Bundestagswahl 2009 Markige liberale Sprüche im CSU-Stammland

Ausnahmezustand in München: Es ist Wies’n-Zeit und natürlich Wahlkampf. Für den FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle bedeutet dies Höchstleistung – zuerst auf dem Oktoberfest, dann auf dem Marienplatz. Die vielen Zuhörer ließen sich von seiner Rhetorik anstecken. Von Patrick Choinowski, München

Guido Westerwelle warb auf dem Münchner Marienplatz für die Zweitstimme für die FDP. Foto: ddp

Markige liberale Sprüche im CSU-Stammland

Viel kitschiger hätte es auch die CSU nicht organisieren können. Die weiß-blaue bayerische und die schwarz-gelbe Münchner Fahne schwenken leicht im Wind am Rathaus. Gerade, als Guido Westerwelle seine kämpferische Wahlkampfrede beendet, beginnt das Glockenspiel. Ob sich deshalb so viele Menschen auf dem Marienplatz befunden haben? Einerseits ja. Denn die Japaner mit ihren Fotoapparaten warteten nur auf die tanzenden Schäffler und die dazu ertönende Musik. Verstanden haben dürften sie nicht, was Guido Westerwelle, der Vorsitzende der FDP, da auf der gelb-blauen Bühne erzählte. Und, ja, Westerwelle war andererseits der Grund – ja der Hauptgrund, warum der Marienplatz so gut gefüllt war.

Selten versammelten sich je zuvor so viele Zuhörer auf einer Veranstaltung der FDP in München. Das bescherte den Politikern gute Laune. Ob Hermann-Otto Solms, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und allen voran Guido Westerwelle – alle versuchten sie, ihre Stimmung auf den prall gefüllten Marienplatz zu übertragen. Nichts erinnerte allerdings an die "Spaßpartei", die Westerwelle zusammen mit seinem früheren Mentor Jürgen W. Möllemann im Wahlkampf 2002 mit dem "Projekt 18" verkörperte. Auf Seriosität mit markigen Sprüchen setzt der FDP-Chef im Wahlkampf 2009 und scheint damit Erfolg zu haben.

Einen Rundumschlag durch alle Bereiche der Politik wagte Westerwelle. Rente, Gesundheit, Bildung, Steuern, Arbeitsmarkt, Umwelt – nichts ließ der FDP-Vorsitzende aus. Selbst einige FDP-Gegner, die Plakate wie "Gott bewahre uns vor Westerwelle" hochhielten, konnten die Stimmung nicht trüben. Im Gegenteil: Die "Störer" wie Westerwelle sie nannte, trugen zu seiner wie auch zur Erheiterung der übrigen Zuhörer bei. "Dass Deutschland mehr Bildung braucht, sieht man an solchen Leuten", brüllte er ins Mikro und erntete für seine bekannte rhetorische Spontaneität viel Applaus.

"Wir brauchen einen Neuanfang im Steuerrecht"

Überhaupt erhielt der Rheinländer viel Zuspruch in der bayerischen Landeshauptstadt. Ob Jung, ob Alt – Westerwelle scheint mit vielen Themen die Nerven der Münchner zu treffen, die ausgewiesenermaßen nicht alle FDP-Anhänger sind. "Wir sind aus Interesse gekommen und es hört sich gut an, was er sagt", sagt ein Rentnerehepaar aus Milbertshofen. Beide wie auch einige Studenten finden es gut, dass Westerwelle sagt: "Leistung muss sich lohnen". "Deshalb brauchen wir einen Neuanfang im Steuerrecht", forderte Westerwelle. Die von den Liberalen vorgeschlagene Steuerreform sei "sozialer als die vielen roten Fähnchen am ersten Mai".

Der FDP-Vorsitzende buhlte um die "Mitte", wie er immer wieder betonte. Der Mittelstand, kleine Unternehmen, Handwerksbetriebe seien das Rückgrat der Wirtschaft. "Die Mitte soll nicht länger Deppen der Nation sein." Es sei gefährlich, wenn diese Mitte wegfalle.

Dies zu verhindern, ginge laut Westerwelle nur in einem Bündnis mit der Union. "Wir wollen eine bürgerliche Mehrheit aus Union und FDP", sagte der FDP-Chef und warb um das Vertrauen der Münchner und um deren Zweitstimme. "Wir haben 2005 Wort gehalten und werden es wieder tun."

Fehlte in der kitschigen Münchner Atmosphäre eigentlich nur noch ein Seitenhieb auf die CSU, die die FDP ja so gerne kritisierte in diesem Wahlkampf. Lange musste man darauf warten. Nur einmal nahm Westerwelle das Wort "Seehofer" in den Mund. "Fast hätte ich es, ohne ihn zu erwähnen, geschafft“, scherzte der Chef der Liberalen. Bayern-Fahne und Glockenspiel haben ihn aber dann scheinbar doch an den bayerischen Ministerpräsidenten erinnert, obwohl alles so schön gelb-blau geschmückt war an diesem Nachmittag auf dem Münchner Marienplatz. "Es ist nicht das Land von Herrn Seehofer, Frau Merkel oder Herrn Steinmeier. Es ist unser Land", betonte Westerwelle mit Pathos im Heimatland der CSU.