High-Tech-Clusters Fulda (EH-Cluster) angeschlossen. Clustermanager ist Christian Vey. Für ihn zentral ist die Frage, wie sich die Lebensqualität älterer, nicht mehr mobiler Menschen verbessern lässt: zu Hause wohnen, Mobilität, soziale Interaktion. "Kernfrage bei AAL ist doch, wie Senioren und Jüngere mit Einschränkungen länger in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können", sagt Vey.
Eine Hürde sei im Moment aber die Zielgruppe selbst. Eine Kontaktaufnahme mit Senioren gestalte sich schwierig. Vey vermutet, dass Angst vor neuer Technik und das fehlende Eingeständnis der eigenen Befindlichkeit immer noch die Beschäftigung mit dem Thema verhindert.
Persönliches Interesse überwiegt
Aber auch Unternehmer sind noch zurückhaltend mit dem Einstieg ins Thema. Matthias Joseph ist Experte für barrierefreies Bauen an der Handwerkskammer Kassel. Er beobachtet, dass sich zu den einschlägigen Veranstaltungen der Handwerkskammern oft nur solche Unternehmer anmelden, die ein persönliches Interesse am Thema haben, weil es beispielsweise ein behindertes Kind in der Familie oder pflegebedürftige Eltern gibt. Aber auch Handwerker, die sich und ihren Betrieb sehr stark strategisch ausrichten, nehmen an den Weiterbildungen teil.
Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung ist die Zurückhaltung schwer verständlich. Denn im Jahr 2050 werden 37 Prozent der Menschen in Deutschland älter als 60 Jahre sein. Derzeit sind es noch 24 Prozent. Der Bedarf an Assistenzsystemen und altersgerechten Wohnungen wird damit weiter steigen.
Wer sich diesen Markt erschließen will, tut sich mit Netzwerken leichter. Matthias Joseph hält diese für überaus hilfreich. Schließlich seien an einer Sanierung meist mehrere Branchen beteiligt. "Der Kunde freut sich, wenn die Organisation in einer Hand liegt", so Joseph. Cluster, in denen sich verschiedene Marktteilnehmer zusammenschließen, sorgen zudem für eine Sensibilisierung gegenüber dem Thema.
Das Thema wird stärker sichtbar
Ein solches Netzwerk leitet auch Maik Plischke. "Geniaal leben" heißt der Zusammenschluss von über 50 Netzwerkpartnern aus Forschungsinstitutionen, Unternehmen und ministerialen Einrichtungen, vor allem aber Verbänden aus dem Raum Wolfsburg. Ziel ist, die verschiedenen Teilnehmer auf dem Markt für AAL zusammenzubringen und Umsätze zu generieren.
Der Kooperationsgedanke ist laut Plischke aber nur ein Vorteil von vielen. Das Thema bekomme zusätzlich eine andere Sichtbarkeit in der Wohnungswirtschaft. Architekten und Stadtplaner etwa seien bisher nur unzureichend auf diese Bedürfnisse vorbereitet. Im Studium werde das Thema nur am Rande angesprochen. Ebenso gehe die Politik das Thema strategischer an, wenn sich Interessengruppen vermehrt dazu äußern. Förderlich sei ebenfalls, dass Netzwerke wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema auf eine pragmatische und umsetzbare Ebene befördern.
Zusätzlich gibt es seit 2012 speziell das Handwerker-Netzwerk "Geniaal beraten", ein Exzellenzcluster für AAL. Knapp 40 Betriebe haben sich bis jetzt fortgebildet für das Siegel "Generationenfreundlicher Betrieb".
Weitere Netzwerke und Cluster zu AAL
Netzwerkinitiative Smart Home&Living
Die Fördermittel der Kreditanstalt für Wiederaufbau
Programm 159: Altersgerecht Umbauen, Kredit
Programm 455: Altersgerecht Umbauen - Investitionszuschuss
Anlage zum Merkblatt: Altersgerecht Umbauen Kredit (159) und Investitionszuschuss (455)